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Jugendsiedlung gab Gärtnerei auf

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Anger/Traunreut. Über 30 Jahre hat sie Anger geprägt: die Gärtnerei der Jugendsiedlung Traunreut. Sie war, wie es Betriebsleiter Christian Haut in einem Abschiedsbrief an die treuen Kunden und Freunde formuliert, »für viele Auszubildende und Mitarbeiter nicht nur ein ganz besonderer Arbeitsplatz, sondern auch manchmal ein Stück Familie oder Heimat«.


Aus unternehmerischen Gründen hat die Vorstandschaft der Jugendsiedlung im Dezember beschlossen, den Standort Anger zum 30. Juni komplett aufzugeben. Nun ist es so weit: Am Freitag hatte das angeschlossene Blumengeschäft zum letzten Mal offen. Danach wird noch aufgeräumt und die Anlage mit den leeren Gewächshäusern mit einem Bauzaun gesichert.

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Seit Eröffnung der Außenstelle Anger, die einmal die größte Abteilung der Jugendsiedlung Traunreut war, wurden hier über 250 lernbehinderte junge Menschen zum Werker im Gartenbau oder Gärtner ausgebildet. Seit seiner Gründung 1950 hat sich der Traunreuter Verein zum Ziel gesetzt, jungen Menschen bei der Eingliederung ins Erwerbsleben zu helfen. Zur Wahl stehen zehn Berufsfelder, wie Bau, Holz, Metall oder Kosmetik. Von der Agentur für Arbeit bekommt der Verein, der eine eigene Förderberufsschule betreibt, für »berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen« pro Jugendlichem einen bestimmten Betrag, der regelmäßig neu ausgehandelt wird.

Jugendsiedlungs-Geschäftsführer Heiner Roth nennt mehrere Gründe, die zur für das Angerer Personal »harten Entscheidung« mit betriebsbedingten Kündigungen für sieben Mitarbeiter, darunter eine Frau in Elternzeit, führten: Die Bevölkerungsentwicklung führe dazu, dass die Jugendsiedlung mit dem freien Markt selbst um Lehrlinge mit Lernschwächen konkurrieren müsse. Die Arbeitsagentur Nürnberg sehe im Bereich Gärtnerei keine Zukunft, nennt Roth einen zweiten Punkt. Auch in der Region hätten viele Gärtnereien infolge ausländischer Billigkonkurrenz geschlossen. Dies wirke sich negativ auf die Berufschancen und das Interesse junger Leute an diesem Beruf aus – »ein Arbeitsmarkt, wo man als gemeinnütziger Träger zum Scheitern verurteilt ist«. Dazu komme, dass die Arbeitsagentur aufgrund bundespolitischer Vorgaben ihre Förderungen gedeckelt habe. Zugleich seien die Kosten durch immer teurere Energie und Tariferhöhungen gestiegen. »Finanziell kamen wir immer mehr in eine Schieflage«, erklärt der Geschäftsführer.

Allein wenn in Anger zehn Lehrlinge weniger an dem Programm teilnehmen, fehlten bei einem Kostenersatz von 1000 Euro pro Teilnehmer und Monat 120 000 Euro im Jahr. »So was kann man auch nicht kompensieren durch zusätzliche Blumenverkäufe«, betont Roth. Am Rande spiele auch die gesellschaftliche Entwicklung in Richtung Inklusion eine Rolle, mit der Tendenz, Kinder mit Handicaps eher in »Regeleinrichtungen« zu integrieren. Roth zeigt Verständnis, dass die gekündigten Mitarbeiter vor dem Arbeitsgericht klagten. Man einigte sich aber außergerichtlich. vm