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Foto: pixabay Symbolbild

Heute ist Tag der Organspende – Traunsteiner Transplantationsbeauftragter und Dialysepatient im Gespräch

Endlich wieder spontan in den Urlaub fahren, sich frei und gesund fühlen: Das wünscht sich Günter Buthke aus Traunstein, der seit sieben Jahren auf eine passende Spenderniere wartet. Doch in Deutschland besitzt nicht einmal die Hälfte der Bevölkerung überhaupt einen Organspendeausweis. Anlässlich des Tags der Organspende am heutigen Samstag hat unsere Redaktion mit dem 70-Jährigen über seinen Alltag gesprochen und im Klinikum Traunstein nachgefragt.


Schmerzmitteleinnahme schädigt die Nieren

Nach einem schweren Autounfall im Jahr 2006 mit zahlreichen Knochenbrüchen und einem gefährlichen Schaden an der Wirbelsäule kann Günter Buthke seinen Alltag jahrelang nur mit Hilfe unzähliger Schmerzmittel bewältigen. Seine Nieren werden dadurch stark belastet. Hinzu kommen eine erbliche Veranlagung sowie Diabetes und Bluthochdruck, da er sich in Folge des Unfalls lange Zeit nicht mehr viel bewegen konnte – ebenfalls Risikofaktoren für einen Nierenschaden.

Mittlerweile beträgt seine Nierenfunktion nur noch 20 Prozent, die Blasentätigkeit liegt praktisch bei null. Dreimal wöchentlich muss er deshalb zur jeweils fünfstündigen Dialyse. »Eine Spenderniere würde mir den Alltag deutlich erleichtern und die Blutwäsche überflüssig machen«, erklärt der 70-Jährige.

Mit Günter Buthke warten in Deutschland knapp 7000 Patienten auf eine neue Niere. Etwa 900 Menschen brauchen bundesweit eine neue Leber, 700 ein Herz. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt sechs bis sieben Jahre; viele Menschen warten aber auch bis zu zehn Jahre auf ein passendes Spenderorgan. In Bayern benötigen derzeit gut 1200 Menschen ein neues Organ, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation (DSO) auf Anfrage mitteilt.

Bis auf seine Nieren fühlt sich Günter Buthke »körperlich noch recht gut beinand«. Allerdings muss er streng darauf achten, nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig zu trinken. Auch beim Essen ist er eingeschränkt und kontrolliert täglich Kalium-, Kalzium- und Phosphorgehalt seiner Speisen.

Seit 2015 wartet er auf den Anruf, dass eine passende Niere für ihn zur Verfügung steht. In seinem Umfeld gibt es niemanden, der ihm lebend eine Niere spenden könnte. Denn neben der passenden Blutgruppe müssen auch gewisse Gewebemerkmale übereinstimmen. Um Organhandel zu vermeiden, dürfen Lebendspenden in den meisten Ländern nur von nahen Verwandten oder sehr engen Freunden empfangen werden. Für Günter Buthke bedeutet das, dass er auf eine passende Niere von einem Verstorbenen warten muss.

»Jeder sollte das Thema für sich klären«

Gibt es für einen Empfänger einen passenden Organspender, kann eine Organtransplantation durchgeführt werden. Das nächste Transplantationszentrum ist das Uniklinikum Großhadern in München. »Organentnahme ist in jedem Krankenhaus in Deutschland möglich, das eine Intensivstation und einen OP hat – also auch in Traunstein«, erklärt Holger Liermann, Oberarzt der Operativen Intensivstation und Transplantationsbeauftragter. Seine Aufgabe ist es unter anderem, den Untersuchungsprozess anzustoßen, ob der Patient als Spender qualifiziert ist.

