weather-image
30°

»Inszenierter Selbstmord« scheiterte

3.3
3.3

Traunstein – Ein psychisch kranker 48-jähriger Metzger bleibt weiterhin in Unterbringung – allerdings nicht zum Alkoholentzug, sondern zur Behandlung seiner psychischen Probleme. Der Mann war am 3. Juni 2014 in Neuötting mit einem Samurai-Schwert, einer Machete und einer nicht funktionstüchtigen Langwaffe mit gut zwei Promille Alkohol im Blut auf Biergartengäste und Polizisten losgegangen.


Die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein hatte im Februar 2015 die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt angeordnet. Der Bundesgerichtshof hob das Urteil auf Revision der Staatsanwaltschaft später teils auf. Gestern erkannte die Sechste Strafkammer am Landgericht die Unterbringung in der Psychiatrie an. Das Gericht stützte sich auf ein Gutachten, wonach der Alkohol bei der Tat sicher eine Rolle spielte, aber nicht im Vordergrund stand.

Anzeige

Der 48-Jährige durchlebte eine schwere Kindheit. Sein Vater quälte ihn, brach ihm mehrere Finger. Mit sechs Jahren kam der Bub in eine Pflegefamilie. Sein Erwachsenenleben gestaltete sich ebenfalls schwierig – mit gescheiterten Ehen und Alkoholproblemen. In der Vergangenheit hatte er einen Mann mit einem Regenschirmständer geschlagen, 2001 vor der Polizeiinspektion Altötting randaliert und Beamte mit einem Messer und den Worten »Wenn Ihr herkommt, stech’ ich Euch ab« bedroht.

Immer wieder Ärger mit der dritten Ehefrau

Der jüngste Vorfall ereignete sich am 3. Juni 2014. Den 48-Jährigen plagten Finanznöte wegen angeblicher Fehler der Arbeitsagentur. Dazu gab es wieder einmal Ärger mit der mittlerweile dritten Ehefrau wegen seines langjährigen massiven Alkoholkonsums und seiner Aggressivität. Der Gang morgens zur Arbeitsagentur endete enttäuschend. Der 48-Jährige konsumierte Bier und Schnaps, beschimpfte seine Frau und pöbelte in dem Biergarten herum.

Nach einem harmlosen Wortwechsel ging er in seine Wohnung und griff sich zwei an der Wand aufgehängte Schwerter – eine fast einen Meter lange Samurai-Waffe mit knapp 70 Zentimeter langer Klinge und eine 49 Zentimeter lange Machete mit 36,5 Zentimeter langer Klinge. Mit den Schwertern in den Händen fuchtelte er im Biergarten herum. Einem Gast rief er zu: »Dein Kopf gehört mir.« Nochmals lief der 48-Jährige zurück und holte ein Dekogewehr. Gäste des Lokals hatten zwischenzeitlich die Polizei verständigt. Den Beamten erklärte er in aggressiver Manier, die Waffe sei scharf und geladen. Dann tauschte er das Gewehr wieder gegen die Schwerter und marschierte damit um sich schlagend über die Kreuzung Bahnhofstraße/Innstraße. Dabei forderte er die Polizei auf, ihn zu »erschießen«.

Als er sich mit den erhobenen Klingen schnell einem zurückweichenden Beamten näherte, schoss einer von dessen Kollegen dreimal. Der 48-Jährige erlitt einen Durchschuss des Oberschenkels und weitere Verletzungen. Sein Knie war nicht zu retten. Seither hat der Beschuldigte ein künstliches Kniegelenk. Der mit den Schwertern bedrohte Polizeibeamte, der schon mal Ähnliches erlebt hatte, konnte keinen Dienst mehr versehen.

Verteidiger Jörg Zürner aus Mühldorf betonte gestern, sein Mandant habe bei der Tat weder Gäste im Biergarten noch Polizeibeamte verletzen wollen. Vielmehr sei er wegen der finanziellen Lage und des Streits mit der Ehefrau seines Lebens überdrüssig gewesen: »Es sollte ein inszenierter Selbstmord werden. Er forderte mehrfach, ihn zu erschießen. Dieser Wunsch wurde ihm nicht erfüllt.«

Der psychiatrische Sachverständige, Oberarzt Rainer Gerth vom Bezirksklinikum in Gabersee, stellte eine »organische Persönlichkeitsstörung« als Folge des jahrzehntelangen Alkoholmissbrauchs fest – mit dissozialen Anteilen, mangelnder Impulskontrolle, eingeschränkter Frustrationstoleranz, deutlichen Rückzugstendenzen, Konzentrationseinbußen, Stimmungslabilität, Impulsstörungen, einerseits verflachten Gefühlsempfindungen, andererseits sehr gereizter Reaktion auf geringe äußere Anlässe. »Das ist eine krankhafte seelische Störung von einem Ausmaß, das man gleichsetzen kann mit dem Zustand psychotischer Erkrankungen.«

»Er wollte nur einmal einen großen Auftritt haben«

Das habe laut Gerth auch Auswirkungen auf die Tatgeschehnisse gehabt: »Der Beschuldigte konnte seine Affekte und Reaktionen nicht mehr kontrollieren. Hinzu kommen eine Enthemmung durch den Alkohol und suizidale Tendenzen. Seine Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit war sicher erheblich vermindert, vielleicht sogar aufgehoben.« Die Wiederholungsgefahr sei groß. Die Voraussetzungen für Unterbringung in der Psychiatrie seien erfüllt.

Dem folgte Oberstaatsanwalt Volker Ziegler im Plädoyer. Für die »erheblich rechtswidrigen Delikte« könne der 48-Jährige nicht bestraft werden. Der Mann sei durch seine Grunderkrankung »gefährlich«, der Alkohol komme hinzu. Verteidiger Jörg Zürner lehnte jedwede »Unterbringung« ab: »Der Begriff hört sich positiv an. Jedoch sind die Menschen nicht mehr frei. Unterbringung in der Psychiatrie ist zeitlich unbegrenzt.« Der 48-Jährige habe »nur einmal einen großen Auftritt« haben wollen. Sein Mandant sei schuldunfähig und freizusprechen.

Die Kammer indes beurteilte die Gefährlichkeit des Beschuldigten wie der Ankläger. Kammervorsitzender Norbert Pollok gab zu bedenken: »In unbehandeltem Zustand – was würde dann passieren? Stress lässt sich nie vermeiden.« Das Gericht sei guter Dinge, dass der 48-Jährige an der Therapie mitarbeite. Für Bewährung sei es noch zu früh. kd