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Hausarzt suchte vier Jahre lang nach einem Praxis-Nachfolger

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Bis Ende September noch ist Dr. Thomas Ruhl, hier auf dem Weg zu einem Hausbesuch, Landarzt in Bergen. Mehr als vier Jahre dauerte es, bis der 66-Jährige einen Nachfolger fand. (Foto: Kretzmer)

Bergen. 33 Jahre lang war Dr. Thomas Ruhl aus Bergen in seiner Hausarztpraxis Ansprechpartner für körperliche und seelische Probleme von Patienten jeden Alters. Er engagierte sich mit Kollegen im »Ärztenetz Chiemgau Süd« mit regelmäßigen Notdiensten in der Zeit, in der Arztpraxen geschlossen sind. Der 66-Jährige, ein »Hausarzt alter Schule«, übt seinen Beruf mit Hingabe und Begeisterung aus, das Wohl der Patienten steht für ihn ganz oben in den Lebensprioritäten.


Mitte 2009 begann die Suche nach dem Nachfolger

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Aber auch Ruhl wollte mehr Zeit für seine Familie haben, die in mehr als drei Jahrzehnten oft hintan stehen musste. Mitte 2009 startete er seine Nachfolgersuche. Fast vier Jahre lang dauerte »der steinige Weg«. Jetzt endlich, am 1. Oktober, tritt Dr. Marcell Schwegler, zuletzt am Krankenhaus Trostberg tätig, in seine Fußstapfen.

Ruhl sammelte Erfahrung als Medizinalassistent an der Uniklinik München, in Athen und Ingolstadt. Ab 1975 war er Assistenzarzt am Klinikum Traunstein, wo er 1980 den Facharzt für Innere Medizin absolvierte. Im April 1980 übernahm er die damals seit Jahrzehnten bestehende Landarztpraxis von Dr. Josef Huber in Bergen. Mit Dr. Michael Schulz, den er vom Krankenhaus Traunstein kannte, führte er sie als Gemeinschaftspraxis weiter.

Alleinerziehende Ärztin kommt allein nicht rum

Nach dem Ausscheiden von Dr. Schulz aus Altersgründen stieg 2009 die 37-jährige Ärztin Dr. Sabine Veitinger ein, die die Praxis mit Bergen im Zentrum und Notdienst im Umkreis von etwa 20 Kilometern aber nicht allein übernehmen wollte. Deshalb begann Dr. Ruhl Mitte 2009 mit der Suche nach einem Nachfolger.

Der heute 66 -Jährige schaltete mehrere Makler ein, die sich um Ärzte und Praxiskäufe kümmern. »Erfolglos – und zwar in der ganzen Zeit seither.« Über die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) suchte er via Internet – »vergeblich«. Eine Ausschreibung am Schwarzen Brett in Krankenhäusern und Telefonate mit Klinikärzten blieben genauso vergeblich wie die Suche über den Ärztlichen Kreisverband Traunstein. Annoncen im »Deutschen Ärzteblatt« und im »Bayerischen Staatsanzeiger« endeten nicht besser. Bei einer »Praxisbörse« der KVB mit über 100 Teilnehmern zeigte kein einziger Mediziner Interesse an der Landpraxis. »Nur Stadtpraxen fanden Abnehmer«, so Dr. Ruhl.

Er beteiligte sich mit Kollegen zwischen Eichstätt, Kirchseeon und Palling an einer Kampagne des Bayerischen Hausärzteverbands unter dem Motto »Hausärzte vor dem Aus!?«. Das Fazit: »Patienten äußerten viel Verständnis. Ein Arzt für Bergen aber hat sich nicht gemeldet.« Dem Gemeinderat hielt Ruhl die Situation vor Augen, regte an, eventuell ein Baugrundstück oder einen günstigen Kredit anzubieten – wie manche Kommunen im Schwäbischen und im Osten der Republik das gegen den Hausärztemangel tun. Der Gemeinderat hielt sich aber nicht für zuständig. Ärzte sollten das unter sich ausmachen, hieß es.

Mitte 2012 versuchten Ruhl und Veitinger mit einem Beitrag im Bayerischen Fernsehen, den Alltag eines Hausarztes positiv zu zeichnen. »Einige Mediziner meldeten sich, verloren aber das Interesse, wenn sie mit der Realität einer Landarztpraxis konfrontiert wurden. Unter den Ablehnungsgründen war die aus ihrer Sicht mangelnde Attraktivität des Dorfes. Junge Ärztinnen vermissten einen Kinderhort. Einige Interessenten entschieden sich für Traunstein – wegen der besseren Angebote für Familie und Freizeit.«

Einstieg nur dank der gelockerten »Residenzpflicht«

Alle Versuche endeten »vergeblich« – bis Ruhl über einen Kollegen aus dem Krankenhaus Trostberg im Februar mit Marcell Schwegler in Kontakt kam. Der Arzt aus dem Hessischen, der in Trostberg seit März 2006 als Assistenzarzt für Innere Medizin arbeitete und seit 2008 regelmäßig Notarztdienst am Standort Trostberg versah, stellte sich in Bergen vor, arbeitete Probe und fand Gefallen. Dass er in die von seinem Wohnort Kilometer weit entfernte Praxis überhaupt einsteigen konnte, hatte er der 2012 gelockerten »Residenzpflicht« von Hausärzten zu verdanken. Der »steinige Weg« jedoch war noch nicht zu Ende. Denn die KVB redet bei der Vergabe einer Praxis immer mit. »Das über ein halbes Jahr dauernde Nachbesetzungsverfahren war schwierig – mit Anträgen massenhaft und mehrmaligen Terminen in München.« So verlangte der Zulassungsausschuss der KVB die Ausschreibung der Praxis im »Bayerischen Staatsanzeiger« mit mehrmonatiger Bewerbungsfrist.

Trotzdem war Schwegler der einzige Bewerber. Ruhl und Veitinger stellten den 38-Jährigen zunächst als »Assistenzarzt« ein. Im Juni entschied der Zulassungsausschuss: Ab 1. Oktober darf Schwegler die Praxis übernehmen. Im Gegenzug muss Ruhl seine Kassenzulassung aufgeben, darf nur mehr hin und wieder Kollegen vertreten und heimische Firmen betriebsärztlich weiterbetreuen.

Patienten sind sehr zufrieden mit gesicherter Versorgung

»Sehr zufrieden, dass die wohnortnahe hausärztliche Versorgung bis auf Weiteres gesichert ist«, sind laut Ruhl die Patienten. Der gebürtige Ansbacher meint im Rückblick: »Es war eine sehr schöne Zeit. Meine Frau Christa als Lehrerin und ich wurden Teil einer herzlichen Dorfgemeinschaft. Ich gehe mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Bald habe ich mehr Zeit für meine Familie und meine Hobbys. Andererseits bin ich Arzt aus Leidenschaft.« Bisher war ihm sein Jahresurlaub »zu schade« für etwas, was er schon lange auf dem Plan hat: »Endlich mal an einem freiwilligen ärztlichen Hilfseinsatz im Ausland teilzunehmen, etwas für Menschen in der Dritten Welt zu tun.« kd