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Gegen das Vergessen

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Ein von Alzheimer betroffenes Gehirn ist deutlich von einem gesunden zu unterscheiden, wie die Alzheimer-Gesellschaft Berchtesgadener Land und Traunstein im Internet zeigt. (Foto: Pfeiffer)

Ob Rudi Assauer, Ronald Reagan oder Margaret Thatcher – das Vergessen kommt schleichend, die Orientierung lässt nach. Schließlich erkennt der Betroffene den eigenen Partner, die eigenen Kinder irgendwann nicht mehr. Roswitha Moderegger, Vorsitzende der Alzheimer-Gesellschaft Berchtesgadener Land und Traunstein, sagt, es sei gut, dass Prominente sich zu ihrer Krankheit bekennen. Anlässlich des Welt-Alzheimer-Tages am 21. September sieht sie aber noch viel Aufklärungsbedarf. Denn noch immer wissen wenige über die Krankheit Bescheid.


Roswitha Moderegger war zwölf Jahre alt, als ihre Großmutter merkwürdiges tat. »Sie spielte immer mit einer Puppe und konnte sich nicht mehr richtig anziehen.« Diese Zeit habe sie sehr geprägt, erzählt sie. »Und ich habe mich dafür geschämt.« Ein Krankheitsbild dafür gab es damals noch nicht. Moderegger hat das Thema aber zeitlebens nicht mehr losgelassen. Sie wurde in der Selbsthilfe aktiv. Heute ist sie in der Aufklärung über die Krankheit stark engagiert, hält Vorträge und schult Mitarbeiter, auch jetzt im Ruhestand.

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Die Zahl der Betroffenen steigt

1,6 Millionen Demenzkranke gibt es in Deutschland – etwa 3500 im Landkreis Traunstein, über 2000 im Berchtesgadener Land, Tendenz steigend. Bis 2050 sollen es etwa drei Millionen sein, bei denen sukzessive Hirnfunktionen nachlassen; bei denen der Alltag verschwimmt, die Vergangenheit verschwindet. Da müsse man sich überlegen, so Moderegger, wie man gesellschaftlich weiter verfahre. Denn Demente brauchen Hilfe, im Verlauf der Krankheit wächst der Bedarf deutlich.

»Für Angehörige kann das ein anstrengender Prozess sein«, sagt sie. Der Mensch, den man vorher noch kannte, verändert sich. Ein erstes Symptom, das der Betroffene selbst spürt, sei häufig die fehlende Orientierungslosigkeit. »Die eigene Toilette im Haus nicht mehr zu finden, ist ein Anzeichen«, weiß Moderegger. Viele Menschen wollen sich erste Krankheitszeichen nicht eingestehen, der Prozess ist schleichend. Viele reagierten aggressiv: »Denn sie merken, dass sie ihr Gedächtnis im Stich lässt.« Dabei wäre es so wichtig, frühzeitig die Diagnose abzuklären. »Im ländlichen Bereich ist der Umgang mit der Krankheit schwieriger als in der Stadt. Dort herrscht weitest gehende Anonymität.«

Denn die Gesellschaft wird zunehmend älter. Die Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, wächst. Die Krankheit beginnt dabei bereits etwa 15 bis 20 Jahre, bevor die ersten Symptome auftauchen. Ist Demenz diagnostiziert, meist zwischen dem 60. und 70. Lebensjahr, ist die Krankheit bereits unheilbar. Abgestorbene Nervenzellen bleiben verloren, das Gehirn schrumpft. Wirksame Medikamente gebe es keine. »Man kann nur die Symptome behandeln«, weiß Moderegger.

Angehörige kämen mit der Situation häufig schlecht zurecht: »Am Anfang ist noch das meiste weitestgehend normal, später wird der Patient immer vergesslicher, möchte das Gleiche immerzu.« Dem Außenstehenden platzt der Kragen. »Wichtig ist, das Verhalten interpretieren zu können«, sagt Moderegger. Denn kein Wort aus dem Mund eines Demenzkranken sei unnütz. Jede unnötige Aufregung, jede plötzliche Stresssituation sei schlecht für die Krankheitsentwicklung. »Eine liebevolle Begleitung ist bei Demenzpatienten unglaublich wichtig«.

Geschichten kennt Roswitha Moderegger viele. Sie verdeutlichen die Hilflosigkeit der Betroffenen: Moderegger betreute eine ältere, demente Dame, die noch mit ihrem Mann zusammenwohnte. Immer, wenn Moderegger nach einem Kaffee bat, setzte ihr die Dame einen Tee auf. »Sie hatte es schlichtweg vergessen.« Nach mehrmaligen Besuchen war die Kaffeemaschine weg. Die Frau hatte sie im Badschrank versteckt. »Sie hatte eine Verbindung zu mir hergestellt und wollte so die Situation, das Kaffeekochen, umgehen.«

Vor allem die Personenorientierung und die Orientierung hin zu einer Situation bleiben am längsten erhalten. Ein Patient weiß also selbst, wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist, wer er ist, wie er heißt. Anders ist es mit dem Partner. Zehn bis zwölf Jahre dauert der Verlauf von Demenz. Der Mensch verliert seine Handlungsfähigkeit, verkennt Situationen, begegnet Wahrnehmungsstörungen. Ein Ziffernblatt mit Zahlen zu versehen, sei dann nicht mehr möglich. . Sommer oder Winter? Auch auf diese Frage wissen Patienten keine oder nur noch mit Mühe Antwort.

Bei Rudi Assauer ist es ebenfalls schon so weit, wie vor kurzem in einer ZDF-Reportage gezeigt wurde. »Auch eine Zahnbürste kann dann schon mal zum Kamm werden«, sagt Moderegger. Bei schweren Verläufen verlieren Gegenstände ihre Bedeutung: »Man muss es dem Patienten vormachen, dann begreift er wieder, dass man den Löffel zum Mund führen muss.« Handlungsabläufe anzuleiten sei das A und O.

»Eine amerikanische Studie behauptet, die Menschen verhungerten«, sagt Roswitha Moderegger auf die Frage nach der häufigsten Todesursache. Schluckstörungen plagen sie, sie verweigern das Essen. Häufig sei es dann eine Lungenentzündung oder eine ganz gewöhnliche Grippe, die zum Tode führten.

Demenz möglichst früh erkennen und handeln

Die Demenz zu erkennen – das sei Herausforderung genug. »Medizinisch muss da viel mehr passieren«, weiß Moderegger. Vor allem müsse man es sich eingestehen, wenn es nicht mehr so geht, wie man das gerne hätte – so wie der Mann, der am Ende nur noch Autofahren konnte, wenn seine Frau ihn anleitete: »Der Frau fiel auf, dass eigentlich nur noch sie die Anweisungen gab, Blinker rechts, wir müssen nach links, Vorsicht, es kommt einer entgegen«.

Weitere Informationen über Angehörigentreffen, das »Forum Demenz«-Treffen und die geplante Gruppengründung in Grassau gibt es bei Roswitha Moderegger unter Telefon 08652/97 80 42. kp