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»In der Bilanz war es eine Bereicherung«

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Beim Josefikonzert übergab Augustin Spiel (rechts) den Dirigentenstab offiziell an seinen Nachfolger Daniel Schmid. Beim Schwertertanz am Ostermontag wird Spiel das letzte Mal mit dem Taktstock vor seinen Musikanten stehen. (Foto: Krammer)

Traunstein – Er steht für den Neuanfang der Stadtmusik Traunstein: Augustin Spiel rief das Orchester vor 35 Jahren ins Leben und stand ihm mit kurzer Unterbrechung bis vor wenigen Wochen als musikalischer Leiter vor. Beim Josefikonzert übergab er den Dirigentenstab der Stadtmusik Traunstein offiziell an seinen Nachfolger Daniel Schmid (wir berichteten), beim Schwertertanz am Ostermontag wird er das letzte Mal mit dem Taktstock vor seinen Musikanten stehen.


»Irgendwann ist es genug«, sagt der 76-Jährige ohne Wehmut. Er habe »so viel Schönes« in den vergangenen Jahrzehnten mit der Stadtmusik erlebt. Natürlich habe es auch Enttäuschungen gegeben – »zum Beispiel, wenn ein Musikant die Kapelle verließ«. Jetzt sei es Zeit zu gehen. »Ich bin vor allem stolz darauf, dass sich da eine Gemeinschaft formiert hat«, resümiert Augustin Spiel bescheiden.

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Natürlich hat er weitaus mehr geleistet. Die aktuell 34 Musikanten der Stadtmusik Traunstein absolvieren Jahr für Jahr an die 25 Auftritte, spielen beim Volkstrauertag, bei kirchlichen Anlässen oder bei Vereinsfesten. »Die Stadtmusik gestaltet den Jahreskreis«, bringt es der studierte Musiker auf den Punkt. Alleine darum fällt der Stadtmusik eine große Bedeutung zu. »Wenn das nicht mehr geleistet werden würde, dann wäre es auch im Stadtleben dünn«, sagt er.

Vom Hauptschullehrer zum Musikschulleiter

Augustin Spiel war zunächst Hauptschullehrer in Fridolfing, quittierte den Dienst aber nach einem Studium am Salzburger Mozarteum und trat 1980 die Stelle als Leiter der noch jungen Musikschule Traunstein an. 25 Jahre lang sollte er dies bleiben. Schnell bemühte sich Spiel auch darum, in Traunstein ein Blasmusikorchester ins Leben zu rufen. Seit den 1960er Jahren hatte es dort keine Kapelle mehr gegeben. »In Traunstein gab es immer schon ein gespanntes Verhältnis zur Blasmusik«, weiß Spiel.

Der erste Auftritt des Orchesters habe »unter leicht kuriosen Umständen« stattgefunden, erinnert er sich. 1984, bei der Einweihung des Krankenhausneubaus sei das gewesen. Der damals anwesende Innenminister Karl Hillermeier sei »in der nachwirkenden bleiernen Zeit« so beschützt worden, dass sich zahlreiche Polizisten mit Maschinenpistole um ihn und damit auch die Musikkapelle herum positionierten.

Immerhin: Die Stadtmusik scheint Eindruck hinterlassen zu haben. Denn kurz darauf kam der Auftrag, die Schwerttänzer am Ostermontag bei ihrem Auftritt zu begleiten. Bis dahin hatte das die Blasmusikapelle aus Neukirchen getan. Das 24 Minuten dauernde Stück sei für seine Musikanten eine große Herausforderung gewesen, erinnert sich Spiel. Zumal damals vor allem 14-, 15-jährige Burschen in der Kapelle gewesen seien – Nachwuchs, den Spiel an der Musikschule akquiriert hatte.

In den 1990er Jahren gab Spiel, der selbst Klavier und Fagott studiert hat, die Leitung der Blasmusikkapelle vorübergehend ab. Weil das Orchester in dieser Zeit aber fast auseinanderbrach, sammelte er »die Restbestände« ein und fing wieder klein an. »Wir nannten uns darum anfangs auch »Kleine Stadtmusik«, erzählt Spiel. Er weiß noch, dass damals der erste Einsatz die Fronleichnamsprozession in Haslach war. »Da spielen wir bis heute«, sagt der 76-Jährige.

Haslach sei nach wie vor der Hort des Traditionellen in der Stadt Traunstein. »Da kamen wir von Anfang an gut an«, erzählt er. Noch heute stehen Auftritte bei einigen Vereinsversammlungen in Haslach ganz selbstverständlich auf dem Terminkalender der Stadtmusik. Aber nicht nur bei den Auftritten in Haslach würden die Stadtmusikanten viel Bestätigung erfahren, erzählt Spiel. Das Gefühl, den Zuhörern eine Freude gemacht zu haben, würde den Musikanten ein ums andere Mal Auftrieb geben.

Programm auf städtisches Publikum ausgerichtet

In Augustin Spiels Augen muss eine Blasmusikkapelle ein bürgerschaftliches Selbstverständnis haben. Das sei auch das Erfolgsrezept der umliegenden Blaskapellen, die alle einen hohen Standard aufweisen würden. Aber die Stadtmusik Traunstein vergisst nicht, dass sie für ein städtisches Publikum spielt. »Darauf richten wir angesichts der heute gängigen Literatur unser Programm auch aus«, sagt er. »Natürlich spielen wir auch Blasmusik im Bierzelt. Aber ich habe immer geschaut, dass sich unser Repertoire nicht verengt und dem Anlass angemessen war.«

Ein wenig Sorgen bereitet ihm der Nachwuchs. Früher sei dieser aus der Musikschule gekommen, doch das sei heute nicht mehr so. »Diese Quelle ist leider versiegt.« Er selber würde sich wünschen, dass die Blaskapelle als Kooperationspartner der Musikschule gesehen werde. Bis 2010 war die Stadtmusik in der Tat eine Unterabteilung der Musikschule. Dann gründeten die Musikanten aber einen eigenen Verein, um mehr Eigenverantwortung zu erlangen.

Unvergesslicher Rom-Besuch

Unvergesslich bleibt für Augustin Spiel der 28. Februar 2013. Damals spielte die Stadtmusik bei der Verabschiedung von Papst Benedikt XVI. in Rom. »Als wir spielend auf dem Petersplatz einmarschiert sind, jubelten alle«, erinnert er sich. Als die Musikanten kurz vor den Schlussworten Benedikts ohne Absprache – einfach auf das Kommando des Waginger Reiseleiters Hans Wembacher hin – die Bayernhymne anstimmten, sorgte das erst einmal für Verwirrung. »Meine Tochter, die die Verabschiedung Benedikts live am Fernseher mitverfolgte, schrieb mir eine SMS: ‘Ihr habt das vatikanische Protokoll durchbrochen, die Reporter kennen sich nicht mehr aus’«, erzählt Spiel lachend.

»Die Freude, dass man miteinander Musik entstehen lassen kann, das war in all den Jahren der wesentliche Antrieb«, sagt Augustin Spiel rückblickend. »In der Bilanz war es eine Bereicherung, ein Zuwachs an Erfahrungen und ein Zuwachs an Gemeinschaft.« Jetzt sei es an der Zeit, die Verantwortung in jüngere Hände zu legen. san