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In Corona-Zeiten: Musikschul-Unterricht via WhatsApp und Videochat

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Corona-Zeiten: Musikschul-Unterricht via WhatsApp und Videochat | Surberg/Landkreis Traunstein
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Ella hat Flötenunterricht. Aber nicht wie sonst, im Schulhaus. Sie ist per Skype mit ihrer Musiklehrerin Hildegard Schuhbauer verbunden. (Foto: Bauer)

Mittwoch, 14.30 Uhr. Der Laptop klingelt. Ella (7) macht sich bereit, postiert sich hinter ihrem Notenständer, nimmt die Flöte zur Hand und drückt auf den grünen Kamera-Button. Auf dem Bildschirm erscheint ihre Flötenlehrerin Hildegard Schuhbauer. Und schon startet der Unterricht. Ella spielt auf ihrer Flöte, was sie geübt hat. Ihre Lehrerin lauscht aufmerksam, verbessert, spielt mit oder singt der Siebenjährigen die Lieder vor.


Seit zwei Wochen schon findet der Musikunterricht für Ella nicht mehr im Schulhaus in Surberg, sondern zu Hause vor dem Laptop per Skype statt. Ungewohnt für die Siebenjährige. Statt mit Freunden und der Musiklehrerin gemeinsam zu musizieren, steht sie alleine vor dem Bildschirm. Aber sie ist eifrig, übt mehr als sonst. Schließlich hat sie – abgesehen von den vormittäglichen Unterrichtseinheiten mit Mama am Küchentisch – keine Termine. Und da kommt so ein bisschen musizieren zwischendurch ganz recht.

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Auch für die Musiklehrer ist dies eine ganz neue Situation, mit der jeder individuell versucht, zurechtzukommen. Hildegard Schuhbauer ist eine von 35 Musiklehrern, die in der Musiklehrervereinigung e.V. organisiert sind. Sie sind in elf Gemeinden im Landkreis aktiv – überall dort, wo es keine eigenen Musikschulen gibt. Schuhbauer hat ihren Schülern verschiedene Angebote gemacht, wie sie weiter unterrichtet werden können. »Manche spielen daheim und üben selbst, wollen aber Fortschritte per WhatsApp schicken, mit anderen telefoniere ich. Wieder andere unterrichte ich per Skype.«

Das funktioniere bei der Flöte ganz gut, bei anderen Instrumenten sei das schwieriger. »Das Interessante daran ist, sich wieder mehr auf das Hören zu fokussieren.« Allerdings habe dieser Unterricht auch seine Grenzen – wenn die Verbindung beispielsweise gerade mal nicht oder nicht gut genug funktioniert. »Und was schon abgeht, ist das Zusammenspiel, die Freude am gemeinsamen Musizieren.«

Früherziehung per Videostream

Sven Schnoor, der Vorsitzende der Musiklehrervereinigung, berichtet, dass fast jeder seiner Kollegen eine Form des digitalen Musikunterrichts mache. Eine Kollegin halte über die Plattform Zoom sogar musikalische Früherziehung in Gruppenstunden mit 17 Teilnehmern ab. Er bestätigt, dass die Schüler sehr motiviert seien, weil sie eh zu Hause sind. Als Klavierlehrer unterrichtet er mehr per Telefon, als per Video. Das lenke eher ab, so seine Erfahrung. Auch komme es auf die Klangqualität an: »Eine gute Telefonverbindung ist besser als eine schlechte Videoübertragung«, musste Schnoor feststellen.

»Es gibt nix Schlecht's, wos ned a wos Guads hod«, bringt es Markus Gromes, Leiter der Musikschule Inzell auf den Punkt. Da die Musikschulen wegen der Corona-Krise derzeit geschlossen haben, müssen die Lehrer neue Wege gehen und kreativ sein. Online-Unterricht heißt das Zauberwort der Stunde. Was für Matheaufgabe oder Sprachunterricht noch einfach umzusetzen ist, stellt Musiklehrer vor ganz neue Herausforderungen. Diese werden, wie das Traunsteiner Tagblatt auf Nachfrage erfuhr, in den Musikschulen in Traunreut, Grassau, Siegsdorf oder Inzell sehr gut angenommen. Für Presseanfragen war die Musikschule Traunstein leider nicht zu erreichen.

In Inzell versorgen die Lehrer ihre Schüler per E-Mail oder Whatsapp mit Unterrichtsmaterialien, am Telefon werden Details besprochen. Digital erfolgt auch die Lehrzielkontrolle: »Die Schüler proben zu Hause, nehmen dann ein Video auf und schicken es ihrer Lehrkraft«, beschreibt Gromes das System. So wird es auch in der Sing- und Musikschule Traunwalchen gehandhabt.

Bisher viele positive Erfahrungen

»Die Erfahrungen damit sind überraschend positiv«, kann Musikschulleiter Josef Mayer jetzt schon sagen. Für die Lehrer sei die größte Herausforderung, dass sie den Schülern ihre Aufgaben noch viel detaillierter kommunizieren müssen als im normalen Unterricht. »Einige Lehrkräfte sind technisch so gut ausgestattet, dass sie den Schülern eigene Videos produzieren und schicken, um so den Onlineunterricht noch effektiver zu gestalten.« Wichtig sei es, nicht zu viel Neues im Unterricht anzufangen, um sich auf die ungewohnte Situation erst einstellen zu können.

In Grassau setzen die 39 Musiklehrer ebenfalls auf Unterricht mit der Plattform Zoom. So kann man das bewährte Unterrichtssystem beibehalten. »Wir haben dazu mit allen Lehrkräften vorab eine Schulung per Videokonferenz gemacht«, sagt Musikschulleiter Wolfgang Diem. Damit lasse sich vieles überbrücken, auch wenn es auch auf Dauer den klassischen Unterricht, bei dem Lehrer und Schüler zusammenkommen, nicht ersetze.

Die Musikakademie-Chiemgau in Siegsdorf betreut aktuell fast alle ihre Schüler »online«. »Durch individuelle Lösungen konnte fast der komplette Unterrichtsbetrieb aufrecht erhalten werden. Gerade junge Schüler fahren voll drauf ab. Sie sind es gewohnt, Dinge mit dem Computer zu erledigen«, sagt Maximilian Schmid für die Musikakademie-Chiemgau.

Er selbst betreut schon seit Jahren Schüler, die weiter weg wohnen und »Ziach« lernen wollen. Jetzt wurden die erprobten Konzepte auch auf beispielsweise Klavier, Cello, Gitarre und andere Instrumente übernommen. Eine Betreuung der Schüler auch über die Krise hinweg ist der Musikakademie-Chiemgau ein großes Anliegen. So wird verhindert, dass sich beispielsweise falsche Fingersätze einschleichen. Gerade Musik gibt den Menschen Kraft und Freude in diesen schweren Zeiten.

Was alle Musikschulleiter gleichermaßen freut, alle Lehrkräfte zeigten großes Engagement und zögen am selben Strang. Diem zeigt sich sogar davon überzeugt, dass einige Dinge, die man jetzt entwickle, über die Zeit der Krise hinaus Bestand haben werden.

Davon geht auch Markus Gromes in Inzell aus. »Vielleicht überdenkt manch ein Lehrer auch sein bisheriges Unterrichtsschema und das Aufnehmen von Videos zur Leistungskontrolle könnte sich auf Dauer bewähren.« Denn ein Argument, das sicher jeder Musikschüler nur zu gut kennt, funktioniert dann nicht mehr: »Daheim hat das aber noch super funktioniert.« ka/vew

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