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Gemeinschaft von behinderten und »nichtbehinderten« Menschen

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Der Geburtstagskuchen zum 40-Jahr-Jubiläum der Kontaktgruppe für Körperbehinderte und ihre Freunde wurde von Hedwig Fölsl (rechts), Gründungsmitglied des Freundeskreises, und Kuchenspenderin Gabriele Pauli, Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds Chieming, angeschnitten und verteilt. (Foto: Volk)

Chieming – Ein selbstbestimmtes Leben, Gleichberechtigung, Inklusion, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, uneingeschränkte Mobilität – vor 40 Jahren waren Menschen mit Behinderung davon weit entfernt. Auch die Einstellung der Gesellschaft zu Behinderten war anders, als dies heute weitgehend selbstverständlich ist. In dieser Zeit, am 24. April 1976, gründete sich im Caritas-Zentrum Traunstein die »Kontaktgruppe für Körperbehinderte und ihre Freunde im Landkreis Traunstein«. Das 40-jährige Bestehen des Freundeskreises von Menschen mit Behinderung und »Nichtbehinderten« wurde jetzt mit einem Gottesdienst in der Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt in Chieming und einer anschließenden Jubiläumsfeier im Pfarrsaal gefeiert.


Klaus Benedikt, ehemaliger Geschäftsführer des Caritas-Zentrums Traunstein und Mitglied im Organisationsteam der Kontaktgruppe, blickte auf die Anfänge zurück. In den 1970er Jahren herrschte in der Gesellschaft die Einstellung, dass Behinderung zwar ein schlimmes Schicksal sei, doch damit müssten Behinderte eben leben und sich einschränken. Vieles beruhte auf Unwissenheit, zu wenig Achtsamkeit oder mangelnder Kenntnis der sozialrechtlichen Grundlagen. Menschen mit Behinderung kannten sich zwar untereinander durch Schule, Ausbildung oder Orthopädische Klinik, konnten sich aber untereinander nicht treffen oder Freundschaften pflegen, weil es an der notwendigen Mobilität mangelte.

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»Es war an der Zeit sich zu einem Freundeskreis von Behinderten und Gesunden zusammenzuschließen, mit dem Ziel einander Hilfestellung zu geben«, betonte Benedikt. Und so wurde im April 1976 die Gruppe gegründet, gab sich das Motto und den Leitspruch »Gemeinsam geht es besser«, der heute noch seine uneingeschränkte Gültigkeit hat.

Zu den Treffen der Kontaktgruppe wurde in den ersten Jahren mit Privat-Autos gefahren und die Pfarrei Nußdorf stellte ihren Kindergartenbus zur Verfügung; mit ihm war es möglich, auch erste gemeinsame Ausflüge zu unternehmen. Eine große Zahl Ehrenamtlicher engagierte sich im Freundeskreis und der Malteser Hilfsdienst wirkte aktiv mit. Die ersten Jahre waren geprägt von rechtlicher Information und Aufklärung sowie Hilfen beim Behördengang, viele Freundschaften entstanden, regelmäßige Treffen wurden organisiert, Ausflüge durchgeführt und die ersten einwöchigen Urlaubsreisen von Behinderten und Nichtbehinderten fanden statt.

Kein Verein, sondern offene Selbsthilfegemeinschaft

Viel zum Positiven änderte sich 1981 durch das, von den Vereinten Nationen ausgerufene, Internationale Jahr der Behinderten. »Das war ein enormer Motivationsschub für die Gruppe«, betonte Benedikt. Es entstanden Fahrdienste für Behinderte, die im Landkreis Traunstein von den Maltesern geleistet wurden und für Rollstuhlfahrer und außergewöhnlich Gehbehinderten große Mobilität bedeuteten. Die Gruppe konnte dadurch nicht nur zu einer aktiven Gemeinschaft werden, auch die Persönlichkeitsentwicklung jedes Einzelnen zu selbstbestimmtem Leben sei enorm gefördert worden. In den »Hochzeiten« habe die Gruppe, die nie ein Verein, sondern seit Gründung ein Freundeskreis und eine offene Selbsthilfegemeinschaft ist, mehr als 100 Mitglieder gehabt.

