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»Große« und »kleine« Politik aufs Korn genommen

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Feucht-fröhlich ging's zu beim Starkbierfest in Kammer. Das begann schon beim Anzapfen des ersten Fasses, bei dem Oberbürgermeister Christian Kegel (links) für die nötige Feuchtigkeit sorgte.

Traunstein – Beste Stimmung herrschte beim Starkbierfest in Kammer. Im Mittelpunkt des Abends im vollbesetzten Saal des Gasthauses zur Post stand die Fastenpredigt von Sebastian Schuhbeck, der die »große« und die »kleine« Politik aufs Korn nahm.


Veranstalter waren der Trachtenverein »Eschenwald« Rettenbach sowie die örtliche Krieger- und Soldatenkameradschaft. Für die musikalische Gestaltung sorgten die Kapelle Boarisch Blech und der Alterfinger Zwoagsang mit Alois Drechsler und Hermann Ober.

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Bei einem Maßkrugstemmen konnten die Besucher zeigen, wie viel Irxenschmalz sie im Arm haben. Gewonnen hat Georg Söldner vor Mathias Mayer und Hubert Wimmer.

Sebastian Schuhbeck kritisierte unter anderem die Gepflogenheit in Traunstein, externe Berater für das Entwickeln guter Ideen zu engagieren. Er zitierte, was diese unter anderem im Rahmen des Integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) der Stadt empfohlen haben. Ein flächendeckendes kostenfreies WLAN, so schreiben diese Berater, würde sowohl Einheimischen als auch Touristen zugutekommen und wäre ein interessantes Marketinginstrument. »Ich sehe schon vor mir, wie Touristen aus Norddeutschland überlegen, ob sie auf die Seychellen oder sonst wohin in Urlaub fliegen oder nicht doch lieber nach Traunstein kommen, weil es da kostenloses WLAN gibt«, prognostizierte der Fastenprediger.

Ansiedlung von »Einzelhandelsmagneten«

Die gleichen Planer haben auch vorgeschlagen, den Festplatz bei der Chiemgauhalle für innenstadtnahes Wohnen zu verwenden. Ob sie bei dieser Idee auch ausreichend berücksichtigt haben, dass dann kein Festplatz mehr da ist? Toll fand er auch die Idee der externen Berater, wonach in der Maxstraße, Marienstraße und Ludwigstraße »Einzelhandelsmagnete« angesiedelt werden sollen. Warum, so fragte er, ist das Traunsteiner Stadtmarketing nicht auf diese so naheliegende Idee gekommen? »Da braucht man nur für hundert Euro ein Inserat in einer überregionalen Zeitung aufgeben mit ungefähr folgendem Inhalt: 'Die Stadt Traunstein sucht finanziell potente Einzelhandelsmagnete, weil wir da ein paar Leerstände in der Innenstadt haben. Wir bieten: keine Parkplätze in unmittelbarer Nähe. Wir bieten ferner: Jahrelange Verkehrsbehinderungen, weil nämlich gleichzeitig die Fahrbahnbreiten verringert werden sollen, um den Verkehr zu beruhigen, die Geh- und Radwege zu verbessern und dadurch die Schaufenster aufzuwerten'«, so Schuhbeck. Der Fastenredner wollte wetten, dass man sich schon bald vor lauter Interessenten nicht mehr retten könne.

Schuhbeck nahm weitere abstruse Ideen der externen Berater unter die Lupe, zum Beispiel das vorgeschlagene Biermuseum: »Ich sehe schon vor mir, wie kulturbegeisterte Menschen aus aller Welt ganz glasige Augen bekommen, wenn sie vom Louvre in Paris reden, von der Eremitage in Sankt Petersburg und dem Traunsteiner Biermuseum.« Würde man die 8. Klasse der Mittelschule bei einer Projektwoche mit der Stadtplanung beauftragen, bekomme man ein besseres, realistischeres und preiswerteres Ergebnis, prophezeite Schuhbeck. Angeblich habe jemand auf der Herrentoilette im Rathaus auf dem Handtrocknergerät neben dem roten runden Knopf ein Schild hingepappt, auf dem steht: »Wenn Sie hören wollen, wie die aktuellen Pläne der Stadtentwickler aussehen, dann drücken Sie bitte hier.«

Verbesserungswürdig sei auch die Öffentlichkeitsarbeit hinsichtlich der Preissteigerung von Bauprojekten, wie zum Beispiel der AKG-Turnhalle, deren Kosten sich seit der ersten Schätzung fast verdoppelt haben. Da sollte man sich ein Beispiel an den Münchner Wiesenwirten nehmen. Die sagen, »die Maß wird heuer billiger – und halblaut dazu: also nächstes Jahr.«

Auch die selbsternannten Dorf-Entwicklungshelfer kamen nicht ungeschoren davon. Ihre Idee, in Kammer einen Dorfplatz als Begegnungsstätte mit Bänken zu schaffen, sei überflüssig. Man habe ja zwei solche bereits in Form der beiden Wirtshäuser. Der von dieser Projektgruppe vorgeschlagene Trinkwasserbrunnen für Durchreisende auf dem Platz kommentierte er mit den Worten: »Wir sind doch nicht in der Westsahara.« Die Sehenswürdigkeiten im Ort finde man auch ohne die vorgeschlagene interaktive Touristinfo; so auch die berühmte Freiluftinstallation eines jungen aufstrebenden bayerischen Künstlers mit dem Titel »Siloballen am Leichenhaus«. Sie führe dem Betrachter die Vergänglichkeit des Menschen in einer postmodernen Welt vor Augen.

Damen-Reizwäsche gehört nicht in die Papiertonne

Auch die dritte Startbahn und das Nachtflugverbot nahm Schuhbeck kritisch unter die Lupe – und zwar beim Modellflugplatz in Zweckham. Zu den Anekdoten aus dem Dorf gehörte auch folgende: Beim Leeren der Papiertonnen schauen die Müllmänner erst hinein, ob auch ja kein Hausmüll drin ist. Beim Schützenheim entdeckten sie Damenreizwäsche beim Altpapier, nahmen sie heraus und verteilten es vor dem Haus. Schuhbeck verriet nicht, wem das Missgeschick passiert ist, die Tonnen verwechselt zu haben.

Bundespolitisch durfte der Berliner Flughafen nicht fehlen: »Da haben die Ossis 40 Jahre für Reisefreiheit gekämpft und jetzt kriegen sie den blöden Flughafen nicht fertig, mit dem sie das verwirklichen könnten«, sagte der Fastenprediger. Die Deutsche Umwelthilfe und ihre dubiosen Machenschaften nahm er ebenso unter die Lupe wie die Mängel bei der Bundeswehr, die von der zuständigen Ministerin als »Fähigkeitslücke« verharmlost werde. Schuhbeck schloss mit einem Zitat von Sigi Sommer: »Das helle Bier geht aufs Herz, das dunkle Bier macht dick. Nur das Freibier schadet überhaupt nicht.« -K.O. -