»Das bedeutet konkret: Ein irreversibler Hirnfunktionsausfall – umgangssprachlich 'Hirntod' genannt – ist eingetreten und eine Zustimmung zur Organspende liegt vor. Außerdem darf es keine medizinischen Kontraindikationen wie eine HIV-Infektion oder eine Tumorerkrankung geben«, so Holger Liermann. Jedes Jahr gebe es in der Region etwa 20 Patienten, die als Organspender in Frage kommen.

Aber: Nicht jeder davon hat einen Organspendeausweis oder im Vorfeld mit seinen Angehörigen darüber gesprochen, ob er Organspender werden möchte. »Jeder sollte das Thema für sich vor seinem Tod klären. Für die Familie ist es im Moment des Schocks und der Trauer oft eine zusätzliche Belastung, sich auch noch mit der Frage nach einer Organspende auseinandersetzen zu müssen«, sagt Liermann. Und: Wissen die Angehörigen nichts über den Willen des Patienten, dürfen sie sich nach eigenen Wertvorstellungen für oder gegen eine Organspende entscheiden. Oft stimmen sie aus Unsicherheit dagegen, obwohl eine Spende vielleicht möglich gewesen wäre.

Entscheiden sich die Angehörigen für eine Organspende, kann sie das im Trauerprozess unterstützen, berichtet der Transplantationsbeauftragte. »Vielen hilft es, den Verlust zu verarbeiten und einen Sinn zu erkennen, wenn jemand anderem im Zweifel ein zweites Leben ermöglicht wird. Eine Organspende ist ein Geschenk.«

Jährlich werden im Klinikum Traunstein ungefähr fünf bis zehn Organentnahmen durchgeführt. »Das ist ein guter Schnitt. Es könnten aber noch mehr sein, wenn sich Menschen vor ihrem Tod bewusst für eine Organspende entscheiden«, betont Holger Liermann. »Für die Organspende ist es oft notwendig, die Maschinen noch einen Tag weiterlaufen zu lassen, damit die Organe durchblutet bleiben und in der Zwischenzeit alles Weitere veranlasst werden kann.«

Auch ältere Spender kommen durchaus in Frage, da ihre Organe oft noch gut funktionieren. Organspender können auch schon mal über 80 Jahre alt sein.

Ab wann ist ein Mensch »hirntot«?

Viele Menschen sorgen sich, dass der »Hirntod« überstürzt festgestellt wird, um Organe entnehmen zu können. Holger Liermann erläutert: »Bei einem irreversiblen Hirnfunktionsausfall handelt es sich um einen Zustand, bei dem das gesamte Gehirn stark anschwillt und mindestens zehn Minuten lang nicht mehr durchblutet wird. Damit ist der »Hirntod« unumkehrbar.« Wie ein »Hirntod« diagnostiziert werden muss, ist gesetzlich genau festgeschrieben. Der gesamte Prozess muss von zwei erfahrenen Ärzten unabhängig voneinander durchgeführt werden. Angehörige dürfen dabei sein, wenn sie es wünschen.

Spricht nichts gegen eine Organspende, werden Organe nur entnommen, wenn es dafür einen passenden Empfänger gibt. Um die Vermittlung kümmert sich die Stiftung »Eurotransplant« in Deutschland, Österreich, den Benelux-Ländern, Slowenien, Kroatien und Ungarn. Im vergangenen Jahr gab es in Deutschland insgesamt 1200 Menschen, die für eine Organspende qualifiziert waren. 933 davon haben nach ihrem Tod insgesamt 2095 Organe gespendet. Auf eine Million Einwohner kommen damit bundesweit etwa 11 Organspender. Zum Vergleich: In Spanien, dem Anführer der Statistiken, sind es 38. In Bayern hat etwa jeder Zweite einen Organspendeausweis.

Holger Liermann zusammenfassend: »Es bedarf noch viel mehr Aufklärung, damit die Menschen wissen, wie eine Organspende abläuft und worauf es dabei ankommt.« Damit Günter Buthke und mehr als 8000 weiteren Menschen in ganz Deutschland mit einem Spenderorgan ein zweites Leben geschenkt wird.

JuC

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