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Hirnverletzung – und plötzlich ist alles anders

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Und plötzlich ist alles anders. Ob Badeunfall, Motorradunfall oder Krankheit – viele Menschen mit Hirnverletzungen müssen sich mühsam zurück ins Leben kämpfen. Manche Hirnverletzungen hinterlassen aber Folgen, unter denen die Betroffenen zeitlebens leiden.

Traunreut – Treffen kann eine Hirnverletzung grundsätzlich jeden – Schlaganfall, Hirnblutung, Schädel-Hirn-Trauma nach Verkehrsunfall, Sauerstoffmangel nach einem Badeunfall, Parkinson und andere Krankheiten – die Ursachen sind ebenso vielfältig wie die Spätfolgen. Das einzige, was alle Patienten und ihre Angehörigen eint, ist, dass von einem Moment auf den anderen nichts mehr ist, wie es war.


Viele Betroffene müssen sich nach einem derartigen Ereignis monate- oder gar jahrelang mühsam zurück ins Leben kämpfen, müssen etwa reden, gehen oder auch die Orientierung völlig neu erlernen. »Manche machen noch zwei, drei Jahre danach Fortschritte, andere machen wieder Rückschritte oder zumindest ab einem bestimmten Punkt keine Fortschritte mehr«, erklärt Christa Raab. Mit ihrer Kollegin Claudia Kleindorfer berät sie seit Oktober einmal im Monat im Mehrgenerationenhaus Traunreut Betroffene und ihre Angehörigen.

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Beratungsstelle für Menschen mit Hirnverletzungen

Träger der »Netzwerk 18 – Beratungsstelle für Menschen mit Hirnverletzungen« ist die Stiftung Ecksberg, eine kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts, mit Sitz in Mühldorf. Sie ist, wie der Name schon sagt, zuständig für die Region 18, also für die Landkreise Traunstein, Berchtesgadener Land, Altötting, Mühldorf und Rosenheim.

»Klassische Probleme sind dauerhafte Schädigungen bestimmter Funktionen«, berichtet Christa Raab. Viele Betroffenen leiden unter Problemen mit dem Kurzzeitgedächtnis, auch Probleme mit der emotionalen Affektsteuerung setzen ihnen wie ihren Angehörigen zu. »Viele werden weinerlich oder auch schneller aggressiv, manchen fehlt die Geduld, anderen die Ausdauer.«

Vor allem Beeinträchtigungen des Orientierungssinns machten ein Leben ohne fremde Hilfe schwierig, erklärt Raab. »Für manche Betroffenen ist es zum Beispiel unmöglich, alleine einkaufen zu gehen oder mit dem Bus oder dem Auto auch nur zum Arzt zu fahren. Dabei sind die Schwierigkeiten für das Umfeld oft schwer zu verstehen, denn man sieht's ihnen ja nicht an.«

Und ihre Kollegin Claudia Kleindorfer ergänzt: »Das Hauptproblem ist: die Betroffenen wissen alle, dass sie zuvor ein normales Leben hatten. Und die Sehnsucht nach dieser Normalität setzt ihnen unglaublich zu.« Aber ein Malermeister, der nie wieder Angebote schreiben oder kalkulieren kann, könne einfach nicht mehr selbstständig arbeiten. Und auch ein Apotheker, der nach einem Schlaganfall drei oder vier Stunden am Tag arbeiten kann, sehe sich nicht wirklich in einer Behindertenwerkstätte.

Ein weiteres Problem sei die Erwartungshaltung des Umfelds. »Wenn auch die ambulante Therapie zu Ende ist, und der Patient trotzdem nicht wie zuvor 'funktioniert', dann wird er zum Psychologen geschickt, um die Krankheit zu verarbeiten mit dem Ziel, hinterher wieder zu funktionieren. Die Hirnschädigung verhindert aber dieses Funktionieren dauerhaft, so dass der Patient das als Schuldzuweisung erlebt,« erklärt Kleindorfer.

Hier wären nach Meinung von Christa Raab Neuropsychologen wichtig mit einem tieferen Verständnis für Zusammenhänge. Auch wäre es ihrer Meinung nach wichtig, zum Beispiel nach fünf Jahren nochmals die Pflegestufe zu überprüfen, »denn manchmal verschlechtert sich der Zustand derart, dass die Angehörigen zu wenig Entlastung erhalten, obwohl sie ihnen eigentlich zustünde.«

Überhaupt seien viele Angehörige nach oft jahrelanger Betreuung am Ende ihrer Kräfte. »Sie werden getragen von der Hoffnung auf eine Besserung des Zustands ihrer Lieben. Tritt diese nicht ein, schweben sie zwischen Hoffnung, Überforderung und Schuldgefühlen.«

Entlastung auch für die Angehörigen organisieren

Hier kann die Beratungsstelle helfen, den Status klären, die Pflegestufe überprüfen lassen, über den Familienentlastenden Dienst Entlastung für die Angehörigen organisieren. Auch helfen die Damen beim Ausfüllen von Formularen oder begleiten die Betroffenen zu Werkstätten, in denen sie arbeiten könnten.

Wer Hilfe braucht, erhält immer am dritten Montag des Monats von 9 bis 12 Uhr im Mehrgenerationenhaus Traunreut kostenlose und vertrauliche Beratung. Wer weitere Fragen hat oder einen Termin vereinbaren möchte, erreicht die beiden Damen unter Telefon 08631/98 72 799. coho