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»Ich kann das noch gar nicht glauben, dass sie wirklich schon 18 sind«

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So haben sie angefangen, als jeweils »eine Handvoll Kind«. Unser Bild zeigt die stolzen Eltern Evi und Wolfgang Kurz mit ihren Vierlingen (von links) Veronika, Melanie, Bettina und Miriam am Tag der Entlassung aus dem Krankenhaus – also im Alter von etwa drei Monaten.
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... und das ist daraus geworden – vier bildschöne junge Frauen. Unser Bild zeigt oben links Miriam, oben rechts Veronika, unten links Melanie und Bettina Kurz. (Foto: M. Butolo)

Ruhpolding – »Wir feiern ja eigentlich unseren 72. Geburtstag«, sagt Bettina Kurz und lacht. Groß sind sie geworden, die Kurz-Vierlinge aus Ruhpolding: am heutigen Samstag feiern sie ihren 18. Geburtstag. Dabei haben sie als »eine Handvoll Kind« angefangen, wie sich Mama Evi Kurz erinnert.


»Ich kann das noch gar nicht glauben, dass sie wirklich schon 18 sind«, sagt Evi Kurz. »Aber ich bin froh, dass wir schon so weit sind, und ich freu' mich darauf, dass sie jetzt selbstständig Auto fahren können. Das war wirklich eine anstrengende Zeit«, blickt sie im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt zurück.«

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»Ich hab das damals irgendwie lustig gefunden«

An die ersten vier Jahre nach der Geburt kann sie sich kaum noch erinnern. »Da haben wir einfach nur funktioniert.« Schon in der sechsten Schwangerschaftswoche waren drei Kinder zu erkennen. »In der achten Woche waren es dann vier«, erinnert sich Evi Kurz. »Ich hab das damals irgendwie lustig gefunden. Ich hab' ja nicht gewusst, was da auf mich zukommt.«

Geboren wurden Veronika, Miriam, Bettina und Melanie am 19. März 1998 im Klinikum Traunstein – in der 28. Schwangerschaftswoche mussten sie per Kaiserschnitt geholt werden, denn es bestand die Gefahr gesundheitlicher Schäden für die Mutter, und auch Bettina und Melanie waren bereits schlecht versorgt. Ein Großaufgebot an medizinischen Helfern stand bereit, um die Geburt und die folgenden Wochen zu meistern.

Alle vier wogen damals weniger als 1000 Gramm – ein Gewicht, bei dem immer ein unkalkulierbares Risiko besteht. Veronika war die Erste. Sie kam mit einem Geburtsgewicht von 820 Gramm zur Welt. Immerhin 970 Gramm brachte Miriam auf die Waage. Melanie war mit 610 Gramm die Leichteste – »ich wog so viel wie sechs Tafeln Schokolade«, sagt sie heute. Nur zehn Gramm mehr brachte Bettina auf die Waage – »sechs Tafeln Schokolade und ein Ferrero Küsschen«, ergänzt sie lachend.

Erst Mitte Juni durften zuerst Veronika und Miriam, 14 Tage später auch die beiden »Kleinen« nach Hause. »Schön war das, als sie endlich daheim waren«, so Evi Kurz. Mit inzwischen mehr als zwei Kilogramm waren alle vier soweit über den Berg. Nur wegen des erhöhten Risikos, am plötzlichen Kindstod zu sterben, war Miriam zunächst noch an den Monitor angeschlossen – nächtliche Fehlalarme inbegriffen. Ohne Hilfe wäre das nicht zu schaffen gewesen, zumal Wolfgang Kurz ab August oft auf der Baustelle für das neue Haus der Familie in Ruhpolding war. Denn die kleine Wohnung in Thannreit wäre auf Dauer viel zu klein gewesen. Ebenso wie der BMW – es musste ein Bus her. Selbst da wurde es manchmal eng mit vier Babyschalen und zwei Zwillingskinderwagen.

»Am Anfang eine Stunde für 70 Gramm Milch gebraucht«

Zum Glück gab es die beiden Omas, die Uroma, Tanten, Freunde und Verwandte. »Die Uroma hat meistens die Melanie gefüttert, denn die hat am Anfang allein eine Stunde für 70 Gramm Milch gebraucht.« Zunächst zahlten Kranken- und Pflegekasse eine Haushaltshilfe für sechs Stunden am Tag und eine Kinderkrankenschwester, wenigstens für drei Nächte in der Woche, »damit wir wenigstens dreimal die Woche schlafen konnten«.

Kaum waren die Kinder von der Klinik zu Hause, begann auch schon der Bau des eigenen Hauses in Ruhpolding. Das Haus baute der gelernte Maurer und Hochbaupolier in Eigenregie mit großer Hilfe der Familie. Nachträglich musste ein Aufzug eingebaut werden.

