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Handschuhe gestohlen und Zeuginnen genötigt

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Traunstein – Weil ihm kalt war, stahl ein 31-jähriger Asylbewerber Handschuhe im Wert von 8,99 Euro in der Aldi-Filiale in Grassau – das brachte ihm nun wegen räuberischen Diebstahls und zweifacher Nötigung neun Monate Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung, ein. In der Verhandlung vor dem Schöffengericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott erklärte der Angeklagte seine Tat: »Es war der 31. Januar 2015. Ich habe so gefroren. Ich war gezwungen, etwas zum Wärmen zu nehmen. Kaufen konnte ich die Handschuhe nicht. Ich hatte nur drei Euro in der Tasche.«


Mit von einem Freund geliehenen Fahrrad war der 31-Jährige damals unterwegs. Eine 27-jährige Kundin beobachtete, wie er in dem Geschäft die Handschuhe aus einem Schüttkorb nahm und das Etikett abriss. Die Kundin informierte die 22-jährige Marktleiterin. Nachdem der 31-Jährige die Kasse passiert hat, sprach die Chefin ihn draußen an. Sie griff nach den Handschuhen, um das Preisschild zu suchen. Der Asylbewerber entriss ihr die Beute und stieg auf das Rad. Die Frau hielt das Gefährt fest, um den Dieb an der Wegfahrt zu hindern. Daraufhin sollte er gegenüber der Marktleiterin mit voller Wucht zu einer Watschen ausgeholt haben, weshalb die Frau zurückwich und das Rad los ließ. Eine 27-jährige Kundin wollte ihr helfen und fasste den Fahrradsattel. Da wollte der Angeklagte auch sie schlagen. Auch diese Zeugin ließ das Rad los und der Dieb flüchtete. Das weiße Mountainbike mit gelbem Schloss konnten die Frauen bei der Polizei beschreiben. So kamen die Ermittler auf die Spur des 31-Jährigen. Die Handschuhe hatte er nicht mehr. Angeblich waren sie ihm Anfang Februar gestohlen worden.

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»Er wollte mir eine klatschen«

Der Angeklagte stritt vor Gericht ab, zu Watschen angesetzt zu haben. Beide Frauen bestätigten jedoch den Sachverhalt der Anklage. Dazu die Geschäftsführerin: »Er wollte mir deutlich eine klatschen. Ich habe die Bewegung gesehen und bin ausgewichen. Die Kundin kam herbei, um mir zu helfen. Der Mann wurde sehr aggressiv. Da wurde es mir zu brenzlig.« Sie habe dann die Polizei angerufen. Die Frauen konnten den Täter damals später auf Lichtbildvorlagen identifizieren.

Zu seinen persönlichen Verhältnissen gab der Angeklagte an, »wegen des Kriegs, der Raketen, der Gefahr, die die Jugend dort erlebt«, 2013 aus dem Gaza geflüchtet zu sein. Über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich sei er nach Deutschland gekommen. Seit 16 Monaten lebe er in Grassau. Richter Wolfgang Ott hielt dem 31-Jährigen die Aussage eines Dolmetschers vor. Dem gegenüber habe er gesagt, er komme nicht aus Gaza, sondern aus dem Königreich Marokko. Gaza als vorgebliche Heimat habe er gewählt, weil deutsche Behörden nicht dorthin ausweisen würden. Das wies der 31-Jährige als unwahr zurück. Die Gerichtsdolmetscherin stufte seinen arabischen Dialekt ebenfalls als deutlich nordafrikanisch und am ehesten als marokkanisch ein. Die insgesamt 22 arabischen Dialekte würden sich sehr deutlich unterscheiden, berichtete die Übersetzerin. Der 31-jährige angebliche Palästinenser berief sich auf seine israelische Staatsangehörigkeit. Das Schöffengericht hatte daran Zweifel. Nach einiger Diskussion stellte sich heraus: Diese haben ihm erst die deutschen Behörden verliehen.

Staatsanwalt Dominik Rami betonte, die Zeuginnen hätten keinen Belastungseifer an den Tag gelegt. Beide Frauen hätten aber Ausholen zu einem Schlag geschildert. Damit sei jeweils versuchte Körperverletzung erfüllt. Außerdem habe der 31-Jährige einen räuberischen Diebstahl begangen. Dass der Angeklagte gefroren habe, sei ihm zu glauben. Zu seinen Gunsten seien der geringe Wert der Beute und das Geständnis zu werten. Strafschärfend wirkten eine einschlägige Vorstrafe, die Aggressivität und das Vorgehen mit Abreißen des Etiketts. Eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten sei angebracht, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden könne. Eine Geldauflage mache keinen Sinn, ebensowenig eine Arbeitsauflage – wegen der mangelnden Sprachkenntnisse.

»Er wollte nichts weiter als weg«

Von einem »astreinen Diebstahl« sprach Verteidiger Knut Oelschik aus Traunstein. Die Tat könne jedoch noch als »minderschwerer Fall« des räuberischen Diebstahls eingeordnet werden. Nach Überzeugung Oelschiks ist der 31-jährige Palästinenser. Der Verteidiger fragte: »Welcher Marokkaner hält sich schon freiwillig in Gaza auf?« Dort könne man sich nur »mit einem intensiven Lebenskampf und einer gewissen Aggressivität« behaupten. Oelschik verneinte einen Körperverletzungsvorsatz: »Die Damen waren ihm lästig. Er wollte nichts weiter als weg. Ich sehe eine Art Mundraub, Kleidungsraub.« Eine Strafe von sechs Monaten mit Bewährung sei ausreichend. Im »letzten Wort« meinte der 31-Jährige: »Es ist Fakt, dass ich das getan habe. Es ist aber auch Fakt, dass ich es bereue.«

Im Urteil begründete Richter Wolfgang Ott, die Frauen hätten den Täter berechtigterweise festgehalten. Er habe sie durch Ausholen zu Watschen genötigt, ihn loszulassen. Ob er sie wirklich treffen und verletzen wollte, darüber sei sich eine der Zeuginnen nicht ganz sicher gewesen. Neun Monate mit Bewährung seien tat- und schuldangemessen. Der Richter warnte den 31-Jährigen, weitere Diebstähle zu begehen: »Dann wird die Bewährung widerrufen und Sie müssen die Strafe absitzen. Wenn Sie nichts mehr anstellen, wird diese Strafe nach drei Jahren erlassen.« kd