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»Gerda hat mir derbarmt«

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Traunstein – Ein 66-jähriger Rentner wollte sich unbedingt um seine ihm vor etwa zehn Jahren kirchlich angetraute »Ehefrau« Gerda (Name von der Redaktion geändert, Anm. d. Red.) kümmern. Als sie im April 2014 erkrankte, lebte sie einige Zeit bei ihm, ehe sie in ein Heim und letztlich zu ihrer 44-jährigen Tochter nach Traunstein zog. Das wollte der Rentner nicht akzeptieren. Wegen dreier Vorfälle im Anwesen der Tochter ordnete die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein mit Dr. Johannes Kammergruber als Vorsitzendem Richter gestern die Unterbringung des psychisch kranken Mannes in einer psychiatrischen Einrichtung an.


2006 hatte der frühere Kraftfahrer die etwas ältere Frau aus dem gleichen Ort näher kennengelernt. Das Paar heiratete in einer Kirche in Österreich, allerdings nie vor einem deutschen Standesamt. Seine Frau wurde 2014 krank. Er kümmerte sich nach seiner Darstellung hingebungsvoll um sie. Als eine Betreuung im Raum stand, meldete der »Ehemann« Interesse an. Die Familie der Frau war dagegen. Der teilgeständige Beschuldigte beteuerte gestern: »Gerda hat mir derbarmt. Ich hab' sie wirklich gern mögen. Ich muss sie vergessen. Sonst kann ich nicht neu anfangen.«

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Die von Staatsanwalt Dr. Rainer Vietze als versuchte vorsätzliche sowie versuchte gefährliche Körperverletzung, mehrfacher Hausfriedensbruch, Beleidigung, versuchte Nötigung und Diebstahl angeklagten, drei Tatkomplexe ereigneten sich zwischen Mitte April und Mitte Juli 2016 auf dem Anwesen in Traunstein. Die 44-jährige Tochter bestätigte alle Vorwürfe im Zeugenstand. Sie begründete die ablehnende Haltung gegenüber Besuchen des 66-Jährigen: »Er geht auf einmal auf einen los. Er verliert die Nerven – von einer Minute auf die andere. Man weiß nie, was passiert.« Der 66-Jährige habe Anspruch auf ein Haus ihrer Mutter erhoben. Außerdem habe er 40 000 Euro gefordert – wofür, wisse sie nicht.

25-Jährige wurde attackiert und beschimpft

Vor ihrer Garage habe der Beschuldigte am 12. April 2016 einige Blumentöpfe beschädigt, schilderte die 44-Jährige. Ihre Tochter sei herbeigeeilt und habe ihn zur Rede gestellt. Da sei der 66-Jährige mit einem Jaucheschöpfer auf die 25-Jährige losgegangen. Ein Bekannter habe damals Schlimmeres verhindert. Sie selbst sei mit »Du Drecksau« beschimpft worden, so die Zeugin. Sechs Tage später tauchte der 66-Jährige wieder in Traunstein auf. Aufforderungen, das Grundstück zu verlassen, ignorierte der ungebetene Besucher. Ein Bekannter der 44-Jährigen wollte helfen und erntete die Bemerkung: »Schleich dich, sonst erschieß ich dich.«

Der schlimmste Zwischenfall passierte am 18. Juli 2016. Der 66-Jährige ging durch die nicht verschlossene Haustür zu der auf einer Couch schlafenden 44-Jährigen und rief: »Jetzt hab' ich dich, jetzt hab' ich dich.« Der dreimaligen Aufforderung, zu gehen, folgte der Rentner nicht. Stattdessen packte er die Frau an Oberarm und Hals und drohte: »Ich bring dich um.« Die Zeugin konnte den Angreifer zunächst wegschubsen und in die Küche fliehen. Der 66-Jährige lief hinterher, griff die 44-Jährige wieder am Hals und würgte sie. Die Geschädigte erinnerte sich gestern: »Ich hab' mich ganz schrecklich gewehrt, hab' ihn weggetreten und bin raus gelaufen. Ich muss ehrlich sagen, ich hatte Todesangst.«

Bei der Nachbarin brachte sie sich damals in Sicherheit. Vor dem Weggehen entwendete der mit einer echt wirkenden Kapselpistole ausgerüstete Beschuldigte noch die Geldbörse der 44-Jährigen samt Papieren und rund 260 Euro Bargeld. Außerdem stahl er die Nummernschilder ihres Autos.

Ärzte attestierten der 44-Jährigen später Würgemale am Hals, Blutergüsse und erhebliche Schmerzen. Sie berichtete gestern von Schlafstörungen, Albträumen und Ängsten. Ein ganzes Jahr lang habe sie ständig befürchtet, der Mann kehre zurück. Ihre Kinder hätten ebenfalls lange in großer Angst gelebt. Ihre 25-jährige Tochter brach gestern ob der vielen Bedrohungen in der Vergangenheit, häufig »mit Erschießen«, in Tränen aus. Ihrem Bruder geht es offensichtlich nicht viel besser.

Gutachter attestierte wahnhafte Störung

Der psychiatrische Sachverständige, Dr. Stefan Gerl vom Bezirksklinikum in Gabersee, informierte über eine wahnhafte Störung des Beschuldigten. Die »Ehe« des 66-Jährigen spiele eine wichtige Rolle: »Er glaubt, dass er verheiratet ist und am Vermögen seiner Frau partizipiert.« Die Wiederholungsgefahr für weitere Straftaten sei hoch. Die Voraussetzungen für Unterbringung seien erfüllt.

Staatsanwalt Dr. Rainer Vietze beantragte, die Unterbringung anzuordnen – auch wegen der massiven Beeinträchtigungen für die Familie, seiner Gefährlichkeit für das Umfeld wie die Allgemeinheit. Nebenklagevertreter Christian Fleischmann aus Traunstein schloss sich an und hob »die einschneidenden Erlebnisse für die Familie« hervor. Der 66-Jährige lebe in einer eigenen Welt mit eigenen Gesetzen.

Entscheidend sei die Frage der Unterbringung, betonte Verteidiger Wolfgang Gschwendner aus Traunstein im Plädoyer: »Zum Glück ist nicht viel passiert.« Dank Medikamenten sei der Beschuldigte jetzt »viel vernünftiger«. Bewährung unter Auflagen wie einem Kontaktverbot sei angebracht.

In Vertretung des erkrankten Vorsitzenden Richters Erich Fuchs unterstrich Dr. Johannes Kammergruber im Urteil, der 66-Jährige sei nach der Trennung von seiner »Frau« mit zunehmender Aggression gegen die Tochter vorgegangen. Die 44-Jährige pflege die Mutter. Einen geordneten Umgang mit dem Beschuldigten zu finden, sei nicht möglich. Ihn von künftigen Besuchen abzuhalten, sei schwierig. Für die verwirklichten Delikte könne der Beschuldigte nicht bestraft werden. »Bewährung« habe die Kammer eingehend geprüft, aber noch keine Möglichkeit dafür gesehen. Dafür bedürfe es weiterer Schritte seitens des 66-Jährigen. kd