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»Heute werden wir beide sterben«

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Traunstein – Ein Großaufgebot an Polizisten musste Anfang des Jahres nach Bergen ausrücken, um einen aggressiven Ruhpoldinger dingfest zu machen (wir berichteten). Der 35-Jährige hatte seine Freundin und einen Bekannten mit einem Messer bedroht. Der Mann wurde dabei verletzt. Das Schöffengericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott verhängte nun wegen vorsätzlicher Körperverletzung und anderer Delikte eine Freiheitsstrafe von 22 Monaten, ausgesetzt auf vier Jahre zur Bewährung.


3500 Euro Schmerzensgeld für Opfer

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Das Gericht sprach dem Opfer per sogenanntem Adhäsionsantrag ein Schmerzensgeld von 3500 Euro zu. Darüber hinaus muss der Täter für den Ersatz künftiger Behandlungskosten aufkommen.

Gleich drei Anklagen verlas Staatsanwältin Carolin Schwegler: Die erste galt einem Vorfall in Traunstein. Der 35-Jährige soll in einer Disco einem Zeugen zwei falsche »Fünfziger« zum Preis von je 25 Euro veräußert haben. Außerdem ging es um zwei Fahrten mit einem Auto ohne Versicherungsschutz sowie eine Unfallflucht in Grabenstätt, bei der der Angeklagte in eine Hecke, einen Gartenzaun und zwei Betonsäulen gefahren sein soll. Die dritte Anklageschrift bezog sich auf die Auseinandersetzung in Bergen in der Wohnung seiner damaligen 27-jährigen Freundin.

Der Angeklagte ließ über seinen Verteidiger, Michael Vogel aus Traunstein, erklären, zu der Unfallflucht und der Körperverletzung werde er nichts sagen. Das Falschgeld habe nicht er in Verkehr gebracht.

Der Käufer der Blüten war nicht zu seiner Zeugenaussage erschienen. Daraufhin ließ der Richter ihn von einer Polizeistreife abholen. Der wegen der falschen Geldnoten bereits rechtskräftig Verurteilte bestätigte den Erwerb der falschen Scheine vom Angeklagten.

Schwerwiegendster Komplex waren die Ereignisse in der Wohnung. Vier Personen – der Angeklagte, seine damalige Freundin mit ihrem Kind, einer ihrer Bekannten sowie ihre Freundin – waren am 19. Februar 2016 gegen 3 Uhr nachts dort. Die Erwachsenen hatten sich zu einem Spieleabend verabredet. Die Männer konsumierten Wodka und Haselnussschnaps, dazu etwas Bier.

Die 27-Jährige berichtete, ihr Freund, mit dem sie seit Herbst liiert war, sei plötzlich aggressiv geworden. Sie habe ihn rausgeworfen, doch er sei zurückgekehrt. Er habe erneut randaliert. Da habe sie ihn nochmals aus der Wohnung gewiesen. Irgendwie sei er wieder reingelangt und habe sich ein Messer aus der Schublade in der Küche geholt mit den Worten: »Heute werden wir beide sterben.« Der 35-Jährige habe sich das Messer an die Pulsadern gehalten und gesagt: »Danach bringe ich dich um.« Er habe sie geschubst und sein Handy zerstört. Das Kind habe alles mitgekriegt. Der 33-jährige Bekannte sei in die Küche gekommen, um zu schlichten. Die Freundin habe zwischenzeitlich die Polizei verständigt. Diese habe geraten, mit dem Kind schnellstens die Wohnung zu verlassen. Einsatzkräfte trafen die drei kurz danach unverletzt samt Hund nahe des Kindergartens an.

Angeklagter schlug die Glastür ein

Der 33-jährige Nebenkläger konnte sich ob seiner damaligen Alkoholisierung kaum an Details erinnern. Er schilderte, der Angeklagte sei in der Küche vor ihm gestanden – mit dem Messer in der Hand. Er selbst habe appelliert: »Mach keinen Schmarrn, mach dich nicht unglücklich.« Als die Frauen weg waren, habe der 35-Jährige gedroht: »Ich stech' dich ab, ich bring dich um.« Der 33-Jährige wollte flüchten und verirrte sich ins Kinderzimmer. Der Angeklagte schlug die Glastür ein. Beim Versuch, dem Angreifer das Messer wegzunehmen, erlitt der Zeuge Schnittverletzungen an der Hand. Der 35-Jährige schlug auch mit der Faust zu. Dabei kam es zu einem Bruch des Kiefergelenks und zu Platzwunden im Gesicht. Der Verletzte musste im Krankenhaus ärztlich versorgt werden, bis heute hat er Probleme. Eine komplizierte Operation des Kiefers steht noch bevor.

Das Schöffengericht hörte über 20 Zeugen an. Manche bezeichneten den Angeklagten als zur Tatzeit »wirr« oder »wahnhaft wirkend«. In ihrem Gutachten gelangte Landgerichtsärztin Dr. Irene Bier-Weiß zu einem »komplizierten Rauschzustand«. Der 35-Jährige baue Alkohol schlecht ab. Dadurch sei seine Steuerungsfähigkeit zur Tatzeit erheblich eingeschränkt gewesen.

Im Plädoyer sprach Staatsanwältin Carolin Schwegler von einem »kleinen Streifzug durch das Strafgesetzbuch«. Der Angeklagte sei in der Wohnung grundlos »wild geworden«. Angemessen sei eine dreijährige Gesamthaftstrafe. Nebenklagevertreter Dr. Florian Eder aus Freilassing schloss sich an. Verteidiger Michael Vogel argumentierte, man wisse nicht, woher die Verletzungen des 33-Jährigen stammten. Eine Gesamtstrafe von maximal acht Monaten mit Bewährung sei ausreichend. Im »letzten Wort« entschuldigte sich der 35-Jährige bei der 27-Jährigen, die ihm nach dem Geschehen den Laufpass gegeben hatte. kd