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»Gefährlich für die Allgemeinheit«

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Traunstein – Ein 25-jähriger Bewohner eines Heims für psychisch kranke Erwachsene ärgerte sich, weil er nicht nach Hause und auch nicht seinen Vater anrufen durfte. Unter seinem Frust hatte ein 56-jähriger anderer Insasse zu leiden: Er bekam einen Stuhl auf den Kopf geschlagen. Jetzt ordnete die Sechste Strafkammer am Landgericht Traunstein die Unterbringung des Beschuldigten in einer psychiatrischen Klinik an. Für Aussetzung zur Bewährung sei es noch zu früh, gebe es doch aktuell keinen Platz in einer beschützenden Einrichtung, hieß es seitens des Gerichts.


Der Vorfall ereignete sich am Abend des 30. Januar in der Pflegeeinrichtung. In einem wahnhaften Schub warf der 25-Jährige dem 56-Jährigen den ersten Stuhl ohne nachvollziehbares Motiv vor die Füße. Einen zweiten Stuhl zog er ihm über den Schädel. Das Opfer berichtete: »Ich hatte Schmerzen. Ich musste vier Tage ins Klinikum Traunstein. Die Ärzte haben nichts gefunden außer einer Beule. Ich hatte einen ganzen Monat Schädelbrummen.« Nach Eintreffen der Polizei redete der Täter damals wirres Zeug und drohte mehreren Personen mit »Umbringen«, wie ein Beamter schilderte.

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Er flippte immer wieder aus

Der bei den Eltern aufgewachsene Beschuldigte lebt seit langem in beschützenden Einrichtungen und war schon elfmal, davon auch einige Male freiwillig, in stationärer Unterbringung wegen psychischer Auffälligkeiten. Er war immer wieder »ausgeflippt«, wie er dem Sachverständigen Dr. Josef Eberl vom Bezirksklinikum in Gabersee erzählte. Bei diesen Ausrastern äußerte der 25-Jährige auch Morddrohungen gegen verschiedene Leute.

Der psychiatrische Gutachter beschrieb die Erkrankung des Beschuldigten als mittelgradige Intelligenzminderung mit Verhaltensstörungen und einer organisch bedingten wahnhaften Störung. Ein selbstständiges Leben sei für den jungen Mann, der vom geistigen Niveau her einem neunjährigen Kind gleiche, nicht möglich. In einer beschützenden Einrichtung komme er gut zurecht. Der 25-Jährige wisse grundsätzlich, was er dürfe und was nicht. Durch die wahnhaften Gedanken während eines akuten Schubs zur Tatzeit aber sei seine Schuldfähigkeit wahrscheinlich gänzlich aufgehoben gewesen. Die Voraussetzungen für Unterbringung in der Psychiatrie seien erfüllt.

In den vergangenen Wochen seien – dank neuer Medikation – weder Aggressionen noch wahnhafte Ideen aufgetreten. An Aussetzen der Unterbringung zur Bewährung könne gedacht werden – sofern der 25-Jährige in einer entsprechenden Einrichtung Aufnahme finde. Der Betreuer des jungen Mannes hatte eine solche zwar gefunden. Eine konkrete Zusage existiere aber noch nicht, informierte der Zeuge. Die Einrichtung, in der der Stuhlangriff geschah, wolle den Beschuldigten nicht wieder aufnehmen.

Bewährung kam nicht infrage

Bewährung zum jetzigen Zeitpunkt schloss Staatsanwalt Thomas Wüst im Plädoyer aus. Der 25-Jährige sei gefährlich für die Allgemeinheit. Mit ähnlichen erheblichen Taten sei zu rechnen – wenn der Beschuldigte seine Emotionen nicht im Griff habe. Das beurteilte der Verteidiger, Dr. Andreas Kastenbauer aus Traunstein, genauso. Sein Mandant solle vorübergehend weiterhin in einem Bezirksklinikum bleiben, bis eine Zusage für einen Platz in einer beschützenden Einrichtung vorliege.

Einem anderen einen Stuhl über den Kopf zu schlagen, dürfe man nicht, betonte der Vorsitzende Richter Dr. Jürgen Zenkel im Urteil: »Das ist eine gefährliche Körperverletzung.« Der 25-Jährige stimmte dem zu mit einem deutlichen: »Ja.« Zenkel fuhr fort, bestraft werden könne der Beschuldigte nicht. Das Urteil mit Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie bis zum Wechsel in eine beschützende Umgebung wurde mit Zustimmung des Staatsanwalts, des Verteidigers und des 25-Jährigen sofort rechtskräftig. kd

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