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Ihr größter Wunsch wäre die Gründung eines »Igel-Vereins«

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Die »Igel-Mutter« Monika Lüdtke aus Übersee mit einem ihrer Prachtexemplare. (Foto: vom Dorp)

Übersee. Jetzt häufen sich wieder die Zahlen überfahrener Igel. Denn die kleinen Wildtiere sind in diesen Wochen auf der Suche nach Nahrung und Winterquartieren mehr unterwegs als zu jeder anderen Jahreszeit. Deutschlandweit sterben jedes Jahr rund eine halbe Million Igel auf unseren Straßen. Schon der berühmte Tierforscher, Professor Bernhard Grzimek, hatte vor Jahrzehnten vor dem Aussterben des Igels gewarnt, wenn nicht mehr für ihn getan werde. »Igel-Mutter« Monika Lüdtke aus Übersee appelliert daher an die Bevölkerung, dem Igel mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge zu schenken.


»Ersatz-Mutter« päppelt verwaiste Igel-Babys auf

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Lüdtke ist ihren Igeln eine liebevolle »Ersatz-Mutter«. Sie pflegt kranke Tiere, entwurmt sie, päppelt verwaiste Igel-Babys per Mini-Spritze rund um die Uhr auf, sucht »Pflegeeltern« für sie und behütet sie im Winterschlaf. Die Igel sind nicht nur in ihrem Garten untergebracht, sondern auch in Schränken und Kisten in der Garage. Sogar das ehemalige Kinderzimmer ist Igel-Station.

In der Regel kümmert sie sich um mindestens 100 Igel pro Jahr, davon hat sie bis zu 80 im Winterquartier. Jedes Tier hat seine eigene Karteikarte mit Angaben über Gesundheitszustand, Gewichtszunahme, Medikation und Auffälligkeiten. Die Igel-Pflege kostet nicht nur die gesamte Freizeit, sondern auch etliche hundert Euro im Monat.

Ihr Herz für die Igel entdeckte die Heilpraktikerin und zweifache Mutter als 19-Jährige beim Baden in Felden. Damals war ihr ein abgemagerter und offensichtlich kranker Igel vor die Füße gelaufen. Sie brachte ihn zu der damaligen Überseer »Igel-Mutter« Marianne Pietsch. Diese beispiellose Idealistin, die 40 Jahre lang für alle Igel in den benachbarten Landkreisen kämpfte und in ganz Deutschland bekannt war, wurde ihr Vorbild. Nachdem Lüdtke jahrelang bei der Pflege geholfen und immer wieder selbst Igel aufgenommen hatte, wurde sie schließlich die neue »Igel-Mutter« von Übersee.

Die meiste Arbeit zwischen September und November

Lüdtke ist zwar rund ums Jahr im Igel-Einsatz, die meiste Arbeit kommt aber von September bis Mitte November auf sie zu. Dann gilt es, die abgegebenen Igel fit für den Winterschlaf von Mitte November bis Ende April zu machen. Die Tiere müssen nicht nur in einem aufwändigen, drei- bis vierwöchigen, Verfahren entwurmt, sondern auch von sonstigen Krankheitserregern befreit werden. Außerdem ist es wichtig, die Kleinen auf mindestens 700 Gramm und die Großen auf ein Kilogramm hochzupäppeln. Nur so überstehen sie den Winter bei bis zu minus 20 Grad im Garten oder in Kisten und Kartons in der Garage.

Wenn alles gut geht, wären sie dann die langen Wintermonate über »wartungsfrei«. »Doch durch unsere zunehmend milden Winter sind die Tiere irritiert und wachen immer öfter auf, was für sie eine enorme Kraftanstrengung bedeutet«, bedauert Lüdtke. »Sie brauchen dann viel Wasser und Kraftfutter sowie mindestens alle zwei Tage eine 'Inspektion', bis sie wieder eingeschlafen sind.«

Wenn die Igel im Frühling wieder aufwachen, haben sie etwa die Hälfte ihres Körpergewichts verloren und müssen wieder auf Normalgewicht gebracht werden. Danach sucht Lüdtke per Mundpropaganda oder im Internet »Pflegeeltern« mit einem möglichst naturnahen Garten, wo sich die Tiere im Sommer selbst versorgen können. Der Igel wandert zwar bis zu zwölf Kilometer in einer Nacht, kommt aber meist immer wieder »heim«.

Im Frühsommer hat es die »Igel-Mutter« meist nur mit kranken, von Schneckenkorn verwirrten oder von Hunden, Ratten oder Krähen gebissenen Igeln zu tun, die sie gesund pflegt und dann wieder in die Freiheit entlässt. Ab August ist dann wieder »Babyalarm«, weil die Igel-Mütter ihre Kleinen nur 14 Tage versorgen und sie dann ihrem Schicksal überlassen.

Alles überlebt – nur der Mensch ist gefährlich

Die zunehmende Abnahme des Igel-Bestandes macht Lüdtke große Sorgen. »Der Igel ist eine der ältesten Säugetierarten und hat dank seiner Anpassungsfähigkeit seit der Steinzeit alles überlebt. Aber jetzt schafft er es nicht mehr. Die zunehmende Verkehrsdichte, die wachsenden schädlichen Umwelteinflüsse und der akute Nahrungsmangel durch zu saubere Gärten sind sein Untergang«, so ihre Prognose.

Laut Lüdtke könnte man dem durch eine Sensibilisierung der Bevölkerung entgegensteuern. Viel wäre schon getan mit einem kuscheligen Plätzchen für den Winterschlaf unter dem Herbstlaub, mit weniger Pestiziden und damit mehr Insektennahrung im Garten, mit einer Wasserschale und etwas Igel- oder Katzenfutter. Außerdem könnten schon Kindergarten- und Schulkinder mit der Igel-Pflege an die Natur herangeführt werden, so wie man es vielerorts bereits beim Krötensammeln und Anlegen eines Biotops macht.

Ein Herzenswunsch Lüdtkes wäre auch die Gründung eines Igel-Vereins, um den Einsatz für die Tiere auf mehrere Schultern zu verteilen. »In Österreich gibt es über 100 vereinseigene Igel-Stationen, im gesamten südostbayerischen Raum aber keine einzige.« Sie selbst komme allmählich an ihre Grenzen, sagt die 60-Jährige. Ausdrücklich machte sie klar, dass sie keine »Abgabestelle« für sämtliche Igel sei. Sie helfe nur, wo es geht.

»Sie freuen sich tatsächlich, wenn man zu ihnen kommt«

Der Einsatz für die Igel lohne sich allemal – nicht nur für den Artenschutz. »Man lernt im Umgang mit diesen scheuen und lärmempfindlichen Tieren auch wieder die Stille, Ruhe und Geduld kennen. Außerdem bringen sie einen durch ihre putzige und aufgeweckte Art oft zum Lachen. Und sie freuen sich tatsächlich, wenn man zu ihnen kommt. Dann fiepen sie richtig laut.« Wenn das kein Grund zur Igel-Pflege ist... bvd

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