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Geladene Waffen in einem Buch und unter der Spüle

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Eine der Waffen war in einem ausgeschnittenen Buch versteckt.

Der 12. Dezember 2012 war für einen 49 Jahre alten Mann aus Waging ein schlechter Tag. Erst geriet er am Nachmittag in eine Polizeikontrolle auf der Autobahn am Irschenberg. Wegen der in seinem Pkw gefundenen 2,5 Gramm Marihuana wurde er den Führerschein los und bekam die Durchsuchung seiner Wohnung in Waging an den Hals. Dort entdeckten die Beamten zwar keine weiteren Drogen.


Doch offenbarte der 49-Jährige den Besitz von Waffen und 765 Schuss passender Munition. Es handelte sich um zwei halbautomatische Kurzwaffen und einen Revolver, versteckt im Sicherungskasten, unter die Küchenspüle geklebt und in einem ausgehöhlten Buch. Außerdem stießen die Beamten auf ein verbotenes Nazi-Zeichen. Am Donnerstag räumte der Mann vor dem Schöffengericht Traunstein mit Richter Wolfgang Ott alles ein. Die Strafe – 15 Monate, ausgesetzt auf zwei Jahre zur Bewährung – wurde mit Zustimmung von Staatsanwalt Thilo Schmidt sofort rechtskräftig.

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Der Angeklagte, ein IT-Fachmann mit einem IQ von 130, gab an, die Dinge beim Ausräumen eines Zimmers Monate nach dem Tod eines Untermieters in einer früheren Wohngemeinschaft in Übersee entdeckt zu haben. Im gleichen Haus habe der Waffenbesitzer ein Büro gehabt. Der Mann sei sehr plötzlich verstorben. Man habe dessen Raum zunächst unberührt gelassen. Nach einem Wasserschaden vor zweieinhalb Jahren sei das Haus unbewohnbar geworden. Daraus habe sich ein Rechtsstreit mit dem Vermieter entwickelt. Im November 2011 habe er begonnen, das Büro, darin »ein halber Container voller Ordner«, zu räumen, fuhr der 49-Jährige fort. Dabei seien die Waffen aufgetaucht, verborgen zum Beispiel in einer Kiste mit Weihnachtssachen.

Angeklagter sah sich zu Unrecht eingewiesen

Warum er Waffen und Munition nicht einfach bei der Polizei gemeldet und abgegeben habe, wollte das Gericht wissen. Der Angeklagte begründete sein Tun mit schlechter Erfahrung mit der Polizei, die ihn 2010 »in der Zwangsjacke« in ein Bezirksklinikum gebracht habe. Er sei auf Betreiben eines Verwandten von einem Privatgutachter wegen angeblicher Schizophrenie und Wahnvorstellungen zivilrechtlich in Unterbringung eingewiesen und widerrechtlich zwölf Monate eingesperrt worden. Seine Probleme seien jedoch nicht psychischer Art, sondern durch eine Herzerkrankung bedingt gewesen.

Der 49-Jährige berichtete, damals habe auch aus anderen Gründen Chaos in der Familie geherrscht: »Es war das Worst-Case-Szenario eingetreten.« Aufgrund dieser Erlebnisse habe er »panische Angst« vor der Psychiatrie gehabt und befürchtet, wegen der Waffensache auf unbestimmte Zeit dort bleiben zu müssen. Deshalb habe er die Waffen zunächst im Keller in der Weihnachtskiste aufbewahrt und sie später in seiner Wohnung in Waging verborgen – unter Zuhilfenahme eines Buches aus dem Internet für die Art der Verstecke. Letztlich habe er auf die nächste Amnestie durch den Staat warten wollen, um dann alles straflos abgeben zu können.

Der Staatsanwalt wollte wissen, warum die Waffen immer noch geladen waren. Der IT-Fachmann erwiderte, dies sei nicht zu sehen gewesen. Die Munition hätte er aber wohl entfernen können, gab er zu. Er habe zwei Jahre bei einer Artillerieabteilung der Bundeswehr im Berchtesgadener Land gedient.

Bei der Anhörung des Angeklagten zu den Umständen, wie er in die Psychiatrie kam, merkte der Richter an: »Wenn man Sie so reden hört, wird man an einen anderen Fall erinnert, der derzeit durch die Medien geistert. Wenn das stimmt, was Sie sagen, dann ist das ungeheuerlich.« Ein psychiatrischer Gutachter in der Justizvollzugsanstalt München hatte die früheren Diagnosen in den zwei Arztbriefen und in dem Gutachten zur zivilrechtlichen Unterbringung wegen Alkohols, Drogen sowie wegen psychischer Probleme überprüft.

Gutachten möglicherweise nicht zutreffend

Das am Donnerstag verlesene Ergebnis: Die Gutachten sind möglicherweise nicht zutreffend. Der Sachverständige dazu: »Die einzelnen Symptome sind nicht belegt oder nicht nachzuvollziehen.« Die Verdachtsdiagnosen müssten deshalb aber nicht falsch sein. Unter dem Strich sah der Sachverständige bei dem Waginger »keine Hinweise« auf psychische Probleme von Krankheitswert. Die Voraussetzungen für eine Unterbringung sowohl in der Psychiatrie als auch in einer Entzugseinrichtung seien zu verneinen, schloss der Gefängnispsychiater in seinen Ausführungen.

Der Staatsanwalt berücksichtigte diese Aspekte: »Der Angeklagte hat subjektiv Unrecht empfunden. Sein Misstrauen gegen Polizei und Psychiatrie ist nachvollziehbar.« Andererseits handelte es sich um mehrere, zudem geladene Waffen und eine Riesenmenge Munition. Der 49-Jährige sei auch an Waffen ausgebildet gewesen. Eine Gesamtfreiheitsstrafe von 16 Monaten, auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt, sei angemessen.

Verständlich fand der Verteidiger, Michael Vogel aus Traunstein die Scheu seines Mandanten, mit drei Waffen zur Polizei zu gehen. In der Wohnung in Waging seien die Waffen »nicht greifbar« gewesen: »Den Sicherungskasten hätte man erst abschrauben müssen.«

Im Urteil wertete Richter Wolfgang Ott das Geständnis und die Kooperation des Angeklagten positiv: »Ein Rauschgifthund hätte die Waffen vermutlich nicht gefunden.« Der Sachverständige habe den Vorgutachtern »kein gutes Zeugnis ausgestellt«: »Man kann verstehen, dass der Angeklagte die Befürchtung hatte, es werde wiederum Unrecht geschehen.« Andererseits hätte jemand die Waffen finden können: »Sie waren eine potenzielle Gefahr, um damit ein Unglück anzurichten.« kd