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»Ich brauche die Geselligkeit und das Miteinander«

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Mit Ali und Solano, zwei in die Jahre gekommene Kaltblüter, und ihrer grünen Kutsche fährt Luise Franken aus Inzell Gäste rund um den Ort.

Inzell – Das Traunsteiner Tagblatt stellt ein neues »Gesicht des Chiemgaus« vor: In diesem Teil der Serie stellt das Traunsteiner Tagblatt Luise Franken aus Inzell vor.


Der Chiemgau ist seit den Anfängen des Tourismus' eines der beliebtesten Reiseziele der Deutschen. Vom Chiemgau erwarten die Menschen Herzlichkeit, ländliche Strukturen, unberührte Natur – und freundliche Menschen, die Haus und Hof, Grill und Garten mit ihnen teilen – oder ihre Freizeit für sie opfern. Wer aber sind diese Menschen? Das Traunsteiner Tagblatt stellt in den kommenden Wochen eine Reihe von Persönlichkeiten vor, die sich weit über das erwartbare Maß hinaus um die Gäste der Region kümmern.

Behände steigt Luise Franken auf den Kutschbock ihres grünen Stellwagens und schnappt sich die Zügel. Ein kurzes Kommando, und schon traben Ali und Solano, zwei in die Jahre gekommene Kaltblüter, los. Hinten zieht es die Urlaubsgäste in dem 40 Jahre alten Fuhrwerk ruckartig nach vorne. »Heute sind meine zwei alten Burschen ja richtig flott unterwegs«, entschuldigt sich die Rentnerin augenzwinkernd.

Neben Luise Franken haben zwei kleine Mädchen Platz genommen und überschütten sie mit Fragen: »Wie alt sind die Pferde?«, »Kann man auf denen auch reiten?«, »Dürfen wir die mal streicheln?«. Bereitwillig beantwortet die Kutscherin alle Fragen. Eine Stunde dauert die Exkursion rund um Inzell, mit deren Vorbereitungen die 82-Jährige schon lange vorher begonnen hat. Das Bereitstellen der Kutsche und der Pferde, das Einschirren und die Fahrt zum Treffpunkt nehmen ein bis zwei Stunden in Anspruch, ebenso wie das Heimkommen, das Putzen der Pferde, das Aufräumen.

Viele Jahre lang stand Luise Franken tagtäglich mit der Kutsche an der Traunsteiner Straße in Inzell. Kamen keine Gäste, fuhr sie wieder heim, kam auch nur einer, so fuhr sie mit einem Gast. Mittlerweile hat sie das Angebot auf Mittwoch und Samstag beschränkt. Am Naturbadepark gönnt die Pferdefreundin ihrem Gespann eine Pause. Den erwachsenen Fahrgästen schenkt sie ein Gläschen ihres selbstgemachten Holunderlikörs ein, die beiden Mädchen dürfen nun endlich die Pferde streicheln.

Gut gelaunt mischt sich die Reiseführerin unter die Urlauber. »Ich brauche den Kontakt mit den Menschen, die Geselligkeit und das Miteinander«, antwortet die gebürtige Inzellerin auf die Frage, warum sie die schwere Kutscherarbeit immer noch macht.

Viele ihrer Fahrgäste kennt sie schon lange. Es sind Stammgäste, die seit Jahren nach Inzell kommen und mit denen sie ein freundschaftliches Verhältnis pflegt. So kommt es oft vor, dass Urlauber bei einem Spaziergang bei ihrem Haus vorbeischauen. »Das ist eine schöne Abwechslung, neben meiner Arbeit mit den zwei Pferden und im Garten«, freut sich die Hobby-Gärtnerin, die 30 Jahre in Köln gelebt hat.

Die Liebe zu Pferden und dass sie in ihrem hohen Alter immer noch Kutscherin ist, hat sie ihrer Mutter zu verdanken. Monika Fackler hat bis zu ihrem 87. Lebensjahr ein Fuhrwerk gefahren. Ihrer Tochter brachte sie nicht nur den Umgang mit Pferden bei, sondern auch, wie Urlaubsgäste behandelt werden wollen, damit sie immer wiederkommen.

Schon früh begleitete die kleine Luise ihre Mutter, wenn diese die Sommerfrischler sogar bis ins 30 Kilometer entfernte Reit im Winkl brachte. Sie erinnert sich noch daran, wie sie das erste Mal selbst die Zügel führen durfte. Heute mutet die Tierliebhaberin, die vor 20 Jahren die Zügel endgültig von ihrer Mutter übernommen hat, ihren Pferden keine so weiten Fahrten mehr zu.

Zum Erbe der Mutter gehört auch ein großes Netzwerk an Kutschern und Pferdefreunden, die sie bei schweren Arbeiten unterstützen. Auch wenn die 82-Jährige die tägliche Stallarbeit, das Einschirren und Abspannen der Pferde sowie die Reinigung der Kutsche noch meistert, braucht sie bei der Heuernte und beim Beschlagen der Hufe mittlerweile Hilfe. »Doch solange ich gesund bin«, kündigt die Inzellerin an, »mache ich auf jeden Fall weiter.« fb