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Italienische Wadln in bayerischen Trachtenstrümpfen

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Hoch das Bein - im charmanten Kolleginnenkreis ist Enzo Meli gern Hahn im Korb und beliebt bei den Gästen. (Foto: Schick)

Ruhpolding. Wenn Vincenco Meli in Lederhose und Trachtenstrümpfen gut gelaunt seine Gäste bedient, könnte man annehmen, einen waschechten Bayern vor sich zu haben. Allerdings nur so lange, bis er in den gastronomischen Small-talk-Modus wechselt.


Denn dann verrät sein stark ausgeprägter Akzent auch nach fast drei Jahrzehnten noch eindeutig seine italienische Herkunft. Doch das hat weder ihn gestört noch sein Umfeld in all den Jahren, seit er in Ruhpolding ist. Im Gegenteil: wer mit dem Enzo ins Palavern kommt, denkt unweigerlich an Sonne, Strand und Urlaub in Bella Italia, obwohl er beim Posthalter auf der Terrasse oder in der gemütlichen Stube sitzt und sich vielleicht einen Schweinsbraten schmecken lässt. Den übrigens der Enzo selbst gerne isst. Oder was sonst an traditionellen Schmankerln auf den Tisch kommt. Denn nicht nur beim Essen hat sich der 50-Jährige an die Gepflogenheiten angepasst. Und er weiß, worüber er spricht, wenn er seinen Gästen ein bayerisches Gericht empfiehlt. Dabei ist Vincenco Meli gar kein echter Cameriere, wie die Berufsbezeichnung des »Obers« in seiner alten Heimat lautet, sondern gelernter Barkeeper. Dass er das Kellnern mal so richtig als Brotberuf ausüben würde, konnte er sich nach der Ausbildung erst gar nicht vorstellen. Ebenso wenig, dass es ihn für den Rest seines Lebens in den Chiemgau verschlagen sollte.

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Geboren ist Vincenco in der Nähe von Catania auf Sizilien. Mit zwei Jahren zog die Familie der besseren Arbeitschancen wegen nach Turin, wo er auch die Schule und seine Ausbildung absolvierte.

Nur für ein paar Tage wollte er seinen Jugendfreund Gaetano besuchen, der in Ruhpolding eine Pizzeria betrieb. Das war im Februar 1987. Spezl Claudio, der ihn dabei begleitete, zog es weiter nach Teneriffa. Enzo aber blieb. Für ihn wurde der Kurztrip zur Dauerbleibe. »In Ruhpolding hab ich mich gleich wohlgefühlt, die schöne Gegend, die Berge, die netten Leute…,« schwärmt Enzo noch heute. Berührungsänste? Nein, hat es nie gegeben, bestätigt der Familienvater, der ein Paradebeispiel für gelungene Integration ist: »Als Neuankömmling musst du natürlich auf die Menschen zugehen, und nicht umgekehrt.«

Mit diesem Erfolgsrezept ist die ganze Familie Meli mittlerweile zum festen Bestandteil der örtlichen Gemeinschaft geworden. Sohn Luciano (alle nennen ihn Lucki) geht inzwischen seinem Beruf als Mechatroniker und Kraftfahrer nach. Als Bub war er mal bei den Rangglern und in der Kindergruppe beim GTEV D’ Miesenbacher, dem auch der Papa (kann sogar ein paar Plattlerschläge) als Mitglied angehört. Tochter Gloria absolviert derzeit ihre Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin.

Als ehemaligem Blauhelm-Soldaten war es für ihn schon fast selbstverständlich, der Ruhpoldinger Krieger- und Soldatenkameradschaft beizutreten. Im Rahmen des Friedenskontingents war er für das italienische Militär im Libanon im Einsatz. In den sechs Monaten in Beirut lernte er hautnah die Schattenseiten des Lebens kennen, mit Terror, Verwüstung und Tod. In der Schlosskapelle gleich gegenüber seiner Arbeitsstelle versucht er hin und wieder, die schlimmen Eindrücke aus dieser Zeit zu verarbeiten. Deshalb ist er dankbar, in einem so befriedeten Land wie Deutschland leben und arbeiten zu können. Zu den ehemaligen Kameraden, den »Fratelli d’Armee« pflegt er immer noch guten Kontakt und fährt fast jedes Jahr zu den Treffen in die alte Heimat, wo sich auch die Mama freut, wenn sie Besuch aus Germania bekommt.

Heuer kann er übrigens Silberne Hochzeit feiern: Vor 25 Jahren haben er und die gebürtige Kroatin Sanja, die er in Ruhpolding kennengelernt hat, geheiratet. Dazu wird er sicher, wie bei vielen anderen Feierlichkeiten zum Mikrofon greifen und der Lebensgefährtin einen schmachtenden Eros Ramazotti-Hit schmettern. Spätestens dann geht das sonst so gezügelte südländische Temperament mit ihm wieder durch… -ls