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Heiliger Abend im Gefängnis

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Robert Hartl hat am Heiligen Abend Dienst: »Freilich wäre ich gerne zu Hause, aber ich weiß, dass das hier auch wichtig ist«, sagt der 54-jährige Oberinspektor.
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Lebkuchen, Schokolade, Marzipan, Kaffee und ein Duschgel: Die Häftlinge, die selber nichts haben, versorgt der Gefängnisfürsorgeverein mit einem kleinen Paket. (Fotos: Schwaiger)

Traunstein. Weihnachten im Knast ist für viele Häftlinge eine besonders schwere Zeit. Ohne Familie, ohne Geschenke, alleine in der Zelle müssen sie den Heiligen Abend verbringen. Doch auch viele Justizvollzugsbeamte verbringen den Heiligen Abend hinter Gittern. Das Traunsteiner Tagblatt hat für seine Weihnachtsserie »Wir öffnen Türen« einen Blick hinter die Traunsteiner Gefängnismauern werfen dürfen.


»Der Heilige Abend im Gefängnis, das ist schon anders«, sagt Robert Hartl und schiebt nach: »Im positiven Sinne.« In seinen 32 Jahren im Strafvollzug hat er Weihnachten schon oft hinter Gittern verbracht. Und so wird es auch heuer wieder sein. Seine Schicht am Heiligen Abend dauert von 7 bis 16.30 Uhr.

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Zeit zum Feiern wird angesichts des durchstrukturierten Tagesablaufs im Gefängnis nicht groß bleiben, das weiß der 54-Jährige schon jetzt. »Freilich versucht man sich mal kurz mit den Kollegen zusammenzusetzen, aber der Zeitplan ist straff«, sagt er. Und schließlich will er auch noch die Möglichkeit haben, mit dem ein oder anderen Häftling zu sprechen – »um schöne Weihnachten zu wünschen«, wie er sagt (siehe auch Artikel unten).

Am Heiligen Abend seien die Insassen viel mit sich selbst beschäftigt, so die Erfahrung von Robert Hartl. Die Gedanken sind zu Hause bei den Liebsten und – das fällt dem Justizvollzugsbeamten immer wieder auf – auch in der eigenen Kindheit. »Viele erzählen davon, wie sie als Kind Weihnachten gefeiert haben.«

Schon um 15.30 Uhr sind die Türen endgültig geschlossen

Schon um 15.30 Uhr sind die Häftlinge – zumindest die in den rund zwölf Quadratmeter großen Einzelzellen – endgültig mit ihren Gedanken alleine. Dann schließen Robert Hartl und seine Kollegen die Türen hinter den rund 120 inhaftierten Männern und 20 Frauen in Traunstein – und öffnen sie erst wieder am nächsten Tag um 7 Uhr. Das ist auch am Heiligen Abend nicht anders als an den übrigen 364 Tagen im Jahr.

Die Uhrzeit ist gleich, und doch ist vieles auch anders. Wenn die Justizvollzugsbeamten am Heiligen Abend die Zellen das letzte Mal zusperren, dann haben sich die meisten schon weihnachtlich eingerichtet. »Da sieht man dann schön gedeckte Tische mit Torten oder Würsten«, erzählt Robert Hartl. Die Häftlinge haben die Möglichkeit, einen »Sondereinkauf zu Weihnachten«, wie es in der Amtssprache heißt, zu tätigen. 100 Euro stehen ihnen dafür zur Verfügung. »Die meisten kaufen sich Tabak, Kaffee, einen schönen Schinken oder Platzerl«, erzählt Robert Hartl.

Die 100 Euro sind kein Geschenk des Staates; das Geld gehört den Häftlingen selbst oder kommt von ihren Angehörigen. Wer nichts hat, der kriegt ein kleines Paket vom Gefangenenfürsorgeverein. Die Papiertüten enthalten allesamt das Gleiche: Zwei Packungen Lebkuchen, zwei Stangen Marzipan, eine Tafel Schokolade, Dominosteine, eine Salami, ein Glas löslichen Kaffee und ein Duschgel.

Darüber hinaus bekommen die Häftlinge nichts. Geschenke von den Angehörigen sind seit einer Gesetzesänderung im Jahr 2008 tabu. »Es gab immer wieder Probleme mit eingeschmuggelten Betäubungsmitteln«, erklärt Robert Hartl.

Drei Häftlinge kamen gestern vorzeitig frei

Ein kleines Zugeständnis gibt es im Gefängnis aber für die Häftlinge, deren Strafende zwischen dem heutigen 22. Dezember und dem 6. Januar liegt: Durch die sogenannte »Vorverlegung des Entlassungszeitpunktes« kamen sie schon am gestrigen 21. Dezember frei. »Heuer sind das Drei«, weiß Oberinspektor Hartl.

Eine »Extraportion Familie« gibt es für die, die bleiben müssen, nicht am Heiligen Abend. Im Dezember gilt, wie in allen anderen Monaten, eine Stunde Besuchszeit für die Strafgefangenen. »Die Besuchszeit ist generell recht streng bemessen«, erklärt der Beamte.

Weihnachtsschmuck gibt es in den Zellen nur in begrenztem Umfang, Kerzen sind wegen der Brandgefahr im ganzen Gefängnis nicht erlaubt. Dafür steht im Gang ein festlich geschmückter Christbaum – mit Lichterkette. Die Dekoration kommt aus der Gärtnerei der JVA Bernau. Im dortigen Gefängnis stellen die Häftlinge den Weihnachtsschmuck selbst her. In Traunstein haben die weiblichen Gefangenen den Baum damit geschmückt. »An Weihnachten ist hier schon eine gewisse Aura«, findet Robert Hartl und räumt auf mit der Vorstellung, dass Häftlinge unkalkulierbar oder gewaltbereit seien: »Wir haben hier ein gutes Verhältnis zu den Inhaftierten«, sagt er.

Und das, obwohl in Traunstein – gerade durch die Untersuchungshäftlinge – vom Kleinkriminellen bis zum Raubmörder alles einsitzt. Freilich achten die Beamten auf eine gewisse Distanz zu den Inhaftierten, »im gegenseitigen respektvollen Umfang«, wie Hartl es formuliert, siezen sich Justizvollzugsbeamte und Gefangene. Doch so oft es geht, haben die Beamten auch ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Insassen. »Die Leute vertrauen sich uns immer wieder viel an«, erzählt Hartl. Natürlich wäre er am Heiligen Abend gerne den ganzen Tag bei seiner Familie. »Aber ich weiß auch, dass das hier wichtig ist.« Sandra Schwaiger