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»Ich wäre so gerne Näherin geworden«

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Berta Weinzierl wird am heutigen Freitag im SenVital in Ruhpolding 105 Jahre alt. (Foto: Giesen)

Ruhpolding. Ihren 105. Geburtstag feiert Berta Weinzierl am heutigen Freitag im Senioren- und Pflegezentrum Ruhpolding SenVital. Damit ist sie die älteste (dem Landratsamt bekannte) Bewohnerin des Landkreises Traunstein – am Freitag in einer Woche feiern dann Katharina Hauer aus Obing und Amalie Obermaier aus Trostberg jeweils ihren 105. Geburtstag.


Geboren am 16. Mai 1909 als Berta Duschl in Straubing und hier mit sieben Geschwistern aufgewachsen, lebte sie bis vor einigen Monaten noch in ihrer Wohnung in Straubing, in der sie von einer alten Dame aus dem gleichen Haus betreut wurde.

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Georg Weinzierl holte die Mutter nach Ruhpolding

Ihr Sohn Georg Weinzierl lebt allerdings schon seit 40 Jahren zunächst in Siegsdorf und jetzt in Ruhpolding. Nach der Eröffnung des neuen Seniorenheims in der Ortsmitte holte er die Mutter zu sich und seiner Familie. Denn seine Schwester Lotte in Straubing ist selbst schon 81 Jahre alt und hat mit sich und ihrem Mann schon genug zu tun, wie er erklärt.

Berta Weinzierl sitzt zwar im Rollstuhl, aber geistig ist sie vollkommen klar und merkt sich alles. Sie kann sich sogar vorstellen, mit einem Elektromobil allein durch Ruhpolding zu kurven – eine Vorstellung, die Sohn Georg allerdings wegen des Verkehrs nicht so begeistert. Als Erstes berichtet Berta Weinzierl vom Glückwunschschreiben eines hohen Politikers zu ihrem 100. Geburtstag, das sie sehr freute. Da stand, dass Leute wie sie, die zwei Weltkriege mitgemacht haben und danach das Land wieder aufbauten, die Säulen der Gesellschaft seien. Sie ist stolz darauf, mitgeholfen zu haben, das Land wieder aufzubauen.

Aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erinnert sie sich zum Beispiel noch gut an die rasende Inflation: Wenn der Vater am Samstag seinen Lohn heimbrachte, wurden sofort »Vierpfünder Brote« gekauft, damit die Familie in der Woche etwas zu essen hatte – einen Tag später hätte man schon wieder fast nichts mehr für das Geld bekommen.

Leicht war Berta Weinzierls Leben sicher nie. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie selbst schon verheiratet war und drei Kinder hatte, war die Wohnung der Weinzierls völlig ausgebombt und es hieß, wieder ganz von vorne anzufangen. Wie sich Berta Weinzierl erinnert, hat sie immer sehr, sehr viel gearbeitet. Ihr Vater war schon ein fleißiger und angesehener Ziegelbrenner, der bei einem Kommerzienrat in Brot und Arbeit stand, sodass die Familie nie Hunger leiden musste. Aber mit nur 47 Jahren starb ihre Mutter, als Berta selbst noch ein ganz junges Mädchen war.

Die Stiefmutter warf das junge Mädchen raus

Die Stiefmutter, die bald darauf kam, habe sie rausgeworfen und gesagt, sie solle selbst ihr Brot verdienen. Da musste Berta zu ihrer zwölf Jahre älteren Schwester ziehen und in der Fabrik arbeiten. »Ich wäre so gerne Näherin geworden«, erinnert sie sich, auch ihre Lehrerin habe ihr das geraten, aber das sei eben nicht möglich gewesen. So brachte sie sich in ihrer Freizeit selbst das Nähen bei und nähte bald alles für sich und später für ihre Familie.

Eine schöne Erinnerung wird wach, als sie nach der ersten Begegnung mit ihrem Mann gefragt wird. »Mein Sepp« stand eines Samstagnachmittags in Straubing an einem Torbogen, als Berta mit einem hübschen, selbst genähten Kleid mit Schleife vorbeiging. Da zog er einfach an der Schleife und wollte sie ihr erst wieder geben, wenn »ich mich ein bisserl mit ihm unterhalte. Na ja, und dann ging's halt weiter…«. 1931 wurde geheiratet.

Stolz ist Berta Weinzierl auch darauf, dass sie sich neben ihrer Familie und ihren drei Kindern von ihrem frühen Job als Packerin bis zur Hauptkassiererin in einem großen Straubinger Modehaus hoch gearbeitet hat. Auch ihr Mann war sehr tüchtig. Er arbeitete im Straubinger Tagblatt unter anderem als Fahrer, wo er morgens schon um fünf Uhr anfangen musste. Nachmittags nach Dienstschluss reparierte er Fahrräder aller Art, wobei ihm keine Reparatur zu mühsam war. Mit 75 Jahren aber starb er schon und Berta wollte sich nie mehr mit einem anderen Mann zusammentun, obwohl sie viele Chancen gehabt hätte, wie sie erzählt.

An diesem Freitag wird Berta Weinzierl im Senioren- und Pflegezentrum SenVital in Ruhpolding viele Glückwünsche bekommen, nicht zuletzt von Bürgermeister Claus Pichler, der sich bereits angemeldet hat. Mit ihrer großen Familie, sechs Enkeln und sechs Urenkeln wird Berta Weinzierl dann am Wochenende feiern. Feiern kann sie gut, erzählt ihr Sohn Georg von seinem 70. Geburtstag vor einigen Monaten, bei dem sie sich das Mikrofon geben hat lassen und einige seiner jugendlichen »Schandtaten« zum Besten gegeben hatte. gi