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»Ich freue mich wirklich irrsinnig auf die neue Aufgabe«

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Christian Kegel (50) wird am Montag sein Amt als Oberbürgermeister antreten. Der begeisterte Radfahrer will sich auch dafür einsetzen, dass Traunstein radfahrerfreundlicher wird. (Foto: Reiter)

Traunstein. Als ein »mittleres kommunalpolitisches Erdbeben« bezeichnet Christian Kegel (50) im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt seine Wahl zum neuen Oberbürgermeister von Traunstein. Dieses Amt tritt er am Montag an – und den ehemaligen Lehrer am Chiemgau-Gymnasium erwarten gleich mehrere umstrittene Projekte. Wir haben nachgefragt.


Ab Montag sitzen Sie auf dem Chefsessel im Traunsteiner Rathaus: Wie fühlen Sie sich?

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Sehr gut. Ich freue mich wirklich irrsinnig auf die neue Aufgabe. Das ist für mich wirklich eine große Herausforderung und ich habe auch großen Respekt. Aber ich begreife das als großes Glück, dass ich so einen neuen Reiz in meinem Leben setzen kann.

Wie haben Sie die vergangenen Wochen seit der Wahl verbracht?

Es war sehr stressig, weil ich zweigleisig gefahren bin. Zum einen habe ich meine volle Arbeitskraft dem Lehrerdasein gewidmet, zum anderen habe ich mich auf das Amt des Oberbürgermeisters vorbereitet.

Wie sah diese Vorbereitung konkret aus?

Ich habe viele Gespräche mit Vertrauten geführt und auch die zwei Monate im Stadtrat haben mir sehr geholfen. Außerdem habe ich ein Bürgermeister-Seminar besucht.

»Es ist noch kein OB vom Himmel gefallen«

Haben Sie auch mit Ihrem Vorgänger Manfred Kösterke gesprochen?

Ja. Es gab zwei Übergabegespräche in sehr angenehmer Atmosphäre über laufende und anstehende Projekte – und natürlich auch über Interna. Die richtige Vorbereitung wird aber wohl erst nach einigen Monaten im Amt abgeschlossen sein. Vielleicht werde ich am Anfang auch, mangels Kenntnis, einige Umwege gehen. Hier bitte ich um Nachsicht. Doch es ist noch kein Oberbürgermeister vom Himmel gefallen, und ich bin ein äußerst bemühter und wissbegieriger Mensch.

Haben Sie – als Ihre Partei, die SPD, Sie als Oberbürgermeisterkandidat aufstellte – wirklich daran geglaubt, dass Sie es werden könnten?

Mein erstes Ziel war, dass ich in den Stadtrat komme. Doch da war schon auch die Hoffnung da, dass es eine Stichwahl geben könnte. Wobei ich nicht sicher war, ob ich der Stichwahl-Kandidat sein könnte. Denn es gab ja auch einen Oberbürgermeisterkandidaten der CSU. Da war die Wahl keine Selbstverständlichkeit. Dass ich dann bei der Stichwahl das Stimmenverhältnis zu meinen Gunsten drehen konnte, das war schon ein mittleres kommunalpolitisches Erdbeben.

»Vertrauen geht bei mir vor Kontrolle«

Bis jetzt haben Sie Schulklassen mit gut 30 jungen Leuten geleitet, ab nun sind Sie der Chef von etwa 400 Mitarbeitern in der Stadtverwaltung und im Bauhof. Setzt Sie das nicht unter Druck?

Eigentlich gar nicht so sehr. Ich habe bis jetzt mit Menschen jeden Alters zu tun gehabt – mit Schülern, Eltern und Kollegen. Und das wird auch jetzt nicht sehr viel anders sein, da für mich immer der Mensch im Vordergrund steht. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Wenn man Menschen mitnimmt, ihnen vertraut und sie motiviert, hat man eigentlich schon fast gewonnen. Vertrauen geht bei mir vor Kontrolle – ohne, dass man auf Letztere völlig verzichten könnte.

Was wollen Sie anders machen als Ihr Vorgänger Manfred Kösterke?

Diese Frage möchte ich nicht beantworten. Denn das würde ja bedeuten, dass ich ihn diskreditiere. Das steht mir nicht zu. Für mich geht es nicht darum, dass ich etwas anders mache als Herr Kösterke, sondern dass ich meinen eigenen Stil finde.

Was hat Ihnen an seiner Arbeit gefallen?

Er hat einige Projekte auf den Weg gebracht und auch vollendet, zum Beispiel das Sportzentrum Empfing und den barrierefreien Umbau des Bahnhofs. Bei der Klosterkirche und der Güterhalle hat er die Planungen vorangetrieben.

Da sind wir bei den strittigen Themen in Traunstein. Erschreckt Sie die Summe von rund sieben Millionen Euro für die Sanierung des Kunst- und Kulturzentrums Klosterkirche?

Auf den ersten Blick ist das wahnsinnig viel Geld. Aber zum einen wird hier meines Erachtens sehr sinnvoll investiert, zum anderen ist eine große Fördersumme zu erwarten. Denn 60 Prozent deckt die Städtebauförderung ab. Die Kosten, die bei der Stadt bleiben, würden über mehrere Jahre in die Haushalte eingestellt.

