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Foto: Friso Gentsch/dpa-Archiv

»Ich denke, ich werde von jemandem gesteuert« – 25-jähriger psychisch Kranker hörte Stimmen

Imaginäre Stimmen im Kopf befahlen einem 25 Jahre alten, psychisch kranken Mann, dessen Familie nach einem Streit per Notruf um Hilfe gebeten hatte, sich Polizisten gegenüber »aufzulehnen, zu wehren, aber nicht zu sehr«. Letztlich wurden zwei Polizeibeamte und ein Sanitäter verletzt. Die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein ordnete die weitere Unterbringung des Beschuldigten in einem psychiatrischen Krankenhaus an.


Laut Antragsschrift von Staatsanwalt David Heberlein trafen zwei Polizisten am Abend des 15. Juli 2021 in der Wohnung in Bad Reichenhall ein. Dort warteten die Mutter und die Oma auf die Helfer. Die Frauen hatten Angst vor dem Beschuldigten und wollten ihn aus der Wohnung entfernen lassen. Ein Krankentransport wurde angefordert. Der 25-Jährige weigerte sich gegenüber Polizei und Sanitätern mehrfach, mitzukommen.

Als ihm Zwang angedroht wurde, kam es zu einer körperlichen Auseinandersetzung. Mit einem Feuerzeug, das er in der Hand hielt, versetzte der Beschuldigte einem der Polizisten einen Faustschlag – mit der Folge einer Jochbeinfraktur. Angesichts der heftigen Gegenwehr mit Schlägen und Tritten griffen die Beamten zu Pfefferspray. Als der 25-Jährige nach einer im Holster steckenden Dienstwaffe fasste, schritten die Sanitäter ein. Sie wollten ihm die Füße wegziehen. Der Täter trat nach hinten zu. Der Fuß landete schmerzhaft auf dem rechten Unterarm eines Helfers. Schließlich konnte der Beschuldigte überwältigt und fixiert werden.

»Es war einfach zu viel an dem Tag«, betonte der reuige 25-Jährige. Die Vorwürfe stimmten so. Nur die Dienstwaffe habe er nicht benutzt, sie vielleicht aufgrund des durch das Pfeffersprays getrübten Blicks zufällig erwischt. An jenem Tag habe er »einen blauen Kater« nach reichlich Alkoholkonsum gehabt. Er habe »einen Tropfen LSD« in ein Mixgetränk getan und später noch einen Joint geraucht. Die Mutter und die Oma seien mehrmals in sein Zimmer gekommen. Er habe geschrien und die Großmutter geschubst. Vier Stunden danach sei die Polizei gekommen. Dazu der 25-Jährige: »Dann ist es ausgeartet.«

Mit einem »imaginären Gesprächspartner« habe er sich ständig unterhalten. »Ich höre seit sieben Jahren Stimmen. Sie sagen zu mir viel Unsinn, darunter außerirdischen Quatsch. Ich kriege auch Impulse«, erinnerte sich der Beschuldigte. Mit der jetzigen Medikation in der vorläufigen Unterbringung gehe es ihm besser. LSD habe er insgesamt nur dreimal im Leben genommen. Erstmals aber habe er an jenem Abend »Halluzinationen« bekommen. Im Darknet habe er gelesen, »dass man mir etwas installiert«: »Ich denke, ich werde von jemandem gesteuert.« Mit den Polizisten sei es »eine Art Rollenspiel« gewesen. Mit den Sanitätern habe er einfach nicht mitgehen wollen, erklärte der Beschuldigte. In Behandlung war der 25-Jährige bereits mehrfach. Aktuell sei er »relativ normal geworden«. Stimmen höre er nurmehr gelegentlich.

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Rupert Müller aus Freilassing, bescheinigte dem 25-Jährigen aufgehobene Schuldfähigkeit zur Tatzeit. Der langjährige Drogenkonsum könne die psychische Erkrankung verstärkt haben: »Die Krankheit erfüllt den ganzen Menschen.« Die Voraus-setzungen für eine Unterbringung in der Psychiatrie seien erfüllt. Für Bewährung sei es noch zu früh. Für die Delikte könne der zur Tatzeit krankheitsbedingt vollständig schuldunfähige Mann nicht bestraft werden, unterstrich Staatsanwalt David Heberlein im Plädoyer auf Unterbringung. Die Krankheit sei zunächst drogenindiziert gewesen, habe sich inzwischen aber verfestigt. Das Verhalten des 25-Jährigen sei mittlerweile unberechenbar.

Verteidiger Hans-Jörg Schwarzer aus Berchtesgaden schloss sich im Ergebnis an und appellierte an seinen Mandanten, die Geduld nicht zu verlieren: »Sie sind noch nicht ganz so weit und müssen noch in der Klinik bleiben.« Wenn der 25-Jährige mitmache und seine Medikamente nehme, könne die Unterbringung in absehbarer Zeit zur Bewährung ausgesetzt werden. Im Urteil gelangte die Sechste Strafkammer zur gleichen Überzeugung.

kd

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