Es sei nicht möglich alle Aktivitäten der letzten 40 Jahre aufzuzählen, zu viele seien es gewesen, so Benedikt. Dennoch erinnerte er an die Monatstreffen, die immer am letzten Samstag im Monat in einem Pfarrheim im Landkreis stattfinden, an Urlaubsfahrten nach Südtirol, in den Schwarzwald und Bayerischen Wald, an Theater- und Konzertbesuche, viele Tagesausflüge und die Teilnahme an den Caritas-Sonnenzügen für Menschen mit Behinderung, die es aber nicht mehr gibt, was Benedikt bedauerte. Die Kontaktgruppe zeichne sich aber auch durch viele spirituelle Angebote aus, wie Krankengottesdienste, Wallfahrten, Besinnungstage und die Teilnahme an Katholikentagen. Insgesamt sprach Benedikt von rund 1700 Aktivitäten, die die Kontaktgruppe für Körperbehinderte und ihre Freunde in den 40 Jahren ihres Bestehens anbot und durchführte. Besonderen Dank zollte Benedikt allen Sponsoren und Förderern, insbesondere der Aktionsgemeinschaft für behinderte Menschen (AfbM) und Rosemarie Kotter.

Viel Erfreuliches initiiert und zum Positiven hin entwickelt

Zum runden Geburtstag gratulierte auch Max Rauecker, der Kreisbeauftragte der Malteser. Die vier Jahrzehnte des Bestehens der Gruppe von Behinderten und Nichtbehinderten seien geprägt von gemeinschaftlichen Unternehmungen, Erlebnissen, unzähligen Gesprächen und Begegnungen und Freundschaften. Die Malteser trugen mit ihren Fahrdiensten zu Mobilität und Teilhabe am gemeinschaftlichen, gesellschaftlichen Leben bei und durchbrachen so Isolation und Einsamkeit. Viel Erfreuliches zur Gleichstellung und Inklusion von Menschen mit Behinderung sei durch die Kontaktgruppe initiiert und zum Positiven hin entwickelt worden.

Barrierefreiheit bleibt wichtiges Thema

Das Thema Barrierefreiheit sei jedoch nach wie vor aktuell und werde es noch lange bleiben, betonte Rauecker. Die Kontaktgruppe sehe weiterhin als ihre Aufgabe dabei mitzuhelfen, dass physische Stufen und Hindernisse abgeschafft werden. »Barrieren mussten und müssen in den Köpfen abgebaut werden, damit Gleichstellung von Behinderten und Nichtbehinderten zur Selbstverständlichkeit wird«, so Rauecker. Außenstehende meinen meist, dass ein Helfer der Gebende und der Behinderte oder Rollstuhlfahrer der Nehmende sei. Ganz sicher gelte dies auch umgekehrt und Rauecker dankte für das gegenseitige Vertrauen und die gegenseitige Bereicherung. Der Malteser-Kreisbeauftragte forderte dazu auf, weiterhin gemeinsam mit Mut und Kraft an der Beseitigung von Barrieren, den sichtbaren, wie den unsichtbaren, zu arbeiten und kritisch für die berechtigten Belange von Menschen mit Behinderung einzutreten.

»Die Malteser werden auch in Zukunft ein verlässlicher Partner der Behinderten-Kontaktgruppe sein«, versicherte Rauecker. Er überreichte Rosen an Hedwig Fölsl, Resi Ebner und Maria Rieder, drei Gründungsmitgliedern des Freundeskreises, als Zeichen der Anerkennung und des Respekts für deren langjähriges Wirken in der Kontaktgruppe. Blumen gab es von Rauecker auch für Gabriele Pauli, Vorsitzende des Katholischen Frauenbunds Chieming, auf dessen Einladung sich die Kontaktgruppe schon häufig im Pfarrsaal treffen konnte und die auch die Jubiläumsfeier mit ausrichtete.

Für das leibliche Wohl der Jubiläumsgäste sorgte die Küchengruppe der Malteser. Zur Unterhaltung spielte die »Schnupfer-Musi«. Den vorangegangenen feierlichen Gottesdienst zelebrierte Pater Liviu Romila, unterstützt vom Singkreis St. Oswald Traunstein und der Malteser Jugend. pv

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