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Ist unser Wintertourismus noch zukunftsfähig?

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Eine schmale Liftspur, links und rechts daneben grüne Wiesen – mit der Frage, wie zukunftsfähig der heimische Wintertourismus noch ist, setzten sich mehrere Teilnehmer einer Diskussionsveranstaltung der Grünen in Ruhpolding auseinander. (Foto: Archiv Schick)

Ruhpolding – Ist der Wintertourismus in der jetzigen Form ein Auslaufmodell? Wie lange hilft künstliche Beschneiung gegen den Klimawandel? Wie reagieren Staatsregierung und Betroffene darauf? Diese und andere Fragen standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung des Kreisverbands Bündnis 90/Die Grünen unter dem Motto »Wettrüsten in den Alpen – Wintertourismus ohne Schnee«, an der sich etwa 70 Bürger und Naturschützer im Kurhaus beteiligten. Gastredner war der Fraktionsvorsitzenden der Landtags-Grünen MdL Ludwig Hartmann.


Kreisrat Sepp Hohlweger sagte eingangs, die Traumvorstellung der Urlauber, jederzeit eine Winterlandschaft wie aus dem Bilderbuch anzutreffen, gehöre immer mehr der Vergangenheit an. Deshalb sei es höchste Zeit, einen nachhaltigen Wandel im Wintertourismus anzustoßen, der den Gast auch ohne Schnee in der Region hält. Wenn dann umstrittene Projekte wie die seit längerem diskutierte Kunstschnee-Talloipe in Ruhpolding dem Geldmangel zum Opfer fiellen, könne das dem Naturschutz nur zuträglich sein.

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Beschneite Fläche hat sich seit 2009 verdoppelt

Ludwig Hartmann berichtete, die beschneite Fläche in Bayern habe sich von 2009 bis 2015 auf knapp 1000 Hektar fast verdoppelt, von 2000 (323 Hektar) bis 2015 sogar verdreifacht. Seit 2007 versuche die Bundesregierung, durch den reduzierten Steuersatz private Investitionen anzukurbeln. Hinzu kommen Förderprogramme, die den Bau von Liftanlagen mit 25 bis 30 Prozent bezuschussen. In den letzten sechs Jahren seien dadurch 36 Millionen Euro geflossen. Hartmann verwies auf die einhergehende Waldrodung und den Wasserverbrauch: Wasserrechtliche Genehmigung und Förderprogramme seien von der Staatsregierung verlängert, also zur Dauerlösung geworden.

Trotzdem verzeichneten die Skigebiete in Bayern von 2006 bis 2014 bei den Übernachtungen einen Rückgang von 7,1 Prozent, während die Zahlen beim Sommertourismus steigen. Hier sollten die Gelder viel zielgerichteter eingesetzt werden als in ökologisch unsinnige Projekte.

Zum Bürgerentscheid »Skischaukel am Riedberger Horn« verwies Hartmann auf die Alpenkonvention, die heuer 25-jähriges Bestehen feiert. Hier würden geltende Abkommen außer Kraft gesetzt. »Das kommt einem Tabubruch gleich«, bekräftigte er. Die Alpenkonvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag von acht Anrainer-Staaten. Wenn wie jetzt unter deutschem Vorsitz ein Großprojekt auf bayerischem Boden verwirklicht wird, könne das eine Initialzündung für andere Länder haben.

Beate Rutkowski, Vorsitzende der Kreisgruppe Bund Naturschutz in Bayern, äußerte sich entsetzt darüber, dass wenige Bürger einfach entscheiden könnten, wie Natur dem Profit geopfert wird. Dabei wiesen die Alpen neben den Korallenriffen die höchste Artenvielfalt auf. Mehrere Redner schlugen rechtliche Schritte gegen den Bürgerentscheid vor, etwa eine Normenkontrollklage und eine Online-Petition.

Reit im Winkls Bürgermeister Josef Heigenhauser verwahrte sich gegen eine generelle Verteufelung des Wintersports. »Freilich ist der Klimawandel da, aber für uns hat der Winter eine wichtige Bedeutung. Wir verzeichnen nach wie vor mehr Übernachtungen als im Sommer«, brach Heigenhauser eine Lanze für seine Gemeinde.

Nicht nach zwei schneearmen Wintern alles schwarzmalen

Bei zwei schneearmen Wintern innerhalb von 45 Jahren sollte man nicht gleich alles schwarzmalen, so Heigenhauser. Vielmehr sei die Investition in die Talloipe der richtige Schritt mit hohem Werbefaktor gewesen, und das monatelang und für die Langläufer ohne Loipengebühr. Außerdem müsse man den Energiebedarf bei anderen Objekten, wie etwa Eishallen auf den Prüfstand stellen, merkte Heigenhauser kritisch an.

Auf die Frage eines Redners, warum es auf bayerischer Seite der Steinplatte-Winklmoos noch keine Beschneiung gibt, machte Heigenhauser deutlich, dass das Gelände ja relativ flach sei und schon eine Schneeauflage von rund 20 Zentimetern für den Skibetrieb reiche.

Alm trotz Lifttrassen auch im Sommer schön

Keine Sorgen um eine Vegetationsbeeinträchtigung oder Landschaftsverschandelung durch Schneekanonen machte sich ein Besucher aus Lofer. »Bei uns hat noch kein Bauer wegen des Graswuchses gejammert. Und die Gäste finden auch im Sommer die Loferer-Alm schön, trotz Lifttrassen. Es muss halt das touristische Angebot stimmen«, warf der Pinzgauer in die Runde.

Viele Themen wurden im Verlauf des Abends noch angesprochen, so der Ausbau öffentlicher Verkehrsmittel, verträgliche Hotelneubauten, das Prädikat »Bergsteigerdorf« sowie die überdurchschnittlich hohe Verschuldung führender Wintertourismus-Gemeinden. Sepp Hohlweger machte das am Beispiel Ruhpolding deutlich, wo die Ausgaben für den Unternberg und die Biathlon-Arena samt Weltcups den Gemeindesäckel enorm belasteten.

Dass niemand genau vorhersagen kann, wie der Wintertourismus in 30 Jahren ausschauen wird, hatte der erfahrene Bergführer Walter Kellermann aus Reit im Winkl einen Ausspruch seines Weggefährten Anderl Heckmair parat, der gut als Schlusswort passte: »Die Dummen machen immer die gleichen Fehler – die Intelligenten dagegen immer neue.« ls