weather-image
16°

Ist ein Tempolimit auf Autobahnen sinnvoll?

5.0
5.0
Bildtext einblenden
Der ADAC hat in einer Grafik die Temporegeln in Europa zusammengestellt. Nur Deutschland hat keine Geschwindigkeitsbegrenzungen. Soll auch Deutschland ein Tempolimit einführen? Wir haben bei Polizei und Politikern nachgefragt. (Grafik: ADAC)

Die einen fühlen sich in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt, die anderen erhoffen sich mehr Sicherheit. Es geht um eine allgemeine Tempobegrenzung auf deutschen Autobahnen auf 130 km/h. Unbestritten ist, dass der Ausstoß klimaschädlicher Gase zurückgeht, wenn langsamer gefahren wird. Insgesamt aber verursacht der Autoverkehr nur einen Bruchteil des C02-Ausstoßes in Deutschland. Das Traunsteiner Tagblatt hat bei Polizei, Politikern aus der Region und Passanten (siehe eigener Bericht) nachgefragt.


Eine klare Meinung zum Tempolimit hat Bergens Bürgermeister Stefan Schneider (Grüne). »Es ist mir völlig unbegreiflich, dass wir nicht längst ein Tempolimit auf Autobahnen haben. Denn es wäre definitiv gut für die Umwelt. Wer schnell fährt, sieht ja, dass das Auto mehr verbraucht.« Und mehr Verbrauch bedeute auch mehr Abgase.

Anzeige

Weitere Argumente für ein Tempolimit sind seiner Meinung nach die Lärmbelastung und das Thema Sicherheit. »Wenn einer nachts auf der A 8 mit 200 bis 250 km/h sich, sein Auto und die Freiheit beweisen muss, fehlt jede Rücksicht auf Anwohner und die Sicherheit weiterer Verkehrsteilnehmer. Da reißt es die Leute an der Autobahn aus dem Schlaf«, betont Stefan Schneider. Er gibt aber auch zu, dass es Zeiten gab, in der er selbst schnell gefahren ist. »Da drückt man schon mal aufs Tempo, wenn es pressiert.« Mittlerweile sei er aber schlauer und fahre aus Überzeugung langsamer. »Mein Elektroauto macht es mir da aber auch leicht«, sagt Schneider und lacht. »Da sehe ich nämlich minütlich, wie es nach unten geht, wenn ich schneller fahre. Da komme ich dann nicht ohne Nachladen nach München und zurück.«

Über die Äußerung von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) kann   Bergens   Bürgermeister nur den Kopf schütteln: »Das würde ja bedeuten, dass alle Nachbarländer 'gegen jeden Menschenverstand' handeln.«

Scheuer hatte Überlegungen einer Regierungskommission zu einem Tempolimit auf Autobahnen und zu höheren Dieselsteuern strikt zurückgewiesen. Sie seien »gegen jeden Menschenverstand« gerichtet, so der Verkehrsminister Anfang der Woche in München (wir berichteten).

»Deutsche Autobahnen die sichersten der Welt«

Auch der ehemalige Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer (CSU) hält nichts von einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen. »Ich habe mich schon in meiner Zeit als Minister mit dieser Thematik herumgeschlagen. Es gibt keine ausreichend wissenschaftliche Begründung für ein Tempolimit auf Autobahnen. Deutsche Autobahnen sind die sichersten der Welt«, ist der Traunwalchner  überzeugt. Ausschlaggebend für Unfälle mit Todesfolge sind laut Ramsauer drei andere Bereiche: Unfälle, die auf Landstraßen oder Staatsstraßen passieren, motorisierte Zweiräder und die Seniorenproblematik. »Diese Punkte sind von der Unfallstatistik auch klar belegt«, betont Ramsauer und fügt hinzu: »Wer nicht angemessen fährt, kann auch bei Tempo 50 einen schweren Unfall mit Todesfolge verursachen.«

Ramsauer ist der Meinung: »Wir sollten die Finger vom Tempolimit lassen.« Angesprochen auf andere Länder in Europa, die ein Tempolimit haben, sagt Ramsauer: »In anderen Ländern gibt es deutlich höhere Unfallzahlen mit mehr Toten.« Eigentlich sollte man anderen Ländern raten, das Tempolimit aufzugeben. »Nicht umsonst überlegt Österreich gerade, genau das zu tun.«

»Nichts« von einem Tempolimit hält auch Landrat Siegfried Walch. Die positiven Auswirkungen auf Umwelt und mehr Sicherheit seien bestenfalls marginal. Der Landkreischef fände eine intelligente Geschwindigkeitsregulierung über die Verkehrsleitsysteme, die sowohl das Wetter als auch die Verkehrssituation mit berücksichtigen können, sinnvoller. »Ich sehe keinen Grund, warum bei guten und freien Straßenverhältnissen pauschale Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten sollen«, betont Siegfried Walch.

