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In Taching werden bald die ersten Flüchtlinge erwartet

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Auch in der Gemeinde Taching werden bald die ersten Flüchtlinge ein neues Zuhause finden. 55 Asylbewerber sollen dort bis Ende des Jahres insgesamt unterbringen.

Taching am See – Mit diesem überwältigenden Zuspruch hatte Bürgermeisterin Ursula Haas nicht gerechnet: Rund 100 Bürger fanden sich im Bergwirt ein, um sich über den aktuellen Stand der Flüchtlingssituation im Landkreis zu informieren und zahlreich ihr Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit in dem neu gegründeten Tachinger Helferkreis zu bekunden.


»Das Thema wird auf uns zukommen«, betonte Haas in ihrer kurzen Einführung. Seit längerer Zeit werde die Gemeinde von behördlicher Seite aufgefordert, Flüchtlinge aufzunehmen. »Aber die Gemeinde selbst kann keine Gebäude zur Verfügung stellen«, bedauerte die Bürgermeisterin. Aus diesem Grund habe sie mehrfach Aufrufe gestartet, um die Haus- und Wohnungseigentümer für die Flüchtlingsproblematik zu sensibilisieren. Auch die Kirche sei aktiv um Hilfe bemüht. Pfarrer Dr. Christoph Hentschel lasse derzeit vom Landratsamt Traunstein die Pfarrhöfe in der Pfarrei Mariä Himmelfahrt auf ihre Eignung hin überprüfen.

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»Die Helferkreise sind unersetzlich«

Birgit Mayer, Mitarbeiterin im Sachgebiet »Soziales«, schilderte die angespannte Situation im Landratsamt: »Der Landkreis ist verpflichtet, vier Prozent aller Flüchtlinge, die nach Oberbayern kommen, aufzunehmen. Das sind aktuell 48 Flüchtlinge wöchentlich. Das heißt, wir müssen jede Woche fünf Wohnungen finden und ausstatten.« Inzwischen seien in den Möbelhäusern in ganz Deutschland keine Betten mehr aufzutreiben. Gebrauchtes Mobilar zu nutzen, verursache indes einen riesigen logistischen Aufwand. Gleichwohl lobte Birgit Mayer den ehrenamtlichen Einsatz: »Die vielen Helferkreise in den Städten und Gemeinde sind unersetzlich. Ohne sie könnte das Landratsamt die Anforderungen nicht mehr stemmen.« Wann die ersten Flüchtlinge nach Taching kommen und woher sie stammen, sei noch unklar. Die Zuweisungsbescheide würden maximal zwei Tage vor der Ankunft der Asylbewerber in der Aufsichtsbehörde eintreffen, erklärte Birgit Mayer.

»Bis Ende des Jahres werden mehr als 2400 Heimatlose im Landkreis Traunstein erwartet. Gemäß des sogenannten Königssteiner Schlüssels hat die Gemeinde Taching bis dahin 50 55 Personen aufzunehmen«, erläuterte Franz Röckenwagner, Geschäftsleiter der Verwaltungsgemeinschaft Waging. Wenn sich jemand in der Gemeinde dazu bereit erklärt, in seinem Wohneigentum Flüchtlinge aufzunehmen, könne er sich jederzeit im Landratsamt melden. Die Mitarbeiter der Aufsichtsbehörde würden die betreffenden Objekte besichtigen und auf die geltenden Sicherheitsvorschriften, vor allem bezüglich des Brandschutzes, überprüfen. Im Falle einer Eignung werde zwischen dem Freistaat Bayern und dem Eigentümer ein Mietvertrag zu den Konditionen der ortsüblichen Miete abgeschlossen.

Im Haus von Horst Leinert werden wohl die ersten Flüchtlinge in Taching Quartier beziehen. »Der erste Stock ist bezugsfertig. Hier können zwölf Menschen wohnen«, erklärte der engagierte Bürger. Das Erdgeschoß, in dem noch mal acht Flüchtlinge untergebracht werden sollen, ist in drei Wochen soweit.

In der Heimat mussten sie um ihr Leben fürchten

Vor einem Jahr habe er eine syrische Familie kennengelernt. Sie hätten in der Heimat alles verloren und letztlich mussten sie als Christen sogar um ihr Leben fürchten. Über den Libanon und Ägypten führte sie ihr gefährlicher Weg über das Mittelmeer nach Lampedusa. Heute lebt das Paar mit seinen zwei Buben in Kirchanschöring. »Das sind Menschen wie du und ich. Sie haben als Christen keine Zukunft in Syrien«, schilderte Leinert und hoffte auf zahlreiche Nachahmer: »Diese Menschen brauchen ein Dach über den Kopf. Wenn wir ihnen nicht helfen, sind sie verloren.«

Hannes Obermayer vom Freundeskreis Asyl in Tettenhausen berichtete über seine Erfahrungen mit den zwölf Flüchtlingen aus dem Senegal, die in einem gemeindlichen Gebäude untergebracht sind. Es sei ein großer Stamm an freiwilligen Helfern erforderlich, um die zahlreichen Aufgaben – vom Deutschunterricht über den Fahrdienst bis zum Bindeglied zu den Behörden – übernehmen zu können. Die Helfer sind äußerst engagiert«, freute sich Obermayer; es habe bisher kaum jemand aufgehört im Helferkreis. Ähnliches berichteten auch Maria Amann und Petra Huber, die sich in Palling um 40 Vertriebene aus Syrien, Afghanistan und dem Irak kümmern. Dort übernehmen die Helfer Patenschaften für die Flüchtlinge.

Wer sich mit seinen Talenten, seinen Fähigkeiten und seiner Zeit im Tachinger Helferkreis einbringen möchte, kann sich bei Horst Leinert, Telefon 08677/83 29 05, melden. Im Rathaus kümmern sich Franz Röckenwagner und die Mitarbeiter des Ordnungsamts um alle Fragen rund um die Flüchtlinge. Gesucht werden aber nicht nur freiwillige Helfer, sondern auch Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Geschirr, Kochtöpfe, Bettwäsche, Fahrräder etc. Auch in diesem Fall kann man sich an Horst Leinert wenden. Angedacht ist ferner, sich im Internet zu einem Netzwerk zusammenzuschließen.

Ursula Haas war tief beeindruckt von der positiven Stimmung und dem großen Interesse in der Tachinger Bevölkerung. Da nach wie vor sehr viele Flüchtlinge ankommen, sei es den Kommunen aufgetragen, zu reagieren und das Beste aus der schwierigen Situation zu machen, so die Bürgermeisterin: »Das ist ein besonderer Abend. Helfen wir alle zusammen, um den Flüchtlingen das Leben in einer fremden Umgebung mit einer ungewissen Zukunft etwas lebenswert zu machen.« Auch der 91-jährige Felix Weingarten appellierte an alle Tachinger Bürger, sich einzubringen. »Jeder, der sich abseits stellt, steht im Abseits«, bekräftigte er und erntete für langen Applaus. mia