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Hagelflieger »impfen« Wolken mit Silberjodid

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Die Hagelpiloten Johann Wagenstaller (links) und Georg Vogl (rechts) stehen zusammen mit dem Meteorologen Michael Sachweh vor einem Flugzeug Typ Partenavia auf dem Flugplatz in Vogtareuth.

Traunstein. Ein Gewitter naht von Westen, dunkle Wolken kommen immer näher – so enden viele heiße Sonnentage. Das ist im Chiemgau und im Rupertiwinkel nicht viel anders als im übrigen Voralpenland. Viele Menschen stellen sich dann die bange Frage: Wird es hageln? Bauern fürchten um ihre Ernte, Gartenbesitzer um ihre Blumen und Autofahrer im schlimmsten Fall um ihre Fahrzeuge, deren Blechgewand der Hagel erheblich verbeulen kann.


Beruhigend, wenn beim sorgenvollen Blick zum Himmel plötzlich ein sonores Brummen hörbar wird. Dann weiß man, dass die Hagelflieger unterwegs sind und versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Oft gelingt das, ebenso oft kommen sie aber zu spät. Wenn sich nämlich im 4400 Quadratkilometer großen Einsatzgebiet entlang des Alpen-Nordkammes zwischen Miesbach und Tittmoning Dutzende Gewitterzellen bilden, dann können nur einige dieser Zellen mit Silberjodid beimpft und zum Abregnen gebracht werden, bevor das Wasser zu Eisklumpen wird.

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Der waghalsige Flug in die Gewitterwolken ist für Georg Vogl Alltag. Mit knapp 300 Stundenkilometern fliegt er mit seinem Kleinflugzeug vom Typ Partenavia in die dunklen Gewitterwolken. An den Flügeln seiner zweimotorigen Maschine, von denen jedes Aggregat 310 PS leistet, sind zwei Tanks mit jeweils 20 Litern für Silberjodid. Vogl muss zum richtigen Zeitpunkt seine Munition abwerfen. Wenn der Wetterdienst Alarm schlägt, »impft« Vogl die Gewitterwolken. Er ist einer von fünf Hagelpiloten und Geschäftsführer des Vereins zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung im Raum Rosenheim.

Gewitterwolke wird zum riesigen Kamin

»Eine solche Gewitterwolke muss man sich wie einen riesigen Kamin vorstellen, in dem die warme Luft nach oben rast«, erzählte Vogl einmal in einem Gespräch mit dem Traunsteiner Tagblatt. Da könne man sogar den Motor abstellen und die Maschine wird dennoch mit atemberaubend hoher Geschwindigkeit nach oben gerissen.

Vorrang hat die Bekämpfung im Landkreis Rosenheim. Wenn Zeit ist, dann »bedienen« die Hagelflieger auch die Nachbarlandkreise. Die Hagelabwehr in Rosenheim kostet rund 250 000 Euro im Jahr. Der Landkreis Traunstein bezahlt für Einsätze in seinem Luftraum das eingesetzte Material und die Einsatzstunden. Zahlen für das vergangene Jahr liegen im Landratsamt Traunstein noch nicht vor. 2011 waren die Hagelflieger fast 57 Stunden in der Luft; davon knapp 13 Stunden über dem Landkreis Traunstein. Die Kosten für diese knapp 13 Stunden (562 Euro pro Stunde) und für die 130 Liter Silberjodid (56 Euro pro Liter) betrugen 14 544 Euro.

»Cloud Seeding« nennt sich die Methode, bei der die Flüssigkeit vom Flugzeug aus von unten in die Wolke geschossen wird. An die Silberjodid-Ionen lagern sich die Wassertropfen in der Wolke an, sodass Wassertröpfchen oder kleine Hagelkörner entstehen. Je mehr sich davon bilden, desto kleiner und harmloser sind die Graupelkörner, die auf dem Weg auf die noch warme Erde im Idealfallschmelzen. Zerstörerische Hagelschäden für Mensch und Umwelt können so verhindert oder zumindest vermindert werden, ist Vogl überzeugt, auch wenn es viele Skeptiker gibt. Am besten erkennt man den Erfolg der Hagelflieger, wenn im Gefolge eines Gewitters sehr große Regentropfen auf den Boden prasseln.

