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»Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will«

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In Traunstein treffen sich die Anonymen Alkoholiker seit 1973, um miteinander Erfahrungen, Kraft und Hoffnung zu teilen.

Traunstein – Seit 1973 trifft sich die Selbsthilfegruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) in Traunstein. Die Gruppe wurde von Karl (alle Namen geändert), einem Traunsteiner, der 1971 in Bad Reichenhall mit Hilfe der Anonymen Alkoholiker trocken wurde, gegründet. Karl wurde es zu viel, jede Woche nach Bad Reichenhall zu fahren, und er überlegte, ob nicht auch in Traunstein eine Gruppe gegründet werden könnte.


Ein Freund aus Bad Reichenhall ging mit ihm ins Pfarramt von St. Oswald und fragte nach einem freien Raum im Pfarrheim nach, der ihm auch gleich zur Verfügung gestellt wurde. Mit Unterstützung der Bad Reichenhaller Gruppe startete im Frühjahr 1973 die Traunsteiner Gruppe mit dem Meeting, das bis heute im gleichen Raum stattfindet.

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In Traunstein treffen sich die Anonymen Alkoholiker seither, um miteinander Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu teilen – wie es in der Präambel der Selbsthilfegruppe heißt. Die einzige Voraussetzung zur Zugehörigkeit ist der Wunsch, mit dem Trinken aufzuhören. Alle Mitglieder bleiben anonym, sie sprechen sich nur mit dem Vornamen an. Alter, Beruf, soziale Stellung und Herkunft bleiben unangesprochen.

Karl saß das erste Jahr meistens alleine im Raum, doch er gab nicht auf. Es kamen immer wieder Menschen, die dann doch nicht blieben. Als 1974 eines Tages wieder ein »Neuer« kam, der auch blieb und bis heute dabei ist, begann die Gruppe zu wachsen und stabil zu werden.

Hier nahm auch Alois erstmals an einem offenen Treffen – den Meetings – der Anonymen Alkoholiker teil. »Ich dachte mir, so ein Quatsch, was die da erzählen. Ohne mich. Ich habe meine Bierchen getrunken, wie jeder andere auch.« Das war kurz, nachdem er seinen Führerschein wegen Trunkenheit am Steuer abgeben musste, seine Frau ihm einen neuen Partner präsentierte und die Scheidung einreichte. Dass an allem der Alkohol Schuld war, wollte der Ruhpoldinger damals nicht wahrhaben.

Trotzdem trank er munter weiter. Jetzt erst recht, keiner schimpft mehr, dachte er sich. Es ging weiter nach unten mit ihm, der Führerschein war bald zum zweiten Mal weg, eine weitere Partnerschaft ging in die Brüche. Nun kündigte ihm die Firma die Entlassung an und er litt an starken Depressionen. Irgendwann nach einer tagelangen Sauftour kam die Wende. »Ich konnte nicht mehr, ich war fertig«, erinnert sich Alois. Er beschloss, wieder zu den Anonymen Alkoholiker zu gehen. Das waren drei Jahre nach seinem ersten Kontakt zu der Selbsthilfegruppe.

Seine neue Partnerin hatte sich zwischenzeitlich der Angehörigengruppe – die Al-Anon Familiengruppen – in Traunstein angeschlossen, in der sie Kraft und Hoffnung fand, um ihr Leben mit einem alkoholkranken Menschen zu bewältigen. Alois besucht regelmäßig die Meetings in Traunstein. Seitdem ist er trocken. »Auf einmal habe ich es kapiert, um was es den AA-Freunden geht«, sagt Alois, »dass es entscheidend ist, heute das erste Glas stehen zu lassen«.

Früher, so erinnert er sich, habe er ja auch aufhören wollen, aber erst morgen, am Wochenende oder nach dem Urlaub. »Hier zählt nur, die nächsten 24 Stunden trocken zu bleiben.« Dass dieser Leitsatz es leichter macht, von der Flasche wegzukommen, bestätigen auch die anderen AA-Freundinnen und Freunde, die sich an diesem Abend im Gruppenraum treffen.

