weather-image
18°

In der Heimat bedroht, in Marquartstein aufgenommen

Marquartstein. Rehmatullah ist einer von 16 Asylbewerbern, die nun seit knapp drei Wochen mitten in Marquartstein im sogenannten Brücknhäusl direkt an der alten Brücke über die Tiroler Ache wohnen. Der 29-jährige Afghane ist verheiratet und hat drei Kinder – einen viereinhalbjährigen Sohn, eine dreijährige Tochter und einen inzwischen 17 Tage alten Sohn, den er noch nie gesehen hat.

Wie eine »Mama« kümmert sich Renate Voßberg um die Männer aus Afghanistan. Sie alle haben ein schweres Schicksal hinter sich. In ihrem Heimatland mit dem Tode bedroht wurden unter anderem Rehmatullah (von rechts), Farhad und Rameez. (Foto: Giesen)

Rehmatullah spricht fließend Englisch. In Afghanistan arbeitete er über drei Jahre lang als professioneller Übersetzer bei der amerikanischen Armee. Er ist bestens ausgebildet und legte 2004 in seinem Heimatland den Master ab, woraufhin er ein Jahr lang als politischer Assistent für internationale Beziehungen bei der afghanischen Regierung tätig war. Seine anschließende Arbeit für die Amerikaner ist der Grund, weshalb Rehmatullahs Leben in seiner Heimat so bedroht ist und er alle Entbehrungen auf sich nahm, um zu fliehen.

Anzeige

»Sie halten den Bus auf und bringen die Männer um«

»Die Amerikaner ziehen sich langsam aus Afghanistan zurück«, erklärt er, das sei der Grund, warum die Taliban Leute wie ihn bedrohen. Vier seiner Freunde, die eine ähnliche Arbeit wie er hatten, wurden bereits umgebracht. »Die Taliban halten einen Bus auf und holen sich gezielt die Männer heraus, die sie dann sofort töten«, erklärt Rehmatullah. Seine restliche Familie sei aber nicht bedroht: »Frauen und Kinder, auch alte Leute lassen sie leben.« Erst wenn die Söhne größer werden, seien auch sie bedroht, sagt er.

Wie er sind auch die 15 anderen Afghanen in Marquartstein im Alter zwischen 18 und 36 Jahren akuter Lebensgefahr durch die Taliban ausgesetzt. Rameez zum Beispiel ist 19, ledig und der älteste von vier Brüdern und zwei Schwestern. Sein Vater, war Befehlshaber bei den Mudjahedin, einer islamischen Guerillatruppe, und starb. »Die Leute, die meinen Vater töteten, wollen auch mich töten«, übersetzt Rehmatullah die Worte von Rameez, der unter seinen Haaren eine große vernarbte Wunde zeigt, die von einem Angriff auf ihn stammt.

Farhad, 25, ist Maler und Elektroniker, ebenfalls der älteste von zwei Schwestern und zwei kleinen Brüdern. Er ist nicht nur bedroht, weil sein Vater in der afghanischen Armee diente, sondern auch durch einen feindlichen Stamm. Farhad spricht bereits ein wenig deutsch, denn er war zuvor bereits eineinhalb Jahre in Österreich. Hier aber wurde sein Antrag auf Asyl abgelehnt, weil er alle seine Papiere auf der Flucht im Dschungel verlor, erklärt er. Weil er sich nicht in seine Heimat zurückwagt, versucht er nun Asyl in Deutschland zu bekommen.

Alle jungen Männer betonen, dass sie auf keinen Fall in die Bundesrepublik gekommen sind, um auf Kosten des Staates zu leben. »Ich will die deutsche Sprache lernen und auf eigenen Füßen stehen«, sagt zum Beispiel der 21-jährige Abdul Bahar. Der Automechaniker ist als Angehöriger der afghanischen Armee ebenfalls von den Taliban bedroht. Wenn die Gefahr für Leib und Leben vorüber ist, wollen die Afghanen so schnell wie möglich zurück in ihre Heimat. Allerdings sind sich die Männer auch bewusst, dass das mehrere Jahre dauern kann.

Wenn sie, andeutungsweise, von ihrer schwierigen »Reise« nach Deutschland erzählen, glaubt man ohne Weiteres, dass die jungen Afghanen diese Odyssee teilweise zu Fuß über Berge und durch Dschungel nicht ohne Not auf sich genommen haben. Teilweise dauerte diese Reise, von der keiner näher sprechen möchte, bis zu fünf Monate.

Absolut erschöpft kamen sie in Bayern an

Absolut erschöpft kamen sie – alle 16 Männer aus verschiedenen Teilen Afghanistans – im Auffanglager bei München an. Hier wurden sie erst einmal »aufgepäppelt« und so lange da behalten, bis eine Weiterreise in ihrem körperlichen und psychischen Zustand überhaupt möglich war.

Auf die Frage, wie die Männer in Deutschland aufgenommen wurden, hat Remahtullah nur lobende Worte. Auch dass die jungen Afghanen nun in Marquartstein angekommen und so gut aufgenommen worden seien, empfinden sie als großes Glück.

Alle Hände voll zu tun hat Renate Voßberg aus Bad Reichenhall, die Eigentümerin des Brücknhäusls, die die jungen Männer betreut und bisher dreimal täglich für ihre Mahlzeiten sorgt. Dankbar wird sie jetzt schon »Mama« von den Männern genannt. Bis zum großen Juni-Hochwasser wohnte Renate Voßberg zwei Jahre lang mit ihren Söhnen im Brücknhäusl, bis es unbewohnbar wurde. Sie versuchte es zu verkaufen und bot es auch der Gemeinde, eventuell als eine Art Bürgerhaus an. Da sie keinen Erfolg damit hatte, schuf sie dann die Unterbringung für die Asylbewerber.

Die Wohnfläche beträgt 250 Quadratmeter. Die Männer sind in zwei Fünfbett-, einem Dreibett-, einem Zweibett- und einem Einzelzimmer untergebracht. Vier Toiletten, zwei große Bäder und zusätzlich vier Waschbecken stehen zur Verfügung. »Ich habe großes Glück mit den Männern gehabt«, erzählt Voßberg. Sie seien sehr dankbar und höflich.

Bürgermeister Andreas Dögerl und die Gemeinde haben ihre Hilfe gleich nach der Ankunft der jungen Männer angeboten. Gemeinderätin Claudia Kraus leitet den Helferkreis, der sich spontan zusammengefunden hat. Vier Deutschlehrer aus Marquartstein werden ab kommender Woche einmal pro Woche in Gruppen mit den Männern deutsch lernen. Eine Firma hat zudem eine große Spende von Laptops angekündigt. Auch der TSV Marquartstein hat seine Hilfe angeboten, sodass die Männer sich schon bald in verschiedenen Disziplinen sportlich betätigen können.

Der größte Wunsch der Afghanen war es jedoch, zu arbeiten. In der Anfangszeit, in der sie nach den Vorschriften noch nicht arbeiten dürfen, wollen sie gerne »umsonst bei irgendwem helfen«, um dabei auch deutsch zu lernen. Christiane Giesen