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»Ich bin nicht sehr begeistert von der WM im eigenen Land«

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Für die WM-Stadien wurde viel Geld ausgegeben. Für viele gibt es danach keine Verwendung mehr – auch für das Stadion in Manaus.
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Betti Wülfing engagiert sich seit Jahren für die Brasilienhilfe in ihrer Heimat. (Foto: H. Eder)

Grabenstätt. Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien ist in vollem Gange. Doch viele Brasilianer sind nicht begeistert von der WM im eigenen Land. Ihr Hauptargument: Viel Geld, das vor allem für den Neubau der Stadien verwendet wurde, wäre an anderer Stelle besser aufgehoben gewesen, zum Beispiel für das Bildungssystem oder das Gesundheitswesen. Insgesamt kostet die WM rund 11 Milliarden Euro, kein Wunder, dass das nicht allen gefällt.


»Das nimmt mir jegliches Verständnis«

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Ganz offen gegen die WM äußert sich die gebürtige Brasilianerin Betty Wülfing, die mit ihrer Familie in Grabenstätt lebt: »Ich bin wie viele Brasilianer nicht sehr begeistert von der WM im eigenen Land.« Im Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt beklagt sie auch, dass die Weltmeisterschaft zu teuer ist. »Die Kosten sind zu hoch, das nimmt mir jegliches Verständnis.« Gerade die zwölf neu gebauten Fußballstadien seien sehr teuer gewesen, einige davon hätten nach den Spielen auch gar keinen Nutzen mehr. In vielen Gegenden, in den Stadien gebaut wurden, würde es zudem keine »Fußball-Kultur« geben, so Betty Wülfing weiter. Unter anderem die Stadien in Manaus im Amazonasgebiet, in Cuiabá und in Natal dürften in Zukunft weitgehend ungenutzt sein, weil es dort keine Profimannschaften gibt.

Betty Wülfing ärgert das sehr, gerade weil das Geld, das für den Stadienbau verwendet wurde, an anderer Stelle gut gebraucht werden könnte. »Die Versprechen, dass das Geld auch den Brasilianern zugutekommt, wurden nicht eingehalten. Es wurde nur für Stadien und Infrastruktur verwendet und auch nur dort, wo es die ausländischen Besucher sehen«, berichtet sie.

Verein ist auf Spenden angewiesen

Die Brasilianerin, die aus einer ärmlichen Gegend am Amazonas stammt und seit 1975 in Deutschland lebt, engagiert sich selbst aktiv für ihre Heimat. Mit der partnerlichen Brasilienhilfe Grabenstätt, die in den vergangen 25 Jahren mehr als 20 Einzelprojekte unterstützt hat, hilft sie selbst in den Armengegenden Brasiliens und stellt Kontakte her. »Wir übernehmen in den Projekten vor allem die finanzielle Hilfe«, so Betty Wülfing. Momentan hat die Brasilienhilfe zwei Projekte im Amazonasgebiet am Laufen, in denen Kinder und Jugendliche gefördert werden. »In den letzten Jahren haben wir viele Projekte erfolgreich abgeschlossen. Wir ziehen uns dann zurück, wenn die Mitarbeiter vor Ort alleine zurechtkommen«, berichtet sie.

In den Projekten werden Schüler und Jugendliche vor und nach der Schule betreut. »Viele Eltern suchen diese Möglichkeit, da sie arbeiten müssen und nicht wollen, dass ihre Kinder in die falschen Hände gelangen.« In Zentren machen die Kinder ihre Hausaufgaben, gehen Freizeitbeschäftigungen nach oder spielen – natürlich passend zur Weltmeisterschaft – auch Fußball. Damit die Projekte auch weiterhin unterstützt werden können, ist der Verein auf Spenden angewiesen. Vor allem, weil das Geld der Regierung einfach nicht ankommt, wie Wülfing erzählt. Spenden können auf das Konto 856484 bei der Kreissparkasse Traunstein-Trostberg (BLZ: 710 520 50) überwiesen werden.

Auf die Frage, was sie denkt, wie weit Brasilien bei der Weltmeisterschaft noch kommt, antwortet Betty Wülfing sehr ehrlich: »Ich hoffe, dass Brasilien nicht gewinnt, sondern vor dem Finale noch ausscheidet.« Sie hat generell nichts gegen Fußball, »das ist ein schöner Sport«. Sie begründet ihre Meinung aber damit, dass dann die Proteste, die es gegen die Weltmeisterschaft gibt, »hoffentlich endlich an die Öffentlichkeit gelangen«. Proteste gebe es, das sehe die Brasilianerin täglich im brasilianischen Fernsehen, aber diese gelangen nur spärlich nach Außen. Ganz ausblenden kann aber auch Betty Wülfing die WM nicht: »Wir sind eine deutsch-brasilianische Familie, da läuft das eben auch im Fernsehen«. Sie hofft nur, dass die Proteste endlich auch im Ausland publik werden, denn viele Leute würden in Brasilien auf die Straßen gehen und protestieren. Für die Bevölkerung sei die WM zwar sicher auch etwas Tolles, aber nun wäre es an der Zeit endlich aufzuwachen, meint Betty Wülfing. »Auch die andere Seite der WM sollte gezeigt werden, aber das Land möchte sich eben nicht bloßstellen«, resümiert die Brasilianerin. jar