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»Ich habe sehr viel durchgemacht in meinem Leben«

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Seit Januar kommt die 54-jährige Heidi in die Anthojo-Lounge. Sie hat dort Anschluss zu anderen Betroffenen gefunden. Im Hintergrund sieht man die Bilder, die die Suchtkranken an einem Projekttag am Chiemsee gemalt haben. (Foto: Artes)

Traunstein. Viele Menschen sind traurig und alleine. Sie wissen nicht mehr weiter, bekommen psychische Probleme, greifen zur Flasche oder nehmen Drogen. Doch was, wenn sie diese Situation wieder ändern möchten? An wen sollen sie sich wenden? Für solche Fälle gibt es Hilfestellen. Eine davon ist die Kontakt- und Begegnungsstätte für abhängige Menschen, die Anthojo-Lounge, an der Äußeren Rosenheimer Straße.


Im Vordergrund steht in der Einrichtung, Menschen zu helfen, die Probleme mit Alkohol haben. Aber auch Drogen- und Medikamentenabhängige oder Personen mit einer zusätzlichen psychischen Erkrankung dürfen kommen. Ansatzpunkt der Arbeit ist immer der funktionelle Gebrauch von Suchtmitteln. »Wir möchten diesen Menschen helfen und ihnen eine Tagesstruktur ermöglichen«, so Jochen Stöpel, Leiter der seit Juli 2013 bestehenden Einrichtung. Für viele Betroffene sei es wichtig zu wissen, »ich kann was machen«. Dann würden sie nicht nur den ganzen Tag zu Hause sitzen, fernsehen, schon in der Früh die erste Flasche Bier aufmachen oder zu viel über ihr Leben grübeln.

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Besuch in der Lounge hilft, den Alltag zu bewältigen

Rund 20 Leute kommen jeden Tag in die Anthojo-Lounge, erzählt Jochen Stöpel. »Wir sind ein offener Treff«. Das heißt, es kommen nicht immer die gleichen Personen. »Es ist schon ein Wechsel drin. Jeder kann kommen und gehen, wann er möchte. Ob das nur fünf Minuten für einen Kaffee sind oder länger, das ist egal.«

Wichtig sei es, Vertrauen zu den Leuten zu fassen, um ihnen helfen zu können. Entweder geschieht das in der Anthojo-Lounge selbst, zum Beispiel bei Gesprächen, oder man setzt sich zusammen und sucht nach anderen Fachstellen, die weiterhelfen können.

Hilfe in der Anthojo-Lounge fand auch die 54-jährige Heidi. Sie ist gelernte Einzelhandelskauffrau, hat in der Gastronomie gearbeitet. Seit 2008 ist sie erwerbslos. »Ich habe schon sehr viel durchgemacht in meinem Leben«, sagt sie. Seit sieben Monaten kommt die Frau inzwischen zwei- bis dreimal pro Woche in die Lounge. Der Besuch würde ihr helfen, den Alltag zu bewältigen. Sie hat kein Alkoholproblem, sondern hat psychische Probleme. Ganz offen spricht sie darüber. Schon mehrfach war sie wegen Schizophrenie in einer Fachklinik. »Trinken kam für mich nie in Frage, außer ich wollte mich 'wegbeamen'«, erzählt Heidi.

Bei ihrem letzten Aufenthalt in der Klinik, im Juli 2013, erfuhr sie von der Anthojo-Lounge. Noch am gleichen Tag hat sie einen Termin ausgemacht. Erst seit Januar komme sie regelmäßig und habe seitdem keine Beschwerden mehr. Der Austausch mit anderen tue ihr gut.

