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»Ich möchte einfach nur zeigen, was ich leisten kann«

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Nicht aus Mitleid, sondern wegen ihres Könnens möchte Miriam eingestellt werden. Sie sitzt im Rollstuhl und lernt gerade in München Kauffrau für Büromanagement, wünscht sich aber sehnlichst einen Ausbildungsplatz im Landkreis Traunstein. (Foto: Hohler)

Ruhpolding – Miriam will kein Mitleid. Sie will eine Chance. »Ich möchte einfach nur zeigen, was ich leisten kann«, sagt die 18-jährige Ruhpoldingerin. Doch der Traum von einer Ausbildungsstelle in der Heimat ist für sie nach rund 50 Absagen inzwischen in weite Ferne gerückt. Denn sie sitzt im Rollstuhl. Und so absolviert sie gerade in München das erste Ausbildungsjahr zur Kauffrau für Büromanagement bei der Stiftung ICP (Infantile Cerebrale Parese).


Miriam ist die Zweitgeborene der Ruhpoldinger Vierlinge, die erst vor wenigen Monaten ihren 18. Geburtstag feierten (wir berichteten). Sie wog bei ihrer Geburt gerade mal 970 Gramm, litt unter Sauerstoffmangel und musste wiederbelebt werden. Schon bei der Entlassung aus der Klinik war klar, »dass sie später mal etwas nicht können wird«, wie die Ärzte ihren Eltern sagten.

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Lebensfrohe junge Frau ist auf den Rollstuhl angewiesen

Die Folgen sind bis heute spastische Lähmungen, die rechte Hand ist eingeschränkt, die linke funktioniert normal. Miriam ist auf den Rollstuhl angewiesen, für den Gang zur Toilette, beim An- und Ausziehen braucht sie Hilfe. Trotzdem hat sie sich dank der Hilfe ihrer Familie im Laufe unzähliger Therapien zu einer lebensfrohen jungen Frau entwickelt, die ehrgeizig eine Herausforderung nach der anderen meistert. So hat sie unter anderem den Qualifizierenden Hauptschulabschluss geschafft.

Nur ihren Traum von der Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau hat sie aufgeben müssen. Sie hatte zwar einen Praktikumsplatz in einem Traunsteiner Reisebüro. Ihr hat es sehr viel Spaß gemacht, die Kollegen waren super zufrieden. Trotzdem lehnte die weit entfernte Zentrale des Reisebüros eine Ausbildung ab; ebenso wie andere mögliche Arbeitgeber – egal, ob Gemeinden oder andere Behörden, Industriebetriebe oder der Handel. Selbst Wohlfahrtsverbände sahen keine Möglichkeit.

Ab 20 Mitarbeitern greift die gesetzliche Verpflichtung

»Bei uns steht's wirklich an«, sagt dazu Miriams Betreuer bei der Arbeitsagentur, Christian Litwinschuh. Er ist zuständig für Menschen mit Behinderung, die eine Ausbildung suchen. Und Miriam ist beileibe kein Einzelfall. Trotz des »Gesetzes zur Sicherung der Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft«, demzufolge jeder Betrieb ab 20 Mitarbeitern einen Schwerbehinderten einstellen muss, ist es immer wieder schwer, Rollstuhlfahrer in Lohn und Brot zu bringen.

Hauptprobleme sind räumliche Enge, die Angst der Arbeitgeber vor dem Ungewissen, aber auch Vorurteile und Unwissenheit zum Beispiel zum Kündigungsschutz oder zu Hilfen der Arbeitsagentur. So zahlt die Agentur einen Zuschuss zur Ausbildungsvergütung, den Umbau von Toiletten, Aufzüge, elektronische Türöffner oder auch unterfahrbare Schreibtische. Selbst die Bürotechnik wird finanziert.

»In der Probezeit ist ein Rollstuhlfahrer genauso kündbar, wie jeder andere Azubi. Erst danach darf er bis zum Ende der Lehrzeit nicht entlassen werden«, erklärt Litwinschuh. Eine Übernahme nach der Lehrzeit wäre natürlich das Ziel, aber der Ausbildungsbetrieb verpflichtet sich keinesfalls automatisch dazu. »Das Ganze steht und fällt natürlich mit der Hilfsbereitschaft der Mitarbeiter.«

»Ehrgeizig, pünktlich, zuverlässig und ausdauernd«

Über Miriam sagt Litwinschuh: »Sie ist sehr ehrgeizig, hat Ausdauer und ist pünktlich – auch dank ihrer engagierten Familie. Sie hat echtes Interesse an der Arbeit, auf sie kann man sich hundertprozentig verlassen.« Die Fahrt zur Arbeit ist ebenso sichergestellt wie die Hilfe des Pflegedienstes beim Gang zur Toilette. Sie kann zwar nur mit einer Hand tippen, »aber das mach ich sprichwörtlich mit links«, scherzt sie. Außerdem gibt es ja heutzutage Diktierprogramme, auch die würden gezahlt. Die Noten sind guter Durchschnitt, in Englisch hat sie eine 2, auf die sie zu Recht stolz ist.

Die dauernden Absagen machen Miriam mittlerweile ganz schön zu schaffen. »Da fängst an, an dir selber zu zweifeln«, sagt sie. »Aber wir sind doch auch Menschen, die was leisten können und wollen.« Und deshalb kann sie es nicht verstehen, dass Arbeitgeber lieber die Ausgleichsabgabe zahlen, als ihrer gesetzlichen Verpflichtung nachzukommen – zumal ein schwerbehinderter Jugendlicher als zwei Pflichtplätze anzurechnen sei. Am schlimmsten findet sie es, »wenn sie dann noch nicht mal den Mut haben, mir selbst abzusagen.«

Miriam hat entsetzliches Heimweh. Und, so erklärt ihre Mutter, »sie muss sich in München von fremden Leuten waschen und anziehen lassen.« Sie vermisst ihre Ruhpoldinger Physiotherapeutin, der sie sehr viel verdankt. »Überhaupt kommt die körperliche Förderung in München zu kurz«, erklärt sie weiter. »Das machen wir jetzt alles am Wochenende, aber das ist deutlich zu wenig.«

Dabei hat Miriam ein ehrgeiziges Ziel: Sie möchte laufen lernen. Und das ist grundsätzlich auch möglich, wenn sie regelmäßig mit ihrer Petö-Konduktorin arbeiten kann. Die konduktive Förderung des ungarischen Therapeuten András Petö besteht aus Elementen von Orthopädie, Neurologie und Psychiatrie. Sie hat das Ziel, spastisch gelähmte Menschen von fremder Hilfe oder Hilfsmitteln so unabhängig wie möglich zu machen.

»Auf alle Fälle zu 100 Prozent für den Betrieb da«

»Andere gehen nach der Arbeit zum Sport, die Miriam würde halt weiter an sich arbeiten«, erklärt die Mutter. »Sie wäre auf alle Fälle zu 100 Prozent für ihren Betrieb da.« Miriam hofft inständig, dass sie ab September in einem heimischen Betrieb ihre Ausbildung fortsetzen kann. Und so sehr ihr auch das Heimweh zusetzt, »ich will nicht aus Mitleid angestellt werden, sondern wegen meines Könnens«, sagt sie.

Wer bereit wäre, Miriam oder einem anderen Menschen eine Chance zu geben, dem das Schicksal eine besondere Herausforderung gestellt hat, der kann sich wenden an die Arbeitgeber-Servicenummer 0800/45 55 520. coho