Denn Miriam musste bei der Geburt wiederbelebt werden, sie litt unter Sauerstoffmangel. Zwar war schon bald nach der Geburt klar, dass sie »später mal etwas nicht können wird«, wie man den Eltern in der Klinik sagte. Aber wie weit die – glücklicherweise nur körperlichen – Folgen sie beeinträchtigen würden, wurde erst später klar: die Schwestern waren schon mobil, sie selbst lag einfach da.

Sie ist heute noch auf den Rollstuhl und fremde Hilfe angewiesen, denn sie erlitt eine Tetraparese, eine Lähmung von Armen und Beinen. Auch, wenn Evi Kurz manches Mal das Herz schwer wurde, weil manches nicht möglich war wie Radeln oder Langlaufen »mit vier Kindern, von denen eines nicht mitmachen konnte. Man hat euch nicht so viel bieten können, ihr habt schon oft zurückstecken müssen«. Doch das finden Veronika, Melanie und Bettina nicht schlimm. Musste Evi Kurz mit Miriam längere Zeit zur Therapie weg, »dann haben wir halt was anderes gemacht«, sagt Melanie. »Uns ist nix abgegangen«, versichert Bettina. Und Veronika sagt: »Dafür hat der Papa mit uns Ausflüge gemacht.«

Größter Wunsch wäre eine Lehrstelle in der Heimat

Trotz des Rollstuhls schaffte auch Miriam den qualifizierenden Hauptschulabschluss. Derzeit ist sie in einem Münchner Internat, in dem sie eine Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement begann. Und während zu Schulzeiten Fahrten mit den Maltesern bezahlt wurden, legt man der jungen Frau aus Kostengründen jetzt lieber ans Herz, ihr Praktikum doch in München zu machen. Dabei wünscht sie sich nichts sehnlicher, als eine Ausbildungsstelle in der Heimat, denn sie hat fürchterliches Heimweh.

Und auch ihre Schwestern hätten sie lieber zu Hause: »Die gehört einfach dazu«, bringt es Melanie auf den Punkt. Und auch Bettina verteidigt ihre Schwester: »Die Betriebe stellen sie nicht ein, weil sie im Rollstuhl sitzt. Die zahlen lieber eine Strafe«, sagt sie kopfschüttelnd. »Dabei hat sie einen Elektrorollstuhl und ist geistig total fit. Vielleicht tippt sie ein bissl langsamer als andere, aber das sagt doch nichts über die Qualität ihrer Arbeit aus!«

Als Vierlinge geboren zu sein, hat für die Schwestern aus heutiger Sicht Vor- und Nachteile. Melanie ärgert sich manchmal, »dass man immer als Vierling angesehen wird und nicht als eigenständiger Mensch«. Und waren sie als Kleinkinder immer gleich angezogen, hat sich das natürlich inzwischen geändert. Aber den gleichen Stil haben sie bis heute, auch die Größen sind relativ gleich. »Da kommt's schon mal vor, dass man diskutieren muss, wer jetzt welches Teil anziehen darf«, ergänzt Bettina, und Veronika nervt am meisten »das Angestarrtwerden, das Gerede von den Leuten.«

Als positiv empfinden die drei, die beim Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt daheim sind, den Zusammenhalt. »Es wird nie langweilig«, sagt Melanie. »Und man hat immer wen zum Ratschen«, erklärt Bettina, »eine Freundin ist ganz toll und wichtig, aber eine Schwester hat das gleiche erlebt. Das ist eine ganz enge Verbundenheit.« Und auch Veronika sagt: »Man ist nie allein und hat immer wen zum Reden.«

Veronika hat wie Miriam den qualifizierenden Hauptschulabschluss gemacht. Sie lernt in Traunstein Floristin – wie einst ihre Mama. »Mir gefällt's richtig gut«, sagt sie. Nur die Tage, an denen sie in die Berufsschule nach München muss, sind extrem anstrengend. Melanie hat wie Bettina den M-Zug besucht. Sie lernt jetzt Kauffrau für Groß- und Außenhandel, Bettina besucht die Hauswirtschaftsschule und möchte danach in München eine Weiterbildung zur Fachlehrerin für Werken, Handarbeit und Sport machen.

Cheerleading ist auch das Hobby von Bettina und Veronika. Sie sind bei den »V-Town-Panthers« des SC Vachendorf. Und weil sie am morgigen Sonntag an einer Meisterschaft teilnehmen, feiern sie heute nur mit der Verwandtschaft. »Aber die Party mit unseren Freunden holen wir nach«, verspricht Veronika. coho