Ein weiteres Großprojekt, das in Traunstein geplant ist, ist die Sanierung der Güterhalle. Kann sich die Stadt das alles überhaupt leisten? Ist die Sanierung Ihrer Meinung nach der richtige Weg?

Ja, die Stadt kann sich das meines Erachtens leisten. Hier gilt das Gleiche wie bei der Klosterkirche. Das Ganze wird über mehrere Schritte und mit Zuschüssen verwirklicht. Ein Abriss macht keinen Sinn, denn dann würde die Städtebauförderung wegfallen. Außerdem hat der Innenbereich der Güterhalle schon beinahe den Charakter eines Industriedenkmals, wenngleich es das natürlich nicht ist. Ein Neubau würde definitiv nicht günstiger kommen.

»Wir brauchen ein Hotel, aber nicht an diesem Ort«

Was halten Sie vom Hotelprojekt an der Salinenstraße?

Ich sage Ja zu einem Hotel und ich sage Ja zum TV Traunstein und seinen Plänen, sich in die Dreifachhalle des Annette-Kolb-Gymnasiums einzukaufen. Ich sage aber auch Ja zu einem Salinenpark. Die Sicht auf die alten Salinenstöcke sollte man nach meinem Dafürhalten nicht mit einem Projekt verstellen, das leicht 100 Meter lang sein könnte. Die letzte freie Einfahrt in die Stadt Traunstein würde auf diese Art und Weise verhindert werden. Wir brauchen ein Hotel, aber nicht an diesem Ort.

Traunstein ist nicht besonders radfahrerfreundlich – und Sie sind selbst viel mit dem Fahrrad unterwegs. Was muss verbessert werden?

Das eine sind die baulichen Optimierungen: Wo wäre es zum Beispiel sinnvoll, wenn Fahrradwege lückenlos durch die Stadt führten, sodass Kinder und Erwachsene sicher von A nach B kommen? Darüber sollten wir uns Gedanken machen. Das andere sind aber die Veränderungen in den Köpfen. Denn gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis füreinander sind die beste Versicherung zur Vermeidung von Unfällen.

Es gibt viele junge Familien, die gerne ein Haus in Traunstein bauen würden. Doch die Grundstückspreise sind extrem hoch ...

Das ist grundsätzlich ein Nachteil, wenn man in einer Gegend mit hohem Freizeitwert wohnt. Doch Gott sei Dank verfolgt die Stadt schon seit vielen Jahren konsequent die Ausweisung von Baugebieten nach dem Ansiedlungsmodell. Dies ermöglicht vielen, so auch mir, den Traum vom Eigenheim zu verwirklichen. Bei gleichbleibend hohem Bedarf wird Traunstein auch in Zukunft versuchen, Wohngebiete nach dem oben genannten Modell auszuweisen.

Oft kritisiert wird auch die Ausweisung neuer Gewerbegebiete, die rund um die Stadt auf der grünen Wiese entstehen. Was halten Sie davon und gibt es überhaupt eine Alternative?

Die Frage ist nicht so einfach zu beantworten. Jede Ausweisung eines Gewerbegebiets bringt automatisch auch einen Flächenverbrauch mit sich. Die Stadt Traunstein ist aber auch darauf angewiesen, dass sie den mittelständischen Betrieben, die an die Peripherie aussiedeln wollen, um sich zu vergrößern, entsprechende Möglichkeiten bietet. Wir können es uns nicht leisten, Betriebe, die seit Jahrzehnten in Traunstein zuhause sind, an benachbarte Orte zu verlieren. Wichtig ist für mich aber, dass solche Gebiete großzügig ein- und durchgrünt werden, um den Anblick nackter Fassaden zu reduzieren.

»Möchte mein Gewicht einigermaßen halten«

Als Oberbürgermeister haben Sie viele Verpflichtungen und Termine. Neben der »normalen« Arbeit müssen Sie zu Festen, Vereinsversammlungen und anderen Veranstaltungen. Was sagt Ihre Frau dazu? Wird sie Sie zu vielen Veranstaltungen begleiten?

Wir wussten das beide vorher. Diese Termine sind für mich keine lästige Pflicht, sondern es ist eine Ehre, mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen. Ich möchte aber auch die Vereine um Verständnis bitten, dass ich nicht jedes Jahr bei jedem Verein sein kann. Meine Frau wird bei einzelnen Veranstaltungen dabei sein, zu den meisten werde ich aber allein gehen, denn meine Frau ist als Lehrerin den ganzen Tag, und zuweilen auch abends, gefordert.

Wie wollen Sie es schaffen, dass Sie trotzdem noch Zeit für Ihre Familie und Ihre große Leidenschaft, den Sport, haben?

Ich werde sehr diszipliniert leben. Ich habe mir fest vorgenommen, dass ich mein Gewicht einigermaßen halte (lacht). Den Sport werde ich auf eher ungewöhnliche Tageszeiten verlegen müssen, also zum Beispiel früh am Morgen eine Runde joggen gehen. Außerdem versuche ich, nicht der Letzte zu sein, der von einer Veranstaltung nach Hause geht.

Vielen Dank für das Gespräch! Das Interview führte unsere Redakteurin Klara Reiter.