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»Ich habe die Fassung verloren und ihn geschüttelt«

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Foto: Symbolbild, pexels.com

24 Stunden nach einer harmlosen Erklärung für das Schütteltrauma seines damals sechs Monate alten, seither schwerst behinderten Sohns legte der 40-jährige Vater vor dem Landgericht Traunstein ein Geständnis ab.


Bei absoluter Stille im Gerichtssaal erklärte er, der Säugling habe unentwegt geschrien. Da seien ihm die Nerven durchgegangen. Er habe das Baby gepackt und mehrere Male heftig geschüttelt. Die Sechste Strafkammer verhängte wegen gefährlicher wie schwerer Körperverletzung sowie Misshandlung von Schutzbefohlenen eine Freiheitsstrafe von »nur acht Jahren«.

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Am ersten Prozesstag (zum Bericht) hatte der Angeklagte erzählt, das Kind sei am Nachmittag des 24. August 2015 gesund und munter auf der Couch gelegen. Er habe draußen eine Zigarette geraucht. Bei der Rückkehr habe das Kind mit halb geöffneten Augen nach Luft geschnappt. Er habe Reanimationsmaßnahmen vorgenommen und den Rettungsdienst angerufen. Gestern korrigierte der 40-Jährige: »Ich war mit dem Kleinen allein. Er hat die ganze Zeit geweint. Ich wollte ihm die Schuhe anziehen, er sträubte sich und schrie weiter. Ich hab ihn gepackt. Sein Kopf fiel nach hinten, dann nach vorne auf meine Nase. Ich habe die Fassung verloren und ihn geschüttelt.« Bei diesen Worten brach die 38-jährige Kindsmutter in Tränen aus. Ihr Lebensgefährte beteuerte später im »letzten Wort«: »Es tut mir leid. Ich kann es nie wieder gut machen.« Er schilderte, er habe mehrmals Streit mit seiner Freundin gehabt, habe Vorwürfe bekommen, sich zu wenig um den Kleinen zu kümmern.

»Ich wollte nicht mit einer Lüge leben«

Der Vorsitzende Richter Dr. Jürgen Zenkel hakte nach: »Es müssen ganz brutale Schüttelbewegungen gewesen sein?« Das bejahte der Angeklagte leise. Warum er nicht auf die Rückkehr der Kindsmutter gewartet oder andere zu Hilfe gerufen habe, wollte Zenkel wissen. »Das wäre besser gewesen«, sagte der Angeklagte. Auf Frage nach dem Grund für das Geständnis erwiderte der 40-Jährige: »Ich wollte nicht mit einer Lüge leben.«

Völlige Stille herrschte auch beim Gutachten von Professor Dr. Randolph Penning vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München. Er schickte vorweg, die neue Darstellung sei voll konsensfähig mit den Obduktionsergebnissen. Das Thema »Schütteltrauma bei Säuglingen« sei extrem sensibel. Professor Penning fuhr fort, klassisch sei: »Es wird ein unerklärlicher Notfall gemeldet. Vorher war alles bestens. Bei der Obduktion stoßen wir dann auf eindeutige Befunde.« Symptome für ein Schütteltrauma seien Atemprobleme, schlaffer Körper, Bewusstlosigkeit, Zucken – alles Folgen neurologischer Beschädigungen. Der Rechtsmediziner ging auf die Details des mindestens sechs- bis neunmaligen Schüttelns mit massiver Gewalt ein.

»Die Beweisaufnahme hat den vollen Nachweis für die Tat erbracht«, hob Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner im Plädoyer auf viereinhalb Jahre Haft hervor. Das Kind habe irreversible Schäden im Gehirn erlitten. »Der Kopf des Sohns peitschte mehrfach hin und zurück. Trotzdem hat er mehrere Sekunden weiter geschüttelt und seiner Wut freien Lauf gelassen.« Dem 40-Jährigen seien die Gefahren des Schüttelns von Kleinkindern bekannt gewesen. Diese habe er billigend in Kauf genommen. Das Kind werde Zeit seines Lebens nicht sprechen, hören, sehen, nicht selbstständig essen und trinken können. »Es wird gar nichts können, was einen normalen Menschen ausmacht«, unterstrich Dr. Mößner. Zugunsten zu werten seien das Geständnis, die Rettungsbemühungen, die Untersuchungshaft. Zu Lasten spreche: »Das Kind war hilflos seiner Gewalt ausgesetzt.« Der Sohn sei mehrere Monate in stationärer Behandlung gewesen.

Namens der Mutter als Vertreterin des inzwischen zweijährigen Opfers schloss sich Nebenklagevertreter Maximilian Kaiser aus Landshut an. Das Kind werde sein ganzes Leben lang Tag und Nacht Betreuung brauchen. Kaiser sprach von einem »Gewaltexzess«. Der Angeklagte werde sein Leben lang mit der Schuld leben müssen, werde aber immer wieder daran erinnert werden. Die Kindsmutter ergriff das Wort: »Er hat sein Kind fast umgebracht – mit Absicht. Er hätte so viel Vater sein und den Ärzten vom Schütteln berichten müssen. Er hat seine Hilfe verweigert und nicht gesagt, was passiert ist.«

Verteidiger Harald Baumgärtl aus Rosenheim zeigte Verständnis für die Gefühle der Mutter. Vor Gericht aber müsse man sich juristisch mit dem Fall auseinandersetzen. Den Vorsatz, jemand zu verletzen, habe sein Mandant nicht gehegt: »Es war ein Sekundenversagen.« Danach habe er für Hilfe gesorgt. Aufgrund des Geständnisses und der Gutachten sei der 40-Jährige zu verurteilen. An einen minderschweren Fall sei nicht zu denken. Bei der Strafzumessung führte der Anwalt das von Reue getragene »Geständnis ohne Wenn und Aber« an. Die Vorgeschichte sei wichtig. Der Gutachter habe von »abruptem Zorn« geredet. Eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als vier Jahren sei tat- und schuldangemessen.

»Sie haben Ihrem Kind ein normales Leben genommen«

»Ohne Geständnis hätten wir neun Jahre Haft verhängt«, hob der Vorsitzende Richter im Urteil heraus. Der Angeklagte habe »roh und gefühllos gehandelt«. Er habe sein eigenes Kind fast zu Tode geschüttelt. Ganz negativ gesehen habe die Kammer, dass das Kind niemals sehen werde: »Das Gehirn kann die Reize nicht aufnehmen.« Dass der Bub noch lebe, sei ein Wunder. Dr. Zenkel fand eindringliche Worte: »Sie haben Ihrem Kind ein ganz normales Leben genommen.« Positiv wirke das Geständnis. Der Vater habe die Beherrschung verloren, sei vielleicht auch überfordert gewesen. Angesichts der verheerenden Folgen sei eine Strafe im eher unteren Bereich des Strafrahmens – er reicht bis zu 15 Jahren – nach Dr. Zenkel »indiskutabel«. Der Verteidiger kündigte gestern sofort Revision an. kd