weather-image

Internetbetrüger verurteilt

4.0
4.0

Traunstein. Mit dem sprichwörtlichen blauen Auge kam gestern ein berufsloser 21-Jähriger aus der Umgebung von Traunstein vor dem Jugendschöffengericht Traunstein davon. Wegen 85-fachen erwerbsmäßigen Betrugs via Internet mit einem Schaden von mehr als 20 000 Euro erhielt der geständige Angeklagte eine Jugendstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt unter strengen Auflagen auf zwei Jahre zur Bewährung.


Dies war laut Richter Dr. Michael Weigl umstritten. Der Hintergrund: Staatsanwältin Ulrike Hackler hatte auf drei Jahre Jugendgefängnis plädiert, während Verteidiger Michael Vogel aus Traunstein die schließlich vom Gericht verhängte Strafe mit Bewährung für noch ausreichend gehalten hatte.

Anzeige

Der Angeklagte hatte verschiedene Dinge, vor allem Elektronikartikel, auf einer Auktionsplattform offeriert. Auf diese Weise verkaufte er Sachen, die er nie besessen hatte. Interessenten leisteten Zahlungen, bekamen jedoch keine Ware und sahen hinterher nichts von ihrem Geld wieder. Die vielfachen Betrügereien des Heranwachsenden mündeten in neun Anklageschriften. Vier Monate saß er in Untersuchungshaft.

In der gestrigen Verhandlung attestierte Clemens Schneider von der Jugendgerichtshilfe dem sichtlich reuigen 21-Jährigen deutliche Reifeverzögerungen und empfahl die Anwendung des Jugendstrafrechts. Dem folgte das Jugendschöffengericht. Zu einem Anlagebetrug oder ähnlichen Betrugstaten sei der Angeklagte gar nicht in der Lage, betonte Dr. Weigl: »Aber das Internet lädt zum Missbrauch ein. Da braucht man nicht viel dazu, die Hemmschwelle ist ganz gering.« Das würde die Taten des 21-Jährigen aber nicht entschuldigen.

Zu der milden Strafe nach dem Jugendstrafrecht, in dem der Erziehungsgedanke maßgeblich ist, meinte der Jugendrichter: »Ob wir es richtig gemacht haben, wissen wir nicht. Wir sind keine Hellseher.« Der 21-Jährige ohne Schulabschluss und mit einer gewissen Minderbegabung habe nicht umsonst einen zivilrechtlichen Betreuer. Dr. Weigl betonte, die Ausführungen des Betreuers seien entscheidend für die Bewährungschance gewesen. Demnach bemühe sich der Angeklagte, »was auf die Reihe zu bekommen« und künftig ein geregeltes Leben zu führen.

An den sichtlich betroffenen 21-Jährigen richtete Dr. Weigl: »Sie haben einen Vertrauensvorschuss erhalten – der an einem seidenen Faden hing. Wenn Sie sich beruflich einigermaßen stabilisieren, können Sie den Schaden wieder gut machen. Das hilft den Geschädigten mehr, als wenn Sie drei Jahre im Gefängnis sitzen.« Der 21-Jährige müsse sämtlichen Weisungen seines Betreuers nachkommen und sich schnellstmöglich bei der Arbeitsagentur wegen Maßnahmen oder eines Arbeitsplatzes melden.

»Dieses weise Urteil anzunehmen«, riet Verteidiger Michael Vogel seinem Mandanten. Mit Zustimmung von Staatsanwältin Ulrike Hackler wurde die Entscheidung sofort rechtskräftig. Den Haftbefehl hob das Jugendschöffengericht auf. kd