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Großes Interesse am Leben von Flüchtlingen aus Eritrea

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Am Podium erzählten (von links) Filamon, Nikedimus, Mesfen und Fithi aus ihrem Leben, übersetzt von Dolmetscher Berhan M. Ali. Gemeindereferent Martin Riedl moderierte den Gesprächsabend. (Foto: Eder)

Wonneberg – Mit »Flüchtlingen ins Gespräch« kommen – das wollte in St. Leonhard offenbar beinahe der ganze Ort. Bei der von der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) organisierten Veranstaltung in der Grundschule drängten sich über 250 Leute in der Aula, auf den Treppen und sogar auf der Galerie im ersten und zweiten Stock. Vier junge Leute aus Eritrea standen Gemeindereferent Martin Riedl Rede und Antwort und erzählten ein wenig über sich und die Situation in ihrem Land.


Mesfin (35), Filamon (22) und Nikedimus (26) leben zusammen mit anderen Flüchtlingen in einer Wohngemeinschaft in Teisendorf. Als im Laufe des Abends aus dem Publikum die Frage kam, warum keine Frau auf dem Podium war, meldete sich spontan die 16-jährige Fithawit, genannt Fithi, die derzeit in Traunstein lebt.

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Militärdienst ist bei vielen Grund für die Flucht

Wie das Leben in Eritrea so sei, wollte Moderator Riedl wissen. Übersetzer Berhan M. Ali nahm Rücksprache mit den drei Männern und gab dann als Quintessenz weiter, Wasser und Strom gebe es durchaus, da die drei alle in größeren Städten gelebt hatten. Allerdings werde der Strom immer wieder abgeschaltet; denn »die Regierung lebt nur für sich selbst, interessiert sich nicht für das Volk«. Als Grund für die Flucht aus ihrem Land ging Mesfin in erster Linie auf den Militärdienst ein: Als 18-Jähriger werde man eingezogen und komme nie mehr heraus. Mit dem geringen Sold könne man auch keine Familie gründen. Daher sei die Flucht die einzige Möglichkeit.

Details über die Flucht nannten die Eritreer kaum. Sie sei nicht von Anfang an organisiert gewesen, hieß es. Keiner habe gewusst, was ihn dabei erwarte. Man habe nicht einmal die Familie davon in Kenntnis gesetzt. Denn, so erläuterte der Dolmetscher, die Familie müsse für geflohene Kinder eine enorme Geldstrafe entrichten. Wenn man für die Flucht Geld habe, dann könne man die Strecke bis nach Europa in drei bis vier Monaten schaffen, wenn nicht, könne es Jahre dauern. Wie es ihnen auf der Flucht ergangen ist, blieb verborgen. Lediglich Mesfin meinte dazu, kein Horrorfilm könnte so schlimm sein, wie das, was er auf der Flucht gesehen und erlebt habe.

Ausbildung und Arbeit sind die größten Wünsche

Peter Korbacher aus St. Leonhard, dessen Familie schon seit längerer Zeit Flüchtlinge aus Afrika bei sich aufgenommen hat, rief dazu auf, den Ankömmlingen Unterbringung zu gewähren, sie nicht in Ghettos zu stecken; das bringe Probleme und Reibungen mit sich. Wem das möglich sei, der solle eine Form finden, sich für die Flüchtlinge zu engagieren.

Emmerich Pöhm, Rektor der Grundschule, wollte wissen, was der sehnlichste Wunsch der Flüchlinge sei. Fithi freut sich am meisten darüber, dass sie hier Freiheit genießen kann, und wünschte sich, hier ihre Schulbildung fertigmachen zu können. Mesfin will so bald wie möglich eine Arbeit aufnehmen und endlich eigenes Geld verdienen. Nikedimus will vor allem einen Beruf lernen und Filamon ist glücklich, nicht wie sein Bruder auf der Flucht gestorben zu sein. Er will sich hier selber beweisen, einen Beruf erlernen und ein lebenswertes Leben führen.

Kontakt in ihr Heimatland haben sie alle, aber eine Rückkehr können sie sich unter den gegebenen politischen Verhältnissen nicht vorstellen. Mehrfach kam aus den Reihen der Besucher die Frage beziehungsweise die Anregung, ob sie sich nicht besser in ihrem Heimatland für eine bessere Zukunft hätten einsetzen sollen. Dolmetscher Ali, der selbst aus Eritrea kommt, aber schon lange nicht mehr dort lebt, erklärte, was mit all denen passiert, die sich gegen die Regierung stellen oder auch nur Kritik äußern: Sie kommen ins Gefängnis oder verschwinden oft spurlos. »Viele haben es versucht«, so Ali, »dabei ist viel Blut geflossen«.

Die Frage, was ihnen hier in Bayern gar nicht gefalle, wollten die vier zunächst gar nicht beantworten. Dann aber sagten sie, dass es hier schon sehr kalt sei. Über den guten Empfang, der ihnen hier zuteil geworden sei, seien sie sehr glücklich. Dolmetscher Ali brachte es auf den Punkt: Den Flüchtlingen gefalle es hier »hammermäßig gut, ganz super; ganz ohne Schmarrn«.

Aufstehen und aufeinander zugehen

Vor dem Gesprächsabend wurde miteinander ein Gottesdienst gefeiert. In eindrucksvoller Weise – mit passenden Texten, symbolträchtigen Handlungen, farbiger Beleuchtung und der temperamentvollen Musik des Kammerer Chors »TonArt« – wurde die Botschaft vermittelt, die im Eingangslied besungen wurde: »Aufsteh’n, aufeinander zugeh’n und uns nicht entfernen, wenn wir etwas nicht versteh’n«. Die Jugendlichen der KLJB St. Leonhard, die den Gottesdienst vorbereitet hatten, formten aus Ziegelsteinen, die Vorurteile wegen Religion, Kultur, Sprache oder Hautfarbe symbolisierten, eine Mauer. Diese wurde bei den Fürbitten abgebaut und zu einem Kreuz umgestaltet, auf das später Gottesdienstbesucher Kerzen abstellten. Gemeindereferent Riedl formulierte parallel zum Lesungstext von einem Blinden, der Jesus um Hilfe anrief, eine Geschichte aus der Realität in der Gemeinde, wie ein junger Flüchtling ganz vorsichtig Kontakt zur Dorfjugend aufnehmen wollte. he