Das Einsatzgebiet der Rosenheimer Hagelflieger erstreckt sich über die Landkreise Rosenheim, Miesbach und Traunstein sowie über 13 angrenzende Gemeinden des österreichischen Bezirks Kufstein.

Begonnen hat die Hagelabwehr mit ersten Experimenten schon in den 1930er Jahren. Wissenschaftlich ist die Methode aber noch heute umstritten. Ein Gutachten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) ergab 1993, dass man einen Erfolg wissenschaftlich nicht nachweisen könne. Vor einigen Jahren behauptete der ehemalige ARD-Wetterexperte Jörg Kachelmann, man könne das Geld für die Hagelflieger auch gleich aus dem Flugzeug werfen.

Wissenschaftliche Beweise fehlen

Im Institut für Meteorologie und Klimaforschung des Karlsruher Instituts für Technologie bezeichnet man diese Aussagen jedoch als zu drastisch. »Es gibt Hinweise aus der Wissenschaft, dass das Hagelrisiko bei einer Impfung abnimmt; einen Beweis gibt es aber nicht«, sagt Klaus Dieter Beheng. Diesen könne es aber auch gar nicht geben, weil man dafür zwei identische Wolken miteinander vergleichen müsste – die eine geimpft, die andere nicht.

Obwohl wissenschaftliche Beweise fehlen, setzen Landwirte weltweit auf diese Form der Hagelabwehr. So werden nicht nur in deutschen Wein- und Obstanbau-Regionen wie Baden-Württemberg, sondern auch in Österreich, der Schweiz, Spanien, Frankreich, Kanada, Argentinien, China, Russland und den USA Hagelflieger eingesetzt.

Auf Initiative des Traunsteiner Tagblatts kam in den 1980er Jahren ein Kontakt zwischen den heimischen Hagelfliegern und einer Gruppe von Obst- und Weinbauern rund um Meran in Südtirol zustande. Auch diese Gegend wird nämlich immer wieder von schwerem Hagelschlag heimgesucht. Untersuchungen dort ergaben allerdings, dass der Einsatz von Hagelfliegern nichts bringt, weil die Gewitterwolken viel schneller aufziehen als im Voralpenland und ihr Verlauf nicht annähernd so gut vorausberechnet werden kann wie bei uns. Deshalb setzt man in Südtirol nach wie vor auf Hagelnetze im Erwerbsobstbau.

Auf das zuvor erwähnte DLR-Gutachten von 1993 folgten Unterschriftenaktionen und Proteste des Bauernverbandes sowie von Obst- und Gartenbauvereinen. »Besonders die älteren Bauern in der Region berichten, seit es die Hagelflieger gebe, habe sich die Zahl der schweren Hagelschäden verringert«, sagt Stephan Kürschner von der Geschäftsstelle des Bayerischen Bauernverbandes in Holzkirchen. Die Rosenheimer Hagelabwehr wurde daher fortgesetzt und der Verein zur Erforschung der Wirksamkeit der Hagelbekämpfung gegründet.

Hagel wird nur zerkleinert, nicht vernichtet

Auch Vogl sieht die Kritik gelassen und zweifelt an der Methodik der Studie. Die Forscher hätten nicht die Größe der Körner gemessen, sondern nur, ob in den untersuchten Wolken Hagel zu finden sei. »Dabei behaupten wir gar nicht, Hagel zu vernichten, sondern nur, diesen zu zerkleinern.« Das größte Problem sei ohnehin der Wettlauf gegen die Zeit.

»Der Rückhalt in der Bevölkerung ist nach wie vor groß. Solange das so ist, wird es auch weitergehen mit der Hagelfliegerei«, sagt Pilot Vogl. Er empfindet den Kampf gegen den Hagel auch persönlich als Bereicherung, denn es sei fliegerisch eine anspruchsvolle Herausforderung: »Der Bereich, in dem man sich sicher bewegen kann, ist schmal, aber Motorradfahren ist wesentlich gefährlicher.« -K.O.-