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»In Apotheken sind Fälschungen extrem selten«

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Apotheker Lorenz Fakler muss jeden Tag ein Medikament stichprobenartig testen. Falls ihm dabei etwas auffällt, wird das Medikament zur genauen Überprüfung an die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker geschickt. (Foto: Reiter)

Traunstein – Apotheker Lorenz Fakler steht in seinem Labor. Ganz genau sieht er sich die Verpackung des Medikaments Quetiapin zur Behandlung von psychischen Störungen an. Dann öffnet er die Schachtel und prüft die Pillen. Sind sie alle gleich groß? Haben sie die gleiche Farbe? Stimmt das Verfallsdatum auf der Verpackung mit dem auf dem Blister überein? Und wie sieht es mit der Chargennummer aus? Diesen Schnelltest macht er jeden Tag mit einem Medikament, das er nach dem Zufallsprinzip auswählt. »In Apotheken sind Fälschungen extrem selten«, ist Lorenz Fakler überzeugt. Und auch Dr. Thomas Kubin, Chefarzt der Onkologie am Klinikum Traunstein, betont im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt: »In Deutschland sind Medikamente noch ziemlich sicher. Aber wir müssen wirklich aufpassen, dass das so bleibt.«


Patienten und Kunden verunsichert

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Für einiges an Verunsicherung bei Kunden und Patienten hat in diesem Zusammenhang die ARD-Dokumentation »Gefährliche Medikamente – gepanscht, gestreckt, gefälscht« gesorgt. Das bestätigen beide. »Wenn die Medikamente über legale Vertriebswege besorgt werden, dann kann man wirklich alle, die sich Sorgen machen, mit gutem Gewissen beruhigen«, sagt Lorenz Fakler, der Sprecher der Apotheker im Landkreis Traunstein. Und das belegen auch die Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie geht davon aus, dass in Deutschlands Apotheken unter einem Prozent der Medikamente gefälscht sind. Ganz anders sieht es allerdings aus, wenn Arzneimittel über illegale Internetversandhändler bezogen werden. Hier liegt der Fälschungsanteil laut WHO mittlerweile bei über 50 Prozent.

»Dabei wird alles gefälscht, wovon sich die Betrüger Profit versprechen«, sagt Lorenz Fakler. »Von Viagra bis Arzneimittel gegen Krebserkrankungen.« Betrüger könnten damit richtig Geld verdienen. Der Apotheker aus Traunstein wäre deshalb für ein Verbot von verschreibungspflichtigen Medikamenten im Versandhandel. »Das wäre ein sehr einfacher Weg, den Handel mit Fälschungen zu unterbinden.« Doch anders als in den meisten anderen europäischen Ländern sei das in Deutschland politisch nicht durchsetzbar, sagt Lorenz Fakler. Er betont, dass in deutschen Apotheken aber sehr viel dafür getan werde, dass Medikamente sicher sind. »Wir müssen jeden Tag ein Medikament nach dem Zufallsprinzip prüfen«, erklärt der 42-Jährige. Bei Verdachtsfällen würden diese zur genauen Untersuchung an die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker (AMK) geschickt. Die rund 20 000 Apotheken in Deutschland würden so im Jahr rund sechs Millionen Stichproben nehmen. Bei etwa 10 000 Verdachtsfällen, die der AMK im Jahr gemeldet werden, hätte sich 2016 kein einziges Medikament als Fälschung herausgestellt, freut sich Lorenz Fakler.

Handel mit gefälschten Arzneimitteln nimmt zu

Fakt ist aber auch, dass der Handel mit illegalen und gefälschten Arzneimitteln in Deutschland seit Jahren zunimmt. Im Jahr 2015 stellten Zoll-Fahnder 3,9 Millionen Stück gefälschte Tabletten sicher. Die Anzahl der Personen, gegen die der Zoll wegen Vergehens im Zusammenhang mit Medikamenten ermittelte, stieg von 3100 im Jahr 2014 auf 4100 im Jahr 2015. Außerdem zeigen Einzelfälle wie das vor ein paar Wochen in einer Apotheke in Nordrhein-Westfalen aufgetauchte gefälschte Hepatitis-C-Medikament, dass es nicht zu verhindern ist, dass gepanschte Medikamente auch über den pharmazeutischen Großhandel in deutsche Apotheken und Krankenhäuser gelangen.

»Ein Problem ist sicher, dass die Fälschungen immer besser werden«, sagt Dr. Kubin, Chefarzt der Onkologie am Traunsteiner Krankenhaus. Er sieht vor allem bei Medikamenten aus Reimporten eine Gefahr. »Auf diesen Transportwegen kann immer etwas passieren. Meiner Meinung nach sollten diese Reimporte von der Politik verboten werden«, betont Thomas Kubin. Auf die Frage, ob er sich manchmal Sorgen macht, sagt der Onkologe: »Global gesehen auf jeden Fall. Wir stehen da gerade an einer gewissen Schwelle, das gab es so früher nicht«, sagt Dr. Kubin, der seit 30 Jahren Krebspatienten betreut. Er fordert daher mehr Tests bei den Präparaten und mehr Kontrollen in den Herkunftsländern – die meisten Medikamente werden mittlerweile in Indien und China hergestellt.

Für die Kontrollen ist in den Regierungsbezirken Oberbayern, Niederbayern und Schwaben die Regierung von Oberbayern zuständig. Sie überwacht Betriebe und Einrichtungen, die Human- und Tierarzneimittel sowie Wirkstoffe und andere, zur Arzneimittelherstellung bestimmte, Stoffe herstellen. »In unsere Zuständigkeit fallen derzeit über 3660 Betriebe und Einrichtungen«, teilt Dr. Martin Nell, der Pressesprecher der Regierung von Oberbayern, auf unsere Nachfrage schriftlich mit. Derzeit seien 17 Inspektoren im Sachgebiet Pharmazie tätig, auch im Ausland. Dort führt die Regierung laut Martin Nell allerdings nur Kontrollen auf entsprechenden Antrag eines Arzneimittelherstellers durch. – Ob das reicht, ist fraglich. Die kommenden Jahre werden es zeigen. Im Moment zählt die Arzneimittelversorgung in Deutschland (noch) zu den sichersten weltweit. Klara Reiter

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