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Hochprofessionelle Hilfe für eine Hand voll Leben

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Jede Menge Technik und eine Zusammenarbeit der Disziplinen mit Mitarbeiterschulung nach Standards der Luft- und Raumfahrt – die Kinderintensivstation am Klinikum Traunstein versorgt Frühgeborene auf sehr hohem Niveau. Unser Bild zeigt den Leiter der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Traunstein, Chefarzt Dr. Gerhard Wolf, bei der Betreuung eines Frühchens. (Foto: Hohler)

Traunstein – Gerade erst bewegte Europas jüngstes Frühchen die Gemüter – die kleine Frieda kam 2010 nach nur 21 Wochen und fünf Tagen Schwangerschaft 26 Zentimeter klein und nur 460 Gramm leicht zur Welt. Dass sie ihren fünften Geburtstag putzmunter erlebt hat, grenzt nach Einschätzung von Ärzten an ein Wunder.


Jährlich werden circa 60 000 Kinder zu früh geboren – das ist jedes zehnte Neugeborene. Damit sind sie die größte Kinderpatientengruppe. »Dennoch werden Probleme und Risiken für die weitere Entwicklung dieser Kinder nicht in entsprechendem Maß wahrgenommen«, schreibt etwa der Bundesverband »Das frühgeborene Kind« auf seiner Internetseite zum heutigen Tag der Frühgeborenen. Daher machen jeden 17. November Eltern in ganz Europa, Afrika, Amerika und Australien auf die Belange Frühgeborener und ihrer Familien aufmerksam.

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Heuer schon 35 Frühchen unter 1500 Gramm

Auch in Traunstein kommt etwa jedes zehnte Kind vor der 36. Schwangerschaftswoche zur Welt (40 Wochen dauert eine normale Schwangerschaft) und gelten somit als Frühgeborene. »Von Januar bis jetzt wogen 35 Kinder bei der Geburt weniger als 1500 Gramm«, sagt dazu Anita Wimmer, Leiterin des Bunten Kreises, einer Einrichtung der sozialmedizinischen Nachsorge am Klinikum Traunstein.

Dabei werden in Traunstein Frühchen ab der 23. Schwangerschaftswoche hochprofessionell versorgt – erst im Brutkasten, wenn sie stabiler sind, im Wärmebettchen. In Deutschland liegt die Überlebenschance ab der 24. Schwangerschaftswoche bei 50:50. Sie erhöht sich auf über 90 Prozent ab der 28. Woche. »Das hängt immer vom einzelnen Kind ab, ob es eine Infektion hat oder nicht und natürlich davon, wie weit es entwickelt ist«, sagt der Leiter der Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Traunstein, Chefarzt Privatdozent Dr. Gerhard Wolf.

»Wir haben alles da von der Geburtshilfe über die Kinderintensivstation, -chirurgie, -anästhesie, -kardiologie und -diabetologie bis zu bildgebenden Verfahren«, betont Dr. Wolf. Forderungen aus der Politik, bundesweit würden drei solcher Standorte reichen, erteilt er eine klare Absage: »Wir können die Kinder hier heimatnah versorgen. Das ist auch unbedingt notwendig, denn sie sind oft monatelang hier. Die Mütter liegen ja zum Teil schon lange vor der Geburt.«

Außergewöhnlich hoch ist auch der Prozentsatz an Fachkrankenschwestern für Kinderintensivpflege und Kinderanästhesie von 60 Prozent. »Wir haben immer zwei Krankenschwestern in dieser berufsbegleitenden Weiterbildung in München, die zwei Jahre zum Teil in externen Kliniken stattfindet«, sagt Anita Wimmer, »das ist nicht selbstverständlich«. Zum Vergleich: »Es gab mal eine Vorschrift von 40 Prozent, aber die wurde wieder abgeschafft mit dem Argument, das sei nicht zu erfüllen«, ergänzt Dr. Wolf.

Enormer Aufwand führt zu sehr guten Ergebnissen

»Um all das bereitzustellen, muss man einen enormen Aufwand betreiben«, sagt Dr. Wolf. »Das führt aber auch zu sehr guten Ergebnissen.« Als ein Beispiel neben anderen möglichen Komplikationen nennt Dr. Wolf etwa Darmperforationen. Rund fünf Prozent der extremen Frühgeborenen um die 24. Woche herum leiden darunter. Anderenorts müsste das Baby für eine OP quer durchs Krankenhaus transportiert werden. »Hier kommt das gesamte OP-Team zum Kind und operiert im Brutkasten. Das unterscheidet uns auch von anderen Kliniken in Südostbayern«, so Dr. Wolf.

