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»Ich dachte, das Geld tut mir gut«

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Um seine marode Firma zu retten, steckte ein 53 Jahre alter Kaufmann aus dem Achental zwischen 2007 und 2010 über 120 000 Euro, die ihm eine 42-jährige Bekannte und deren Eltern zur Anlage anvertraut hatten, in die eigene Tasche. Jetzt räumte der Angeklagte vor dem Schöffengericht am Amtsgericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott alles ein.


Blauäugig geglaubt, das Geld erwirtschaften zu können

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Er sei »blauäugig« gewesen und habe geglaubt, die Beträge in seinem Geschäft erwirtschaften zu können. Zu jener Zeit mit finanziellen, privaten und psychischen Problemen habe ihm »das Geld gut getan«. Wegen fünf Fällen des Betrugs verhängte das Gericht zwei Jahre Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf vier Jahre zur Bewährung.

Eine jährliche Verzinsung von 8,25 Prozent stellte der 53-Jährige den Geschädigten laut Anklage von Staatsanwalt Christopher Stehberger in Aussicht. Den ersten Vertrag schloss er mit der Frau im September 2007 über eine Anlage von 20 000 Euro. 2009 folgten drei Vereinbarungen über gesamt 21 700 Euro, im August 2010 eine weitere über 1885 Euro – Zinsen, die der Kaufmann ohne Wissen der Geschädigten gleich wieder »investierte«. Die Frau verlor auf diese Weise 43 585 Euro.

2008 fiel ihr Vater auf den »guten Freund der Tochter« herein. Anfang 2009 und 2010 überließ der 75-Jährige dem Angeklagten 75 000 Euro. Auf die versprochenen Zinsen nach jeweils einem Jahr musste er drängen und erhielt schließlich etwas über 6000 Euro Zinsen, nichts aber von der »Anlagesumme«.

Der 75-Jährige erinnerte sich an »die tollsten Ausflüchte« des Angeklagten: »Eine der schönsten Ausreden war, er habe so viele Klienten, dass er das Geld an einen anderen Dr. gleichen Namens überwiesen habe«. Unter anderem habe er behauptet, das Unternehmen habe gerade »kein Geld«. Schriftlich habe er nichts in der Hand gehabt, berichtete der Zeuge. Irgendwann habe er einen Anwalt eingeschaltet.

Die Frau bestätigte die Vorwürfe der Anklage. Der 53-Jährige habe sie mehrmals angesprochen, er wolle selbst Geld anlegen und ob sie auch was zuschießen wolle. Dann sei der Betrag höher. Zum Schluss war sie den Tränen nahe: »Ich finde, er hat die so genannte Freundschaft massiv ausgenützt. Er war unglaublich dreist«. Die Familie sah bislang 300 Euro wieder. Weitere 1000 Euro sind angeblich per Überweisung unterwegs.

»Ich werde alles auf Heller und Pfennig zurückerstatten«

Während der 53-Jährige bei der Polizei noch von »Darlehen« gesprochen hatte, zeigte er sich jetzt voll geständig. Der Angeklagte beteuerte, er habe die Anlage wirklich beabsichtigt. Damals sei es aber mit seiner Firma bergab gegangen: »Ich habe geglaubt, aus dem Sumpf heraus zu kommen.« Inzwischen habe er die Wende geschafft: »Ich werde alles auf Heller und Pfennig zurück erstatten. Ich habe wieder die innerliche Power«. Ob ihm das gelingt – dazu äußerte das Gericht Skepsis angesichts der schwierigen finanziellen Verhältnisse des 53-Jährigen.

Staatsanwalt Christopher Stehberger gelangte zu einem »Betrugssystem« mit jeweils eigenständigen Taten. Deshalb sei der erste Fall von 2007 verjährt. Der Angeklagte habe nie vorgehabt, Geld der Familie anzulegen: »Es war von vorneherein beabsichtigt, die Familie nach Strich und Faden zu betrügen.« Wegen fünf Fällen des gewerbsmäßigen Betrugs beantragte der Ankläger zweieinhalb Jahre Haft. Verteidiger Julian Praun aus Chieming erachtete lediglich »Untreue« für nachgewiesen. Sein Mandant sei nicht vorbestraft, habe Schadenswiedergutmachung geleistet. Eine Strafe von 16 Monaten sei angemessen und könne auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Im »letzten Wort« wiederholte der Angeklagte, er habe »einen Riesenfehler« gemacht, der ihm sehr leid tue.

»Die Leute haben ihnen blind vertraut«

Das Gericht sagte, der Angeklagte habe selbst nie etwas bei dem Unternehmen angelegt: »Das war eine Lüge. Sie hatten von vorne herein vor, das Geld der Familie für eigene Zwecke zu verwenden.« Gewerbsmäßiges Handeln sei nicht mit letzter Sicherheit nachzuweisen. Gegen ihn spreche die hohe Schadenssumme und der Vertrauensmissbrauch: »Die Leute haben ihnen blind vertraut.«

Bewährung sei »noch vertretbar«. Eine Auflage war es, dass der Angeklagte nach besten Kräften Schadenswiedergutmachung leisten muss. Er muss seine Einkommensverhältnisse vierteljährlich nachweisen. Sollte er das missachten, werde die Bewährung widerrufen. Staatsanwalt Christopher Stehberger kündigte an, eine Berufung gegen das Urteil zu prüfen. kd