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»Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge«

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In drei Wochen geht Dr. Rupert Ketterl in den Ruhestand. Er war 28 Jahre lang Chefarzt am Klinikum Traunstein. Der bekannte Chirurg gehört zu den besten Medizinern Deutschlands. Sein »Steckenpferd« ist die Wirbelsäule. (Foto: Reiter)

Traunstein – Seit 28 Jahren ist Professor Dr. Rupert Ketterl Chefarzt am Klinikum Traunstein. Ende Mai geht der 65-Jährige in den Ruhestand – »mit einem lachenden und einem weinenden Auge«, wie er betont. Denn er sei immer mit Herzblut dabei gewesen. Jetzt freue er sich aber auf mehr Zeit mit seiner Familie, die über viele Jahre zurückstecken musste. Durchaus kritisch äußert sich Professor Ketterl im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt zur Geschäftsführung. »Meiner Meinung nach wurden zu viele Prozesse parallel gestartet. Das hat eine unglaubliche Unruhe ins Krankenhaus gebracht.«


Der Ruhestand rückt näher. Wie geht es Ihnen damit?

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Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Ich war hier in Traunstein lange Zeit mit Herzblut dabei. Der Kontakt mit meinem Team und den Patienten wird mir sicher fehlen. Aber es ist auch gut, zum richtigen Zeitpunkt aufzuhören. Und der ist mit 65 gekommen. Denn so eine Belastung kann man nicht ewig durchhalten. Und halb geht nicht. Also ganz oder gar nicht.

Für das Klinikum Traunstein bedeutet Ihr Ausscheiden einen großen Verlust, schließlich gehören Sie zu den besten Chirurgen Deutschlands...

Sie sprechen vermutlich die Auszeichnungen als Leitender AO-Trauma-Chirurg (Vereinigung von Chirurgen, Orthopäden, Kieferchirurgen und weiterer Ärzte, Anmerkung der Redaktion) und im Magazin Focus an. Es freut mich, dass ich zum vierten Mal in Folge zu den Top-Medizinern gewählt wurde.

Macht Sie das stolz?

Die Unfallchirurgie in Traunstein hat deutschlandweit einen Namen und ist in der Versorgung von Schwerverletzten mittlerweile unter den Top 10 Kliniken in Deutschland gelistet sowie für die Berufsgenossenschaften zur Behandlung komplexer Fälle und von Schwerstverletzten zugelassen. Das geht nur im Team. Ich sehe mich als jemand, der über Jahre hinweg ein motiviertes Team führen durfte. Es ist nicht die Einzelperson, die zählt. Aber man sollte Vorbild sein, authentisch bleiben. Es gibt nicht umsonst das Sprichwort: »Der Fisch stinkt vom Kopf.«

Wer wird künftig die Abteilung »Unfallchirurgie und Orthopädie« leiten?

Professor Dr. Kolja Gelse von der Uniklinik in Erlangen. Es gab 48 Bewerber aus ganz Deutschland. Er wird künftig eine Abteilung mit 25 Ärzten leiten.

Welche Fähigkeiten muss ein guter Chirurg haben?

Voraussetzung sind natürlich anatomische Kenntnisse sowie wissenschaftliche und klinische Erfahrungen. Ein guter Chirurg muss seine Indikationsstellung kennen. Das heißt, er muss wissen: Wann mache ich eine OP, und was ist konservativ zu behandeln.

Und während der Operation?

Innere Ruhe und Erfahrung. Es dauert etwa zehn Jahre, bis man selbstständig arbeiten kann. Niemand kommt als fertiger Chirurg auf die Welt. Nach vielen kleinen Schritten schafft man mit den Jahren eine immer größere Erfahrung auch für komplizierte Operationen.

Werden Sie trotzdem noch manchmal nervös?

Es gibt durchaus angespannte Situationen. Wenn ich bei einer Wirbelsäulenoperation nur Millimeter Platz zu den Nerven habe und eine Schraube in die Knochen platzieren muss, dann geht das Adrenalin hoch. Das macht es aber auch interessant.