Tanja sagt: »Mir hat es sehr geholfen, dass ich erst einmal wusste: Es ist nur für heute und nicht für immer.« Denn ein Leben ohne Alkohol habe sie sich gar nicht vorstellen können. »Es gab tausend Gründe, um zu trinken: Freude, Wut, die blöde Schwiegermutter, den doofen Chef, ...«, gibt sie heute zu und schmunzelt. Schritt für Schritt habe sie lernen müssen, die täglichen Schwierigkeiten ohne Wein und Whisky zu bewältigen. »Und noch etwas habe ich bei den Anonymen Alkoholiker gelernt, sich einzugestehen, dass ich an einer unheilbaren, fortschreitenden Krankheit leide, die jedoch zum Stillstand gebracht werden kann, indem ich heute das erste Glas stehen lasse. Ich entscheide jeden Tag, ob ich leben oder sterben will«, betont Tanja.

Für die meisten AA-Mitglieder sind die regelmäßigen Meetings lebenswichtig, auch wenn sie schon mehrere Jahre trocken sind. Sie bleiben, solange sie den Wunsch haben, nicht wieder zur Flasche zu greifen.

Alfred zum Beispiel, der aus dem Allgäu stammt und sich der Traunsteiner Gruppe angeschlossen hat, denkt oft wochenlang nicht an die für ihn tödliche Droge. Trotzdem besucht er regelmäßig die Meetings, nicht nur in Traunstein, sondern auch in Bad Reichenhall, Traunreut, Rosenheim oder sonst irgendwo in Südostbayern. Im südostbayrischen Raum gibt es 23 AA-Gruppen und acht Al-Anon Familiengruppen. Deutschlandweit sind es 2400 AA- und etwa 600 Al-Anon-Familiengruppen.

»Bei uns geht es nicht nur um den Alkohol«, erklärt Alfred, »sondern, dass wir lernen, ohne ihn zurechtzukommen«. Da sei es eben hilfreich, sich einfach auszusprechen. Gerade das schätzen viele AA-Mitglieder an der Gruppe. »Ich weiß, hier kann ich mir meine Probleme von der Seele reden«, sagt Gitti, und zwar ohne dass sie ausgelacht oder zur asozialen Alkoholikerin abgestempelt werde. Hier treffen sich Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten: Arbeiter, Akademiker, Hausfrauen, Beamte und Angestellte, jung und alt.

»Uns verbindet die leidvolle Erfahrung, die wir alle mit dem Alkohol machen mussten.« Dies bestätigen auch Katharina und Horst, die sich in der Angehörigengruppe (Al-Anon) treffen. »Wir können wieder lachen und uns am Leben mit unseren Partnern freuen«, sagen beide. Auch Dorothea, die Mutter einer alkoholkranken Zwanzigjährigen, weiß jetzt besser damit klarzukommen, seit sie sich in der Selbsthilfegruppe der Al-Anon austauschen kann, dass ihre Tochter krank ist und trinken muss.

Die Anonymen Alkoholiker wurden 1935 von zwei Amerikanern namens Bill W. und Dr. Bob S. gegründet. Der Börsenmakler und der Chirurg hatten festgestellt, dass ihr Zwang zu trinken schwand, sobald sie offen über ihre Krankheit, ihre Ängste, Nöte und Probleme sprachen. Die weltweite Gemeinschaft zählt in etwa 185 Ländern über zwei Millionen Mitglieder. Die Anonymen Alkoholiker sind kein Abstinenzlerverein. Sie ziehen keinen Feldzug gegen den Alkohol, sondern sie sind für Menschen da, die erkannt haben, dass sie ein Problem mit Alkohol haben und Hilfe suchen. Die AA und Al-Anon Familiengruppen sind anonym, weil sie Prinzipien über Personen stellen.

Die AA treffen sich jeden Freitag von 19.30 bis 21.30 Uhr im Pfarrheim St. Oswald an der Bahnhofstraße ebenso wie die Al-Anon freitags zwischen 19.30 und 21.30 Uhr in St. Oswald. Kontakttelefon für die AA: 0861/90 96 30 22 oder 08669/87 92 777. fb

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