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Ingenieurbüro erstellt Hochwasser-Schutzkonzept

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Marquartstein. So viele Bürger wie bei einer gut besuchten Bürgerversammlung kamen bei der Anliegerversammlung bezüglich des Juni-Hochwassers im Gasthof Prinzregent zusammen. Bürgermeister Andreas Dögerl erklärte einleitend, dass alle das Hochwasser vom 1. auf den 2. Juni in dieser Dimension überrascht und betroffen habe. Hinterher habe aber auch Dankbarkeit für die Solidarität und Nachbarschaftshilfe geherrscht und Dankbarkeit auch darüber, dass Marquartstein noch einigermaßen glimpflich davonkam, im Gegensatz zum Beispiel zu Kössen, wo in 1000 Haushalten ein Schaden von 75 Millionen Euro entstand.


In Marquartstein beträgt die Schadenssumme bei den privaten Haushalten 2,6 Millionen Euro, beim Gewerbe 1,3 Millionen Euro und in der Landwirtschaft rund 400 000 Euro, sagte Dögerl. Nur durch das Zusammenhelfen aller Hilfskräfte konnte noch Schlimmeres abgewendet werden, resümierte der Rathauschef.

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Mit Abstand sei dieses Hochwasser schlimmer gewesen als alles bisher Dagewesene, so Dögerl. An vielen Messstellen seien die Wasserstände von 2002 noch übertroffen worden. Bei den Hilfsmaßnahmen habe man viel dazugelernt. So sei es nach der heutigen Erkenntnis zum Beispiel besser gewesen, wenn der Katastrophenfall vom Landkreis noch früher ausgerufen worden wäre, weil dann früher mit der Evakuierung der Bürger aus den am stärksten betroffenen Gebieten hätte begonnen werden können.

Der Gemeinderat habe es sich nun zum Ziel gesetzt, einen wirksamen Hochwasserschutz nach den neuesten Erkenntnissen zu verwirklichen, so der Bürgermeister. Nun gelte es jedoch, alle Defizite lückenlos aufzuklären. Daher wurde das Ingenieurbüro Aquasoli aus Traunstein von der Gemeinde beauftragt, ein Konzept für den künftigen Hochwasserschutz zu erstellen.

Zwei Vertreter des Büros, Bernhard Unterreitmeier und Florian Pfleger, betonten, wie wichtig es sei, von den Bürgern ihre Erfahrungen beim Hochwasser auch anhand von eventuellen Fotos mitgeteilt zu bekommen. Alle Daten würden genau ausgewertet. Unterreitmeier bezeichnete das Juni-Hochwasser als »absolutes Extremhochwasser«, das gezeigt habe, wie schnell die gesamte Infrastruktur zusammenbrechen könne.

Von den Betroffenen meldeten sich viele zu Wort. Ein Ehepaar aus Altmarquartstein, das schon 40 Jahre an der Freiweidacher Straße lebt, stellte fest, dass auch die Helfer 24 Stunden lang nichts Genaues gewusst hätten und es Kompetenzschwierigkeiten der Hilfsorganisationen untereinander gab, wer für die Evakuierung alter Menschen zuständig war. Ein anderer Freiweidacher bezweifelte, dass die verbesserten Spundwände an der Tiroler Achen viel Sinn machten, weil häufig das Grundwasser gestiegen sei. Das Wasser solle besser zum Beispiel über den Schnappengraben abgeleitet werden.

Eine Marquartsteinerin wollte wissen, wie man generell den Grundwasserspiegel senken könne. Wie bei der Brandversicherung hielt sie einen »Zwangsversicherungsschutz« gegen Hochwasserschäden für notwendig. Ein Bürger berichtete, dass unmittelbar nach dem Hochwasser die Freiweidacher Straße von der Versicherung heruntergestuft worden sei, sodass die Versicherung nach dem Juni-Hochwasser 200 Euro mehr im Jahr kostet und außerdem eine Selbstbeteiligung von 5000 Euro verlangt wird, die es vorher nicht gab.

Ein Anwohner an der Burgstraße verlangte, dass die Entwässerung der Berghänge verbessert werden sollte. Bei Starkregen würden Sturzbäche und viel Kies die Burgstraße herunter gespült und damit die Hochwassersituation im Dorf noch verstärken.

Bürgermeister Dögerl gab zu bedenken, ob eventuell die Renaturierung der Kendlmühlfilzn auch etwas mit dem gestiegenen Grundwasserspiegel zu tun habe. Hier dürfe es keine »Denksperren« geben. Eine Bürgerin, die in unmittelbarer Nähe zur Tiroler Achen in Freiweidach wohnt, sagte, dass der Durchmesser des Einlassrohres, das Wasser vom Schnappenhang aufnimmt, viel größer sei als der Auslass in die Tiroler Ache. Bei manchen Häusern in Freiweidach sei das Wasser über den Rand der Schutzwanne in den Keller gelaufen. Einer wollte wissen, wer hafte, wenn die Gemeinde ein Baugebiet im Hochwasser gefährdeten Bereich ausweise und schon ein Jahr nach der Fertigstellung ein Hochwasser in diesem Ausmaß auftrete. Ein anderer sagte, dass der Schnappenbach nach drei Wochen Regen überlaufe, sodass es hier ein Frühwarnsystem geben solle. Kritisiert wurden auch die teilweise hohen Bäume auf dem Achendamm, deren tiefe Wurzeln möglicherweise an einem Dammbruch schuld sein könnten. gi