Sie sind seit 1991 Chefarzt in Traunstein. Wieso hat es Sie nie an ein anderes Krankenhaus verschlagen?

Das hier ist eine Klinik, die alles bietet. Die Infrastruktur ist exzellent. Und ich bin in Traunstein stark verwurzelt. Ich lebe gerne auf dem Land und in der Natur, bin sportlich aktiv. Ich bin kein Stadtmensch. Für mich gab es keinen Grund, zu wechseln.

Sie haben auch die finanziell schweren Zeiten des Krankenhauses hautnah miterlebt. Wie fällt Ihre Bilanz aus?

Es hat ja immer wieder Aufs und Abs gegeben, auch schon in den 90-ern. Die Abteilung »Unfallchirurgie und Orthopädie« habe ich damals mit Stefan Nowack (dem früheren Klinik-Vorstand, Anmerkung der Redaktion) aufgebaut. Man braucht die Rückendeckung der Geschäftsleitung bei so etwas. Und das war natürlich auch mit hohen Kosten verbunden. Der neue Klinikleiter (Uwe Gretscher, Anmerkung der Redaktion) ist ganz anders angetreten. Da ging es nicht um Krankenhaus-Entwicklung. Sein Ziel war, das Defizit runterzubringen.

Was ihm gelungen ist. Die Kliniken Südostbayern AG schreibt wieder schwarze Zahlen. Doch Kritiker sagen, die Umstrukturierung sei auf Kosten der Pflegekräfte und der Patienten erfolgt. Wie sehen Sie das?

Auf Kosten des Personals auf alle Fälle. Meiner Meinung nach wurden zu viele Prozesse parallel gestartet. Das hat eine unglaubliche Unruhe ins Krankenhaus gebracht. Und die Kontrolle ging verloren. Es war keine Zeit, zu überlegen, ob ein Prozess überhaupt sinnvoll war oder nicht.

Was halten Sie von den Servicekräften, die Pfleger und Krankenschwestern entlasten sollen?

In unserem Gesundheitssystem gibt es eine ungute Entwicklung. Es gibt immer mehr Arbeitskräfte in Kliniken, aber immer weniger, die direkt am Patienten sind. Grundsätzlich kann man natürlich der Meinung sein, dass eine Krankenschwester nicht das Essen zum Patienten bringen muss. Auf der anderen Seite sieht sie dann aber, wie es ihm geht und kann seinen Verlauf beurteilen. Je weniger Zeit Pfleger und Krankenschwestern für Patienten haben, desto weniger Rückmeldung können sie auch an Ärzte geben.

Die Frage ist auch: Muss ein Krankenhaus überhaupt schwarze Zahlen schreiben?

Nein, meines Erachtens nicht. Es dürfen natürlich nicht die großen Minussummen werden. Aber ich denke schon, dass es eine Bereitschaft in der Bevölkerung gibt, eine gute Versorgung zu unterstützten. Und wir müssen auch die Krankenkassen in die Pflicht nehmen.

Inwiefern?

Sie horten Milliarden und im Gesundheitswesen wird gestrichen und gestrichen. Es ist einfach wichtig, dass die Versorgung der Patienten im Krankenhaus sehr gut ist – und menschlich. Je größer der Druck, desto schwieriger wird das.

Aktuelle Themen im Gesundheitsbereich sind der Ärztestreik, die Diskussion um Organspenden und mehr gemeldete Behandlungsfehler. Ist der Ärztestreik gerechtfertigt?

Die Anliegen der Ärzte unterstütze ich. Aber als Chef einer Abteilung muss ich auch den Betrieb am Laufen halten.

Sollten Ihrer Meinung nach die gesetzlichen Regelungen in Bezug auf Organspenden geändert werden?

Mit Organspenden kann man vielen Menschen helfen. In Österreich und anderen Ländern gibt es die Widerspruchslösung. Wieso also nicht hier bei uns? Mit dem Organspendeskandal ist vieles kaputt gemacht worden, das ist sehr schade. Aber es gibt überall schwarze Schafe. Es wäre schön, wenn wir wieder lebenswichtige Organe in einer vernünftigen Anzahl hätten.

