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In jedes Bett einen Frosch gelegt

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Auf dem Bild sind (von links) ihre Schwester Resi, Christa Osenstätter selbst und ihr Nachbarsmädchen Rosmarie zu sehen. Aufgenommen wurde es von Gästen aus Wuppertal um 1970.
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Nußdorf – »Meine Ferienerlebnisse sind doch schon einige Jahre her«, schreibt Christa Osenstätter aus Nußdorf, und berichtet über ihre Ferienerlebnisse in den 60er Jahren. Vielen unserer Leser dürfte sie bekannt sein als frühere Vorsitzende des Gartenbauvereins Nußdorf. »Aufgewachsen bin ich auf einem kleinen Bauernhof in Untermoosen, einem kleinen Weiler in Wonneberg«, schreibt sie.


»Wie viele kleine Bauernhöfe damals in unserer Gegend vermieteten wir ab 1966 an Feriengäste. Die ganze Familie schlief während der Sommerferien auf dem Dachboden. Auch unser Zuhaus mit zwei Zimmern wurde mit vermietet.« In den ersten Jahren kamen immer zwei Familien gleichzeitig – »und mit den Ferienkindern verbrachten wir den Sommer.«

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Bei Regen saß man eng beisammen am Tisch und malte oder spielte Stadt, Land, Fluss. »Besonders lustig war es, wenn wir Karten spielten, da wurde geschummelt, was es ging. Unter dem Tisch gaben wir die Karten weiter, und wenn wir erwischt wurden, gab es großes Gelächter!«

»So manchen Streich machten wir gemeinsam mit den Gästekindern. So fingen wir einmal Frösche und versteckten in jedem Bett einen – langweilig war es nie! Einmal bauten wir mit meinem Vater aus Plastikplanen ein Zelt, wo wir mit den Gästekindern übernachten wollten. Leider regnete es und unser Zelt war nicht dicht. So verschwand nach und nach jeder in seinem eigenen Bett.«

Im Herbst 1971 bauten die Eltern mehr Fremdenzimmer. Es gab weiter eine Etagendusche und einen Waschraum für die Gäste, einen Aufenthaltsraum, wo gefrühstückt und abends bei schlechtem Wetter zusammengesessen wurde. Auch ein Fernsehraum kam dazu, »und wir hatten wieder unsere Stube für uns. Mit dem Umbau wurde auch die Mithilfe für mich und meine Geschwister mehr.« So mussten die Kinder beim Frühstück für die Gäste mithelfen, Tische abräumen, die Spülmaschine einräumen und in den Gästezimmern putzen, staubsaugen und aufbetten.

»Unsere Gäste konnten bei uns Bier, Limo, Wein und Eis kaufen. Oft bekamen wir dafür ein Zehnerl oder zwanzig Pfennig Trinkgeld. Das freute uns, denn wir bekamen ja kein Taschengeld. Besonders die Männer gaben uns gerne etwas Trinkgeld, sozusagen als Schweigegeld – wenn sie ein Bier kauften, wurde gerne ein Kurzer dazu getrunken. Am beliebtesten war Himbeergeist«, erinnert sich Christa Osenstätter.

Grashaufen im Silo verteilen – »schon ein wenig eintönig«

Auch in der Landwirtschaft mussten die Kinder mithelfen, Kühe füttern, Gras und Heu zusammenrechen und beim Silieren. Solange das Gras ins Hochsilo reingehäckselt wurde, musten sie den Grashaufen immer wieder umstoßen und verteilen, anschließend in Runden das Gras niedertreten. »Das war schon ein wenig eintönig – zur Abwechslung wurde aus Gaudi vom Silorand ins Gras gesprungen.«

Wenn es das Wetter und die Mutter erlaubten, ging's mit dem Fahrrad zum Baden. »Das war für uns Untermoosner nicht so einfach – fuhren wir an den Waginger See, ging's über die 'Heg' schnell bergab, dafür mussten wir beim Heimfahren bergauf schieben.« Um halb fünf mussten sie zum Füttern der Kühe daheim sein. »Aber wenn ich mich mit Gästekindern besonders gut verstand, durfte ich auch öfter mit ihnen zum Baden – da kam man zu Hause der Arbeit aus und hatte den ganzen Tag Spaß!« Manches Mal ließen sie die Kassierer am Strandkurhaus durch, wenn sie sagten, wo sie her waren und dass sie ja nur kurz baden durften.