Die Zusammenarbeit vieler Beteiligter erfordert außerordentliche Professionalität. So hat Dr. Wolf aus seiner Zeit bei den Boston Medflights, der Rettungsflugwacht von Boston, Verfahren zur Erhöhung der Patientensicherheit in Traunstein installiert, die der Luft- und Raumfahrt entlehnt sind. »Dazu gehören etwa standardisierte Checklisten bei der Übergabe von einer Schicht an die nächste, standardisierte Visiten, Checklisten vor Operationen, an denen alle beteiligten Disziplinen mitwirken, damit uns da nichts verloren geht.«

Als besonders hilfreich empfindet Anita Wimmer die Möglichkeit für Krankenschwestern, Ärzte und Hebammen, Krisensituationen im Simulator zu üben. Nach Wiederbelebungen gibt es eine Art Manöverkritik, um zu sehen, was man noch besser machen kann.

»Wir sind in Traunstein in diesem 'Hochrisikogeschäft' der Behandlung von Frühgeborenen relativ weit vorn dran«, sagt Dr. Wolf. So konnte das Traunsteiner Team erst vor kurzem ein Baby retten, das eine Frau in der 28. Schwangerschaftswoche spontan bei Freunden im Landkreis Altötting geboren hatte – »im vorgewärmten Inkubator wurde es mit dem Rettungshubschrauber abgeholt«, berichtet Dr. Wolf. »Dem Baby geht es gut.«

Eine Frühgeburt ist für viele Eltern äußerst belastend, wirft sie doch oft sämtliche Pläne über den Haufen. Plötzlich steht die Sorge um das Kind, auf das man sich monatelang gefreut hat, im Vordergrund. Wird es überleben? Ist es gesund? Wird es sich gut entwickeln? Wird es ein eigenständiges Leben führen können?

Allen Eltern, deren Kind vor der 32. Schwangerschaftswoche oder krank zur Welt kommt, hilft der Bunte Kreis. Schon in der Klinik erhalten die Eltern zwischenmenschliche, aber auch organisatorische Hilfe. Zum Entlassmanagement gehört unter anderem die Sicherstellung »von allem, was daheim gebraucht wird, medizinische Geräte, Arznei oder Spezialnahrung«, erklärt Anita Wimmer.

Der Nachsorgemitarbeiter vereinbart Kontrolltermine im Klinikum, beim Kinderarzt, im SPZ oder beim Augenarzt und hilft in sozialen Notlagen. »Wenn das Kind nicht ganz gesund heim kommt, informieren wir bei Bedarf den Pflegedienst«, so Wimmer. Eine Sozialpädagogin unterstützt in bürokratischen Dingen, organisiert, wenn notwendig, auch eine Haushaltshilfe.

Ohne Monitorüberwachung allein zuhause

Den Übergang von der Apparatemedizin ins heimische Schlafzimmer erleben viele Eltern als belastend: »Das ist ein riesengroßer Schritt von der High-Tech-Umgebung hier dazu, auch ohne Monitorüberwachung daheim entspannt zu bleiben in dem Wissen, da passiert nix«, sagt Wimmer. Denn hier tauchen unvorhergesehene Probleme auf, werden Auswirkungen von Krankheiten und fehlende Hilfen erst richtig bewusst.

Für 20 Stunden Hilfe vom Bunten Kreis innerhalb der ersten drei Monate zahlt die Kasse einen fixen Betrag. Der reicht aber angesichts des großen Einzugsgebiets – den Landkreisen Traunstein, Berchtesgadener Land, Mühldorf und Altötting bis Rosenheim – mit entsprechenden Anfahrtszeiten und -kosten oft nicht weit. Deshalb ist der Bunte Kreis auch immer wieder auf Spenden angewiesen. Diese kann man überweisen auf das Konto des Klinikums, IBAN DE66 7105 2050 0000 0003 64 bei der Kreissparkasse Traunstein, BIC: BYLADEM1TST Verwendungszweck 373 800 Bunter Kreis. coho