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Gutachterliches Neuland

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Traunstein. Ist das Opfer vor seinem Tod betäubt worden? Das bleibt die zentrale Frage im Totschlagsprozess gegen einen 53-Jährigen aus Neumarkt-St. Veit. Der geständige Mann hatte bereits am ersten Verhandlungstag am Schwurgericht Traunstein eingeräumt, seine 39-jährige Ehefrau am Abend des 6. Juli 2013 in der gemeinsamen Wohnung getötet zu haben – durch Würgen mit den Händen und Drücken seines Knies auf den Hals des Opfers. Wie eine betäubende Substanz in das Blut der 39-Jährigen gelangte, dafür konnte der Chef des Rechtsmedizinischen Instituts an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Professor Matthias Graw, dem Gericht gestern noch kein Ergebnis liefern.


Der zwölffach, aber nicht einschlägig vorbestrafte Angeklagte hatte sich gemäß Geständnis am Tatabend mit seiner Frau im Wohnzimmer über seine Trinkgewohnheiten und um Geld gestritten. Nach dem Tod der 39-Jährigen trug er ihre Leiche in den ersten Stock und verging sich an ihr sexuell. Später verstaute er die Tote in einen Autokofferraum. Seine älteste Tochter fuhr ihn dann am nächsten Morgen mit dem Auto zur Polizeiinspektion Mühldorf – ohne zu wissen, dass sich der Leichnam ihrer Stiefmutter im Kofferraum befindet. Auf der Dienststelle gestand der Angeklagte dann seine Tat.

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Bei der Obduktion der Leiche waren in einer Oberschenkelvene und im Herzblut relativ seltene Substanzen nachgewiesen worden. Ob sie zu Lebzeiten aufgenommen wurden, vermochte der Rechtsmediziner nicht zu sagen. Der Angeklagte hatte in dem Prozess eingeräumt, seiner bereits toten Ehefrau eine narkotisierende Flüssigkeit aus einer seit Jahrzehnten im Haushalt befindlichen Flasche in den Mund eingeflößt zu haben - warum, wisse er nicht.

Zu dem inzwischen kaum mehr erhältlichen Medikament, dessen Wirkstoff Professor Graw für die weitere Untersuchung in der Reinsubstanz benötigt, schilderte der Sachverständige gestern, der Markt für das Mittel sei inzwischen weltweit »quasi versiegt«. Zwischenzeitlich habe das Bayerische Landeskriminalamt Versuche unternommen, aus dem bei der Obduktion entnommenen Blut der Getöteten die Reinsubstanz zu gewinnen.

Der erste Versuch sei negativ verlaufen, der zweite positiv. Der Wissenschaftler will noch eine Gegenkontrolle des Ergebnisses abwarten und seine abschließenden Erkenntnisse bei der Fortsetzung des Prozesses am 28. März vorstellen.

Der gestrige vierte Prozesstag dauerte nicht einmal eine halbe Stunde. Der 53-Jährige, der schon mehrmals über eine Zuckerunverträglichkeit klagte, fühlte sich nach seinen eigenen Worten wieder besser, nachdem er beim letzten Mal offensichtlich einen Schwächeanfall gehabt hatte und dem Geschehen vor Gericht angeblich nicht mehr folgen hatte können. Deshalb musste er damals nicht zurück ins Gefängnis. Das Schwurgericht veranlasste eine Untersuchung in einem Bezirksklinikum. Der Vorsitzende Richter Ernst Fuchs teilte gestern das Ergebnis mit: Der 53-Jährige ist »voll verhandlungsfähig«. kd