Machen Ärzte mehr Fehler? Oder werden die Fehler nur häufiger gemeldet?

Ich bin bei der Bayerischen Ärztekammer im Schlichtungsteam. In Bayern sind die Zahlen sogar leicht rückläufig. Auf ganz Deutschland gesehen ging die Zahl der Behandlungsfehler nach oben, das stimmt. Ich denke, dass der Patient mündiger wird. Er lässt sich nicht mehr alles gefallen. Es gibt natürlich Fehler, die nicht passieren dürften. Aber deutlich mehr Behandlungsfehler? Nein!

Nicht selten geht es bei Operationen um Leben und Tod. Ist diese Verantwortung nicht manchmal schwer zu ertragen?

Die Verantwortung ist da, das stimmt. Und es gibt schlimme Situationen. Wenn jemand stirbt, dann ist man automatisch emotional dabei. Oft ist das bereits im Schockraum. Der Patient hatte also keine Chance, zu überleben. Das nimmt mit. Während einer Operation ist es mir, Gott sei Dank, die letzten zehn Jahre nicht passiert, dass jemand stirbt. Man versucht immer, alle Register zu ziehen.

Kennen Sie schlaflose Nächte?

Nein, so richtig schlaflos nicht. Aber es gibt natürlich Fälle, die einen nachts überlegen lassen. Oder man geht Dinge vom nächsten Tag im Kopf durch, wenn etwa eine schwierige Operation ansteht.

Lange Tage sind für einen Chirurgen Alltag, eine 60-Stunden-Woche normal. Wie haben Sie das über all die Jahre durchgehalten?

Es sind natürlich nicht immer 60 Stunden, aber manchmal dafür auch deutlich mehr. In jungen Jahren hat mir das überhaupt nichts ausgemacht. Jetzt merke ich schon, dass es schwieriger wird. Vor allem, wenn ich nachts gefordert bin. Bei so einem Arbeitspensum ist der Rückhalt der Familie enorm wichtig. Da muss das private Umfeld einfach passen.

Hat Ihre Familie zurückstecken müssen?

Ja, schon. Das war mir auch immer bewusst. Ich habe Gott sei Dank eine Frau, die immer für die Kinder da war. Sie war ihr Ansprechpartner. Ich bin oft sehr früh aus dem Haus und abends zurück, als die Kinder schon im Bett waren. Meine Frau war selbst im Krankenhaus angestellt. Sie hat das immer verstanden. Ich war ja nicht in der Klinik, um von zu Hause weg zu sein. Schriftkram habe ich oft mit nach Hause genommen, damit ich da bin. Dann war ich zwar greifbar, aber nicht wirklich zu Hause.

Freuen Sie sich, dass Sie nun bald mehr Zeit für die Familie haben werden?

Auf alle Fälle! Nun kann ich hoffentlich etwas zurückgeben. Meine Frau und ich wollen viele Unternehmungen in der Natur machen. Geplant ist auch ein weiterer Abschnitt des Jakobswegs – diesmal etwas länger als sonst.

Gibt es weitere Pläne?

Ich komme aus der Landwirtschaft. Ich habe beim Haus meiner Eltern in Waldmünchen einen Wald zu bewirtschaften. Der ist in den vergangenen Jahren sehr vernachlässigt worden.

Manche Menschen fallen im Ruhestand in ein Loch, weil sie nicht länger gefordert sind ....

Ich habe eher Angst, dass ich mir zu viel vornehme (lacht). Ich werde weiter an der Schlichtungsstelle der Bayerischen Ärztekammer sein. Außerdem bin ich ärztlicher Leiter der Physiotherapieschule Zimmermann und unterrichte dort. Weiterhin betreuen werde ich auch die Sportler des Olympiastützpunkts in Ruhpolding.

Sie sind seit vielen Jahren Wettkampfarzt beim Biathlon-Weltcup in Ruhpolding. Wird man Sie auch künftig an der Strecke sehen?

Ja, das werde ich auch weitermachen.

Klara Reiter