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»Glaubens- und Lebensfreude stärken«

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Der neue evangelische Pfarrer für Übersee, Bergen und Grabenstätt, Rudolf Scheller, und seine Frau Johanna. (Foto: vom Dorp)

Übersee – Mitten in den Umbau- und Umzugsarbeiten traf das Traunsteiner Tagblatt den neuen evangelischen Pfarrer Rudolf Scheller. Trotz des arbeitsreichen Umbruchs in ihrem Leben wirken der Seelsorger und seine Frau Johanna (57 Jahre) gelassen. »So wie es ist, ist es schön«, sagt er und zündet für unser Gespräch erst einmal eine Kerze an.


Nach eigenen Worten hat der neue Pfarrer schon »vier reiche Arbeitswochen« hinter sich. Es gab Gottesdienste für eine Taufe, Konfirmation und Hochzeit sowie das Kennenlernen von Kollegen, dem Pfarramt, der katholischen Brudergemeinde in Übersee sowie der Schule und dem Bürgermeister. »Meine Erwartungen und Wünsche hinsichtlich der Offenheit der Menschen hier hat sich bestätigt«, sagt Scheller. Alle seien sehr nett, freundlich und hilfsbereit.

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Mit 15 Jahren stand der Berufswunsch fest

Der gebürtige Nürnberger hat einen ereignisreichen Lebensweg bis nach Übersee zurückgelegt. Aufgewachsen in einem Elternhaus »mit nur traditioneller Frömmigkeit«, stand bereits für den 15-Jährigen nach der Realschule sein Berufswunsch als evangelischer Seelsorger »ohne Zweifel und Bedenken« fest. Durch seine Konfirmandenzeit und die Zugehörigkeit zu kirchlichen Jugendgruppen habe er eine starke Prägung erfahren, erklärt Scheller seine Motivation.

Nach einem freiwilligen sozialen Jahr bei einer christlichen Bruderschaft schlug er den zweiten Bildungsweg zum Theologiestudium auf dem Missions- und Diasporaseminar, gekoppelt mit der Hochschule in Neuendettelsau ein. Dort lernte er die Religionspädagogin Johanna, seine spätere Frau kennen.

Nach dem Hochschulabschluss und einem einjährigen Aufenthalt in den USA folgten die ersten praktischen Schritte als Vikar in Ruhpolding, Reit im Winkl, Inzell und Siegsdorf, verbunden mit einem Predigerseminar in München. Als einziger von damals 80 Vikaren meldete er sich danach bei der heutigen »Mission eine Welt« zum Auslandsdienst nach Tansania. Dort blieb die Familie mit inzwischen vier Kindern – heute sind sie alle erwachsenen – zehn Jahre lang.

Das Leben in Afrika, Seite an Seite mit Katholiken und Muslimen war vielfältig. Scheller war als Jugend- und Studentenpfarrer für rund 70 höhere Schulen rund um den Kilimandscharo zuständig. »Diese Zeit hat mir eine tiefe Wertschätzung für jeden Menschen vermittelt, egal, wie anders er glaubt, hofft, lebt und wie arm oder reich er ist«, sagt der Seelsorger. Auch seine Frau Johanna stuft diese Zeit in Tansania als »große Bereicherung« ein.

Vor allem um ihren Kindern deren eigentliche Heimat Deutschland nahe zu bringen, ging es 1997 zurück nach Deutschland, wo Scheller in Obermichelbach im Dekanat Fürth als damals fast 38-Jähriger seine erste eigene Pfarrstelle übernahm. Nach »einer guten Zeit von 18 Jahren und vielen Freundschaften«, so der Geistliche, wurde die Frage nach einem nochmaligen Wechsel vor seinem Ruhestand immer drängender.

Schließlich »stolperte« er über die Anzeige für eine freie Stelle in der Pfarrgemeinde Übersee, die als »selbstständig und mit vielen mittragenden Menschen« beschrieben wurde. Das habe ihn angesprochen. Seine Frau sah es pragmatischer: »Wie lieben diese Gegend, die wir jedes Jahr mindestens für drei bis vier Tage besucht haben.« Ob und wie sie selbst sich hier beruflich engagieren möchte, sei für sie noch nicht klar.

»Ich habe mir zunächst ein Jahr zum Schauen, Wahrnehmen und Kennenlernen eingeräumt, und dann sehen wir weiter.« Grundsätzlich sei für ihn aber das gottesdienstliche Leben in einer seelsorglichen Atmosphäre mit Herz und Verstand und auch Platz für Gefühle und Ängste der wichtigste Schwerpunkt. »Vor allem möchte ich die Glaubens- und Lebensfreude in der Pfarrgemeinde stärken.« Nach den Erfahrungen in seiner letzten Pfarrstelle könnten auch »Glaubenskurse« zu bestimmten Themen ein weiterer Schwerpunkt sein. Das müsse aber vom Kirchenvorstand und den Gemeindemitgliedern mitgetragen werden.

Lieber Arbeit mit Menschen als in der Verwaltung

Zu seinen Schwächen befragt, antwortet zunächst Johanna Scheller. Er könne nach Trauerfällen und Beerdigungen in der Pfarrgemeinde lange nicht »abschalten«. Er selbst sieht eine Schwäche eher in seiner Abneigung für Verwaltungsarbeiten: »Ich hab's lieber mit den Menschen. Ich liebe es, auf sie zuzugehen und bin dabei ehrlich, gelassen und offen für Konflikte unterwegs.«

Zurzeit ist beim Pfarrerspaar zwar noch nicht an Freizeit zu denken. Wenn sie aber doch unverhofft einen freien Tag hätten, was würden sie tun? Die Antworten kamen überraschen schnell. »Die Gegend per Radl oder Auto erkunden«, sagt sie. Und er meint: »Ich würde gern Fußballspielen oder ins Stadion oder zu einem Rockkonzert gehen.« bvd