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Gutachter bleiben beim Jugendstrafrecht

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Der mutmaßliche Mörder von Bad Reichenhall, wie immer im blauweißen Pullover, bei seiner Vorführung durch Polizeibeamte. (Foto: Kretzmer)

Traunstein – Es bleibt dabei: Zwei Fachleute, Jugendpsychiater Dr. Martin Rieger aus München und Sozialpädagogin Sabine Kreutzer-Mühlthaler, stufen den Angeklagten im so genannten WM-Mordprozess eher als Jugendlichen denn als voll ausgereiften Erwachsenen ein. Eine Nachreife sei möglich. Der Jugendkammer am Landgericht Traunstein als Schwurgericht empfahlen beide am gestrigen 14. Prozesstag die Anwendung von Jugendstrafrecht.


Urteil soll am 10. Juli verkündet werden

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Zu dem gleichen Ergebnis war bereits der psychiatrische Sachverständige Dr. Matthias Hollweg von der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim am siebten Verhandlungstag gelangt. Das Gericht mit Vorsitzendem Richter Dr. Klaus Weidmann wird die Schlussanträge der Staatsanwaltschaft, der Nebenklage und des Verteidigers am Freitag um 9 Uhr entgegennehmen. Das Urteil soll am 10. Juli verkündet werden.

In dem Verfahren geht es um den Mord am 14. Juli 2014 an dem 72-jährigen Rentner und um den versuchten Mord an einer damals 17, inzwischen 18 Jahre alten Frau mitten in der Stadt. Nach dem Fußball-WM-Finale nachts gegen 2.15 Uhr hatte der Angeklagte die Hochstaufen-Kaserne angetrunken verlassen. Eine halbe Stunde später überfiel er laut Anklage den Rentner an der Poststraße und versetzte ihm mindestens 29 Stiche mit seinem Bundeswehrkampfmesser. Der vor allem durch Stiche in den Kopf tödlich verletzte Mann verstarb sofort.

Um 3.12 Uhr wurde die Auszubildende laut Staatsanwaltschaft Zufallsopfer an der Berchtesgadener Straße. Die schwerst am Kopf verletzte Frau konnte sich in ein Haus retten und überlebte. Durch den Angriff mit dem Messer – wie bei dem Rentner offensichtlich gezielt gegen die Augen – erblindete sie auf dem linken Auge. Neben versuchtem Mord ist deshalb auch »besonders schwere Körperverletzung« Gegenstand der Anklage, die Oberstaatsanwalt Volker Ziegler und Staatsanwalt Björn Pfeifer vertreten.

Zahlreiche Indizien, von DNA-Spuren bis zu sich mit dem Mord brüstenden Aussagen gegenüber Kameraden lassen eine Verurteilung des Ex-Soldaten erwarten. Er selbst verlor in dem aufwändigen Prozess mit zahlreichen Zeugen auf Rat seines Verteidigers, Harald Baumgärtl aus Rosenheim, nie ein Wort zu Taten und Motiv. Das erschwerte, die Persönlichkeit einzuschätzen. So waren die Beteiligten auf Sachverständige angewiesen.

Sicherungsverwahrung ist zusätzlich möglich

Dr. Matthias Hollweg von der Justizvollzugsanstalt München-Stadelheim sprach sich als erster für die Anwendung von Jugendstrafrecht aus – vor allem wegen ausgeprägter Reifeverzögerungen des voll schuldfähigen 21-Jährigen. Das würde eine Jugendstrafe von maximal 15 Jahren bedeuten, möglicherweise mit dem Vorbehalt einer an die Haft anschließenden Sicherungsverwahrung.

Die Anwälte der 18-Jährigen verfolgten das Ziel, dass der Ex-Soldat wie ein Erwachsener bestraft wird. In diesem Fall droht dem Angeklagten eine lebenslange Freiheitsstrafe. Im Freistaat Bayern werden »Lebenslängliche« in der Regel nach gut 18 Jahren in die Freiheit entlassen.

Die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe im Berchtesgadener Land, Sozialpädagogin Sabine Kreutzer-Mühlthaler, bestätigte ihre frühere Empfehlung auf Jugendstrafrecht. Der 21-Jährige neige im Beruf zu Selbstüberschätzung, habe ernsthafte Probleme, Fehlentscheidungen zu korrigieren. Von seinen Eltern habe er sich nicht abgelöst. Für sein Fehlverhalten mache er seine Herkunft verantwortlich: »Hätte ich andere Eltern, würde ich nicht hier sitzen«, habe er ihr gegenüber geäußert. Sich selbst sehe er als »starke Persönlichkeit«.

Bei der Bundeswehr habe er erstmals das Gefühl bekommen, familiär eingebunden zu sein. Kreutzer-Mühlthaler betonte, er habe keine Bezugspersonen, keine Freunde: »Kein Zeuge konnte von ihm etwas Persönliches berichten.« Mangelnde Bindungsfähigkeit werde ergänzt durch das Fehlen einer realistischen Lebensplanung. Alles in allem seien »deutliche Reifeverzögerungen« vorhanden. Gewisse Entwicklungsschritte seien möglich: »Das hat der Angeklagte bei der Bundeswehr unter Beweis gestellt.« Eine therapeutische Begleitung in der Haft sei dringend erforderlich.

Kurz vor den Plädoyers im Mai hatten die Opferanwälte ein zusätzliches Gutachten beantragt – von einem Kinder- und Jugendpsychiater. Gestern beleuchtete Dr. Martin Rieger aus München die Kindheit und Jugend mit Gewalt und Leben im Heim ab Anfang 2001. Er stützte seine Erkenntnisse auf zehn Merkmalsbereiche mit »Reifungspunkten«.

Diese habe er angewendet auf das 18. Lebensjahr des Angeklagten und auf die Tatzeit, bei der er 20 Jahre alter Heranwachsender war. In diesen zwei Jahren habe er »mittlere Reifungsfortschritte« gemacht. Die Behandlungsbereitschaft des 21-Jährigen sei in der Untersuchungshaft nicht hoch gewesen. Die Prognose sei trotz der Skepsis hinsichtlich einer Nachreifungsbereitschaft nicht negativ, unterstrich Dr. Martin Rieger.

Der Vorsitzende Richter erkundigte sich ausdrücklich, ob weitere Beweisanträge gewünscht seien. Als sich niemand meldete, schloss er die Beweisaufnahme – nach Mai – zum zweiten Mal. kd