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»Ich wüsste nicht, woher ich Bewährung zaubern sollte«

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Der 28-Jährige schlug einem Diskothekenbesucher ins Gesicht, sodass dieser eine Nasenbeinprellung erlitt. Einem weiteren Besucher schlug er an den Kopf und Bauch.

Traunstein – Wegen vorsätzlicher und versuchter Körperverletzungen, Beleidigung sowie Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte verurteilte das Amtsgericht Traunstein mit Richterin Sandra Sauer gestern einen 28-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten.


Kurz nach dem Widerruf einer Bewährung beging der betrunkene, einschlägig vorbestrafte 28-Jährige in einer Disko in Traunstein zwei grundlose Körperverletzungsdelikte gegen zwei ihm unbekannte Gäste. In der gleichen Nacht beleidigte er während der Fahrt zur und in der Dienststelle mehrere Polizeibeamte. Außerdem wehrte er sich heftig, schlug und biss um sich. Bewährung kam nach Worten der Richterin deshalb nicht mehr in Frage. Sie sehe weder eine günstige Sozialprognose noch besondere Umstände: »Ich wüsste nicht, woher ich Bewährung zaubern sollte. Sie haben keinen Job, kein gesichertes Umfeld.« Der Angeklagte, der oft vor sich hin gegrinst hatte in dem zweitägigen Prozess, wirkte dabei ausnahmsweise ernst.

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Zeuge wollte zunächst falsches Alibi liefern

Das Gericht vernahm am gestrigen zweiten Verhandlungstag noch einige Zeugen. Nur ein von der Polizei vorgeführter Mann wollte dem 28-Jährigen zunächst ein lückenloses Alibi für jene Stunden am 25. Januar in der Disko »Underground« liefern. Deshalb könne sein Freund nicht zugeschlagen haben, behauptete der zurzeit inhaftierte Zeuge. Staatsanwältin Christina Geyer mahnte ihn, die Wahrheit zu sagen. Ansonsten werde er nach Ende seiner Zeit im Gefängnis dort bleiben. Daraufhin ruderte der Freund zurück: »Ich kann nicht ausschließen, dass es zu irgendwelchen Handlungen gekommen ist.«

Sämtliche anderen Zeugen in dem Verfahren hingegen hatten den »Mann im roten Käppi« als mutmaßlichen Täter wiedererkannt. Der Angeklagte hatte damals zunächst einen Gast auf der Tanzfläche regelrecht überrannt. Es war sehr laut. Da lüpfte der Gast von hinten das Käppi des 28-Jährigen. Dieser schlug sofort zu. Der Geschädigte erlitt eine blutende Nasenbeinprellung, drei Wochen anhaltende Schmerzen und hat auch heute noch eine sehr empfindliche Nase.

An der Garderobe ereignete sich die Attacke gegen einen weiteren Gast. Das bestätigte gestern zum Beispiel einer der Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes. Durch Faustschläge an Kopf und Bauch erlitt das Opfer eine Gehirnerschütterung, eine Unterkieferprellung und ein Bauchtrauma. Dieses Opfer wurde kurz bewusstlos und musste zwei Tage stationär im Klinikum Traunstein bleiben.

Als die Polizei an der Disko eintraf, wollte der 28-Jährige seine Personalien nicht herausrücken. Während des Transports zur Dienststelle beschimpfte der Angeklagte die Polizisten als »Wichser«, »Trottel« und »Kasperl«. Ähnlich ging es weiter auf der Wache. Außerdem leistete der Angetrunkene massiven Widerstand mit Schlagen und Beißen.

Der 28-Jährige räumte die erste Tat in dem Lokal ein, entschuldigte sich dazu bei dem Opfer. Die zweite Attacke habe nicht er begangen, beteuerte er. Auch von den Vorfällen mit der Polizei wusste er angeblich nicht mehr viel.

Staatsanwältin Christina Geyer sah den Sachverhalt der Anklage gestern im Plädoyer in vollem Umfang bestätigt. Wegen zwei vorsätzlicher Körperverletzungen, mehrerer Beleidigungen, einer versuchten Körperverletzung sowie wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte sei eine Freiheitsstrafe von eineinhalb Jahren erforderlich. Bewährung sei nicht mehr möglich – unter anderem, weil der 28-Jährige die Bewährungsauflage aus dem letzten Prozess von 120 gemeinnützigen Arbeitsstunden in einem Altenheim nicht erfüllt habe. Zur Tatzeit der jetzigen Vorwürfe habe er gewusst, er müsse in Kürze eine achtmonatige Haft antreten.

Angeklagter hat JVA bereits von innen kennengelernt

Verteidiger Michael Vogel aus Traunstein erachtete lediglich den ersten Faustschlag als nachgewiesen an. Der Angeklagte bedauere den Schlag. Zweifelhaft sei die Täterschaft seines Mandanten bei der zweiten Sache in der Disko. Der Antrag der Anklägerin sei zu hoch. Zehn Monate mit Bewährung lautete der Schlussantrag des Verteidigers. Der 28-Jährige habe inzwischen die JVA Bernau »von innen kennengelernt« und wisse jetzt, dass Bewährungsstrafen widerrufen werden können.

Die Richterin übernahm im Urteil die Beweiswürdigung der Staatsanwältin. Der erste Geschädigte müsse sich das »Überrennen« nicht gefallen lassen. Sandra Sauer weiter an den Angeklagten: »Sie wissen genau, dass Sie, insbesondere unter Alkohol, Ihre Reaktionen nicht im Zaum halten können. Alles war allein Ihre Schuld.« Bei den strafschärfenden Aspekten erwähnte die Vorsitzende auch die »wahnsinnige Rückfallgeschwindigkeit« und weiter: »Ihre Regelakzeptanz fehlt völlig.« kd

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