weather-image
30°

»Ich hab' mit dem Vorfall nichts zu tun«

0.0
0.0
Bildtext einblenden
Foto: Redaktion

Traunstein – Die zeitlich unbegrenzte Unterbringung in der geschlossenen Abteilung einer psychiatrischen Klinik droht einem 26-Jährigen aus Niedersachsen. Er soll im Mai 2014 einen 61-jährigen Traunreuter in dessen Wohnung getötet haben. Am gestrigen elften Verhandlungstag vor dem Schwurgericht Traunstein hielten Staatsanwaltschaft und Verteidiger die Plädoyers.


Staatsanwalt Björn Pfeifer sah den Angeklagten der Bluttat überführt, ebenso Nebenklagevertreterin Petra Hödl aus Passau im Namen der Mutter des Opfers. Die Verteidiger, Axel Kampf und Raphael Botor aus Rosenheim, plädierten, den Antrag auf Unterbringung in der Psychiatrie zurückzuweisen. Das Hauptargument: Andere Täter kämen in Betracht.

Anzeige

Der Beschuldigte hatte im März 2013 wenige Tage bei dem als »Flaschensammler« bekannten Rentner in einem Gebäudekomplex am St.-Georgs-Platz in Traunreut gewohnt. Mit Hilfe der Polizei wies der 61-Jährige den jungen Mann damals aus der Wohnung. Gut ein Jahr später trafen sich die beiden im Mai 2014 in der Stadt und zu einem angeblich »freundschaftlichen« Besuch in der Wohnung. Kurz darauf reiste der mutmaßliche Täter in seine Heimat. Die Leiche des Rentners wurde am 17. Mai 2014 in seiner Wohnung gefunden. Nachbarn hatten den 61-Jährigen vermisst und die Polizei verständigt. Nach einem Raddiebstahl in Niedersachsen Ende Juli 2014 klickten für den zwischenzeitlich wegen Mordverdachts gesuchten 26-Jährigen die Handschellen.

Verbrechen aus niederen Beweggründen

Staatsanwalt Björn Pfeifer sprach im Plädoyer von einem Verbrechen »aus niederen Beweggründen«. Das Opfer sei nach heftigen Angriffen mit einem Hammer und einem Messer verblutet. Die schwerwiegendsten Verletzungen habe der 61-Jährige im Flur erlitten. In der Küche sei stumpfe Gewalt mit dem Hammer ausgeübt worden. Als der Rentner bewusstlos war, stach der Angeklagte noch 24 Mal mit einem Messer auf sein Opfer ein. Die Tatzeit sei laut Pfeifer nicht genau einzugrenzen, liege irgendwann zwischen 14.30 Uhr am 12. Mai 2014 und dem Morgen des 13. Mai.

Die Schuldfähigkeit war laut Björn Pfeifer »sicher erheblich beeinträchtigt«. Denn der 26-Jährige leidet unter einer schizophrenen Psychose, einer Persönlichkeitsstörung und an ADHS im Erwachsenenalter.

Der Staatsanwalt listete Indizien auf, die eine Täterschaft des Beschuldigten stützen, darunter die ersten Aussagen vor der Kripo »mit Täterwissen«, DNA-Spuren des 26-Jährigen in der Wohnung und das Vernichten von Spuren.

Der 61-Jährige habe vor seinem Tod Geld von der Bank geholt, das später nicht mehr aufzufinden war, so Pfeifer. Der Beschuldigte habe mehr Geld ausgegeben, als er vorher von der Diakonie in Traunstein bekommen habe. Für andere Täter hätten sich »keinerlei Hinweise« ergeben. Hintergrund des Verbrechens sei ein Motivbündel: »Er hat den Verstorbenen wegen seiner Unordentlichkeit zutiefst verachtet. Er erwartete eine Entschuldigung wegen des Rauswurfs ein Jahr zuvor.« Mit hoher Wahrscheinlichkeit sei angesichts der Gefährlichkeit des Beschuldigten von weiteren Gewalttaten auszugehen, hob Björn Pfeifer heraus. Nebenklagevertreterin Petra Hödl schloss sich an und sprach von »einer grauenhaften Tat«.

Mit Aufzählen »gravierender Fehler der Ermittlungsbehörden« eröffnete Raphael Botor die Verteidigerplädoyers. Beispiele seien die Temperatur in der Wohnung und der fehlende Abgleich von Genspuren mit dem Polizeiarchiv. Man habe sich »nur auf die eine Person« als Tatverdächtigem festgelegt: »Ab dann waren die Ermittlungen nicht mehr objektiv.«

Auch andere Täter kämen in Frage

Die schwere Kindheit und Jugend des 26-Jährigen einschließlich diverser Vorstrafen schnitt Verteidiger Axel Kampf an. Sein Mandant sei gewohnt, »auf sehr niedrigem Niveau zu leben«. Das von der Anklage früher genannte Motiv »Rache« könne keiner Überprüfung standhalten. Es habe in Bezug auf den Rauswurf aus der Wohnung »keine Beleidigungen, keine Drohungen« gegeben.

Andere Täter kämen in Frage. Vielleicht hätten sich Zeugen bei ihren Beobachtungen geirrt. Es gebe Anhaltspunkte, dass der Rentner am 13. Mai 2014 noch gelebt habe. Dann scheide der Beschuldigte als Täter aus, hob Kampf heraus. Der Rechtsmediziner habe gesagt, die Tat müsse »in einer Art Overkill« passiert sein. »Die Kleidung des Täters muss getrieft haben vor Blut. Wie kommt er damit unerkannt aus der Wohnung und nach Traunstein? Das Entdeckungsrisiko ist viel zu groß.«

Wie der Rentner umgekommen sei, sei geklärt – »nicht aber durch wen«. Die Beweislage sei dünn. Der Grundsatz »in dubio pro reo« (im Zweifel für den Angeklagten) müsse gelten, fasste der Verteidiger zusammen. Sollte eine Unterbringung angeordnet werden, beantragte Kampf ein neues psychiatrisches Gutachten. »Ich hab' mit dem Vorfall nichts zu tun, habe alles gesagt, was ich sagen konnte« – so der 26-Jährige im »letzten Wort«.

Die Kammer mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs verkündet ihr Urteil am Freitag um 10 Uhr. kd