Begonnen hat ihre Schizophrenie nach der Geburt ihrer Kinder. »Ich habe das Telefon läuten gehört, obwohl es nicht läutete. Ich habe Personen gesehen, die gar nicht da waren«, berichtet sie weiter. 2001 wurde die Krankheit erstmals festgestellt. Sie bekam Medikamente. Mal ging es ihr besser, mal schlechter, erzählt die eigentlich sehr lebenslustig wirkende Frau. Dann wurde es so schlimm, dass Heidi versuchte, sich das Leben zu nehmen. Nicht mehr weiter wusste sie auch nach dem Tod ihres zweiten Mannes: »Ich habe ihn immer in der Wohnung sitzen sehen, obwohl er schon tot war«. Sie fand keinen Ausweg aus dieser Situation: Erst verbrachte sie viel Zeit bei ihrer Tochter, um sich abzulenken, dann kam sie wieder in die Klinik.

Die Kinder waren zu klein, um etwas zu bemerken

Dort wurde festgestellt, dass ihre Medikamente zu niedrig dosiert waren. Inzwischen passe die Dosierung. Ihre Kinder haben von ihrer Erkrankung anfangs nichts mitbekommen. »Damals waren sie noch zu klein dafür«, erzählt die dreifache Mutter. Doch heute würden ihre Kinder, zu denen sie ein sehr gutes Verhältnis hat, darauf achten, dass sie regelmäßig ihre Tabletten nimmt.

Seit einiger Zeit arbeitet Heidi ehrenamtlich in einem Altenheim und betreut dort Senioren. Am Anfang ging sie hin, um ihre Trauerphase nach dem Tod ihres Mannes zu überwinden; heute, weil es ihr Spaß macht und sie nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen will. An zwei bis drei weiteren Tagen kommt sie in die Anthojo-Lounge. »Je nachdem wie ich drauf bin, entscheide ich, was mir gut tut, Altenheim oder Lounge«, erklärt Heidi.

Stress sei für sie tödlich, die Gefahr eines Rückfalls bei stressigen Situationen in die psychische Erkrankung groß. Hilfe findet sie neben regelmäßigen Besuchen beim Psychologen im Austausch mit anderen Betroffenen in der Anthojo-Lounge. Auch Freundschaften habe sie dort knüpfen können, obwohl sie normal sehr distanziert sei.

Zu einer geregelten Tagesstruktur gehören in der Anthojo-Lounge auch gemeinsame Mahlzeiten. »Die Betroffenen müssen dafür nichts zahlen. Aber es gibt eine Kaffeekasse, wo jeder etwas hineinwerfen kann – so viel, wie er kann oder möchte«, berichtet Jochen Stöpel. Gerade zum Ende des Monats sei bei einigen Betroffenen nicht mehr viel Geld übrig, da sie von Hartz IV oder Frührente leben müssten.

Daneben können sie sich bei unterschiedlichen Projekten beschäftigen. Bei einem Malkurs ging es zum Beispiel an den Chiemsee, wo die Betroffenen den See auf einer Leinwand festgehalten haben und ihrer Kreativität freien Lauf gelassen haben. Aber auch Tagesausflüge nach Salzburg oder in die Bavaria-Filmstadt in München stehen auf dem Programm.

Wohlfühlatmosphäre steht an erster Stelle

Finanziert wird die Anthojo-Lounge vom Bezirk Oberbayern. Die Angebote in der Einrichtung sind kostenlos und unverbindlich. Jochen Stöpel ist vor allem froh über die zentrale Lage in der Nähe des Bahnhofs und die moderne Ausstattung. »Die Räume sind nicht wie in einer Praxis, sondern wie in einem Café – man soll gerne zu uns kommen und sich wohlfühlen«, betont er. Nicht nur Betroffene dürfen kommen, auch Angehörige und Interessierte können sich über die Arbeit in der Einrichtung informieren und finden dort einen Ansprechpartner. Geöffnet ist die Anthojo-Lounge von Montag bis Donnerstag von 8.30 bis 16 Uhr und am Freitag von 8.30 Uhr bis 13.30 Uhr. Zudem sind die Mitarbeiter unter der Telefonnummer 0861/90 94 12 21 erreichbar. jar