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»Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will«

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»Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will«, sagt Silvia. Sie ist eine von zahlreichen Anonymen Alkoholikern, die sich regelmäßig in der Traunsteiner Gruppe treffen. Die Gruppe wird Ende März 40 Jahre alt. (Foto: dpa)

Hier nahm auch Alois (alle Namen geändert) erstmals an einem offenen Treffen der Anonymen Alkoholiker teil. »Ich dachte mir, so ein Quatsch, was die da erzählen. Ohne mich. Ich habe meine Bierchen getrunken, wie jeder andere auch.« Das war kurz, nachdem er seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer abgeben musste und seine Frau ihm die Scheidung einreichte. Dass an allem der Alkohol schuld war, wollte er nicht wahrhaben.


»Jetzt erst recht, jetzt schimpft keiner mehr«

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So trank er munter weiter. »Jetzt erst recht, keiner schimpft mehr«, dachte er. Es ging weiter nach unten, der Führerschein war zum zweiten Mal weg, eine weitere Partnerschaft ging in die Brüche. Nun drohte ihm auch noch die Entlassung, er litt an starken Depressionen. Nach einer tagelangen Sauftour kam die Wende. »Ich konnte nicht mehr, ich war fertig.« Das war drei Jahre nach seinem ersten Kontakt zu der Selbsthilfegruppe.

Seine neue Partnerin hatte sich der Angehörigengruppe (Al-Anon Familiengruppe) angeschlossen, in der sie Kraft und Hoffnung fand, um ihr Leben mit einem alkoholkranken Menschen zu bewältigen. Alois besucht regelmäßig die Treffen in Traunstein. Seitdem ist er trocken. »Auf einmal habe ich es kapiert, dass es entscheidend ist, heute das erste Glas stehen zu lassen. Früher habe ich ja auch aufhören wollen, aber erst morgen, am Wochenende oder nach dem Urlaub. Hier zählt nur, die nächsten 24 Stunden trocken zu bleiben.« Dass dieser Leitsatz es leichter macht, bestätigen auch die anderen. Eva zum Beispiel: »Mir hat es sehr geholfen, dass ich erst einmal wusste: es ist nur für heute und nicht für immer.« Denn ein Leben ohne Alkohol habe sie sich nicht vorstellen können. »Es gab tausend Gründe, um zu trinken: Freude, Wut, die blöde Schwiegermutter, den doofen Chef und so weiter.« Schritt für Schritt habe sie gelernt, den Alltag ohne Wein und Whisky zu bewältigen.

»Und noch etwas habe ich bei den Anonymen Alkoholikern gelernt, sich einzugestehen, dass ich an einer unheilbaren Krankheit leide, die jedoch zum Stillstand gebracht werden kann, indem ich heute das erste Glas stehen lasse. Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will«, betont Silvia.

Für die meisten AA-Mitglieder sind die regelmäßigen Treffen lebenswichtig, auch wenn sie schon mehrere Jahre trocken sind. Erwin zum Beispiel denkt oft wochenlang nicht an die tödliche Droge. Trotzdem besucht er regelmäßig die Treffen, nicht nur in Traunstein, sondern auch in Bad Reichenhall, Traunreut, Rosenheim oder sonst irgendwo in Südostbayern, wo es 24 AA-Gruppen und 9 Al-Anon für die Angehörigen gibt. In Deutschland sind es über 2000 AA-Gruppen und etwa 800 Al-Anon-Gruppen.

Es sei hilfreich, sich auszusprechen, sagt Erwin. Gerade das schätzen viele AA-Mitglieder. »Ich weiß, hier kann ich mir meine Probleme von der Seele reden«, sagt Bianca, »und zwar ohne dass ich ausgelacht oder zur asozialen Alkoholikerin abgestempelt werde.« Denn hier treffen sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Arbeiter, Akademiker, Hausfrauen, Beamte und Angestellte, Jung und Alt.

»Uns verbindet die leidvolle Erfahrung, die wir alle mit dem Alkohol machen mussten«. Das bestätigen auch Katharina und Helmut, die sich in der Angehörigengruppe treffen. »Wir können wieder lachen und uns am Leben mit unseren Partnern freuen«, sagen beide. Auch Dorothea, Mutter einer alkoholkranken 20-Jährigen, kommt jetzt besser damit klar, dass ihre Tochter krank ist und trinken muss.

Gegründet 1935 in Amerika von Arzt und Börsenmakler

Die Anonymen Alkoholiker wurden 1935 von Bill W. und Dr. Bob S. in Amerika gegründet. Der Börsenmakler und der Chirurg hatten festgestellt, dass ihr Zwang zu trinken schwand, sobald sie offen über ihre Krankheit, Ängste und Nöte sprachen. 2007 gab es in über 160 Ländern über zwei Millionen Mitglieder.

In Traunstein treffen sich die Anonymen Alkoholiker seit 1973, um miteinander Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu teilen – wie es in der Präambel der Selbsthilfegruppe heißt. Einzige Voraussetzung ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Alle Mitglieder bleiben anonym, sprechen sich nur mit Vornamen an. Kontaktaufnahme zur AA-Gruppe ist möglich jeden Freitag ab 19.30 Uhr im Pfarrheim St. Oswald, zu Al-Anon zur gleichen Zeit an der gleichen Adresse, jedoch in einem anderen Raum. Kontaktaufnahme ist auch möglich unter Telefon 08669/7885667.