Sein Kollege aus dem Nachbarlandkreis Berchtesgadener Land, Georg Grabner (CSU), sieht das ähnlich. »Ich halte ein generelles Tempolimit auf Autobahnen für nicht erforderlich und auch nicht für sinnvoll«, betont der Landrat. »Bereits heute gilt für einen erheblichen Teil auf deutschen Autobahnen ein Tempolimit.« Zur Frage der Verkehrssicherheit sei zu bedenken, dass Autobahnen die sichersten Straßen in Deutschland seien. »Länder mit einem durchgehenden Tempolimit haben vielfach höhere Unfallzahlen als Deutschland.« Außerdem gebe es wissenschaftliche Untersuchungen, die belegen würden, »dass ein generelles Tempolimit von 130 km/h auf deutschen Autobahnen so gut wie keinen positiven Effekt auf die CO2-Emissionen hätte«.

Traunsteins Oberbürgermeister Christian Kegel (SPD) könnte mit einem Tempolimit von 130 km/h gut leben, »auch vor dem Hintergrund, dass eh bereits große Teile der deutschen Autobahnen bestimmten Beschränkungen unterliegen. Die Umstellung würde also nicht so bedeutend ausfallen, wenn diese irgendwann komplett beschränkt würde«. Als sehr relevant bezeichnet er den Sicherheitsgedanken – und auch die Umweltbelastung könnte dadurch reduziert werden. »Allerdings gibt es auch ganz andere Belastungsgrößen, die wesentlich mehr Umweltbelastung mit sich bringen, als durch eine Temporeduzierung auf 130 km/h erreicht würde. Ich denke da nur an die Silvesterböllerei.«

»Auto ist unser liebstes Kind«

Oberbürgermeister Christian Kegel ist aber überzeugt davon, dass durch insgesamt langsameres und gleichmäßigeres Fahren weniger Unfälle passieren. »Dass wir in Deutschland noch kein Tempolimit haben, hängt meines Erachtens damit zusammen, dass das Auto tatsächlich unser liebstes Kind ist.«

»Ein Tempolimit könnte für die Reduzierung von Verkehrsunfällen etwas bringen«, sagt Gerhard Meier, der Dienststellenleiter der Verkehrspolizeiinspektion Traunstein. »Voraussetzung ist aber, dass sich die Verkehrsteilnehmer auch daran halten.« Er betont, dass das seine ganz persönliche Meinung ist und nicht die der Polizei.

Zuständig ist die Verkehrspolizeiinspektion Traunstein für die Streckenabschnitte der A 8 zwischen Grenze Walserberg und Anschlussstelle Bernau sowie der A 94 zwischen Anschlussstelle Burghausen und Autobahnende bei Heldenstein. »Auf beiden Autobahnstücken mit einer Länge von insgesamt 85 Kilometern ereigneten sich im vergangenen Jahr knapp 630 Unfälle, davon wurden 73 Unfälle als sogenannte Geschwindigkeitsunfälle registriert«, sagt Gerhard Meier. »Insgesamt hat sich die Zahl der Verkehrsunfälle auf den von uns betreuten Strecken im vergangenen Jahr erfreulicher Weise erheblich reduziert. Dies gilt auch für die Unfälle mit Ursache Geschwindigkeit sowie die dabei registrierte Anzahl von verletzten Personen.« Auf die Frage nach der Schwere von Verletzungen, sagt der Dienstellenleiter: »Natürlich werden mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit Verkehrsunfälle mit 200 km/h Ausgangsgeschwindigkeit deutlich höhere Verletzungsgrade hervorbringen, als bei Geschwindigkeiten von 100 km/h.« KR