Der Egerdacher Weiher hatte Kultstatus

Öfter radelten sie zum Egerdacher Weiher – da ging es zwar von Untermoosen immer leicht bergauf, aber der Heimweg war angenehm. Der Egerdacher Weiher hatte Kultstatus – der Löschweiher war betoniert, und im Sommer ein beliebter Treffpunkt für Kinder und Jugendliche und »es war immer etwas los«.

Jahrelang gingen die Kinder fast jeden Abend mit den Gästen zum Kneippen – »wir Kinder machten öfter 100 Runden, da waren unsere Beine dann schon ganz blau vor Kälte.« Abends wurde oft gegrillt und man saß am Lagerfeuer. »Wir Kinder spielten am Abend oft verstecken: Wir versteckten uns irgendwo in Untermoosen und die anderen mussten uns suchen, was natürlich dauerte, weil wir ständig unser Versteck wechselten.«

Besonders freuten sich die Kinder auf ein Wiedersehen mit Stammgästen. Mit der Familie Landwehr mit ihren Kindern Rainer, Dagmar und Jutta durfte Christa Osenstätter eine Woche mit nach Duisburg fahren. 12 oder 13 Jahre alt war sie, als sie dicht gedrängt mit den Urlauberkindern im VW-Variant in die Großstadt fuhr. Welch ein Kontrast! Die Familie wohnte in einem Wohnblock – auf der einen Seite fuhren Züge vorbei, auf der anderen Seite alle paar Minuten eine Straßenbahn. Vom Fenster fiel der Blick auf eine Stehkneipe.

»Die Grünfläche vor dem Wohnblock durften die Kinder nicht betreten, die Mieter nutzten sie als Hundeklo. Die Kinder trafen sich am Bahndamm an einem Stromhäuschen – Grünflächen und Spielplatz waren Fehlanzeige. Die Kinder hatten alle keine Räder – »wozu auch, auf dem Gehsteig auf und ab fahren war sicher nicht interessant«.

»Schnell verstand ich, dass Ferien auf dem Land für sie etwas Besonderes waren.« Denn für die Stadtkinder waren die Ferien langweilig. Viele Eltern mussten arbeiten und die Kinder sich selbst überlassen. Ausflüge führten in den Duisburger Zoo, ins Hallenbad und nach Köln, wo Christa Osenstätter die 533 Stufen zur Turmspitze am Dom hinauf stieg.

Aus Stammgästen wurden lebenslange Freunde

Am Ende fuhr Frau Landwehr mit dem Mädchen mit dem Zug bis nach Traunstein zurück, wo sie ihre Eltern abholten. »Herr und Frau Landwehr kamen noch viele Jahre zu meinen Eltern. Mich haben sie auch noch in Nußdorf besucht. Rainer machte mit seiner Familie noch öfter bei uns Urlaub, meine Mutter und Frau Landwehr haben heute noch regelmäßig Kontakt, so wie viele unserer alten Stammgäste, von denen die heute erwachsenen Kinder immer wieder ihren Urlaub in Untermoosen verbrachten. Es waren immer schöne Ferien, auch wenn wir zu Hause mithelfen mussten und keine Urlaubsreisen wie heute gemacht wurden. Langweilig war es nie, wir waren alle mit dem zufrieden, was wir hatten«, schließt Christa Osenstätter ihren Bericht. coho

»Ferien anno dazumal« heißt die neue Sommerserie des Traunsteiner Tagblatts. Wenn auch Sie gerne über Ihre Ferienerlebnisse berichten wollen, schicken Sie doch ein Foto aus Ihrer Kindheit und ein paar Erinnerungen per Post an die Lokalredaktion (Marienstraße 12, 83278 Traunstein) oder per E-Mail an lokales@traunsteiner-tagblatt.de.

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