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Frührentner räumte 245-fachen Missbrauch ein

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Traunstein. Zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung verurteilte die Zweite Strafkammer am Landgericht Traunstein einen 53-jährigen Rosenheimer. Der Mann soll sich in 245 Fällen an seiner Stieftochter sexuell vergangen haben. Außerdem muss der Rosenheimer 1800 Euro an den Verein Frauen- und Mädchennotruf Rosenheim zahlen.


Mit Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg aus Rosenheim und der Nachbarin zur Seite war das heute 28 Jahre alte Opfer damals zur Kripo Rosenheim gekommen. Die junge Frau schilderte, regelmäßig, circa dreimal pro Woche, habe sie der Stiefvater ab dem Alter von sieben Jahren in dem abgesperrten Waschkeller missbraucht. Es habe sie »sehr geekelt«. Die Stieftochter gab zu Protokoll: »Er hat auf mich Druck ausgeübt, ja nichts zu sagen.« Es sollte »unser kleines Geheimnis bleiben«. Aufgehört habe er, nachdem sein erstes leibliches Kind auf die Welt kam.

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Der Angeklagte deutete an, im Alter von 18 Jahren selbst sexuell missbraucht worden zu sein. Mehr wollte er nicht berichten, auch nichts zu den Einzelheiten seiner Taten. Der 53-Jährige ließ seinen Verteidiger, Harald Baumgärtl aus Rosenheim, pauschal erklären, die Vorwürfe von Staatsanwalt Bernd Magiera träfen vollumfänglich zu. Der Frührentner sagte nur: »Das ist richtig. Es tut mir leid.« Ein bisschen gesprächiger war er zu seinem Lebenslauf, geprägt von Heimaufenthalten ab dem sechsten Lebensjahr, abgebrochener Lehre, von wechselnden Berufen und Arbeitsstellen, von einer zehnjährigen Beziehung ab dem 20. Lebensjahr zu einer Frau ohne jede Sexualität. 1992 heiratete er die Mutter der 28-Jährigen. 1999 trennte sich das Paar.

Die Sachverständige Sandra Loohs aus München, die die Glaubhaftigkeit des Opfers bestätigte, informierte über schwierige Verhältnisse in der Familie und eine schwere posttraumatische Belastungsstörung der 28-Jährigen. Die detailreiche Aussage der Frau sei konstant, logisch, nachvollziehbar, widerspruchsfrei und ohne Belastungseifer einzustufen. Auch sah die Gutachterin keinerlei Motivation, warum die 28-Jährige den Stiefvater falsch belasten sollte. Außerdem habe sie viel Entlastendes erzählt. Die Aussage basiere nach ihrer Überzeugung auf »Erlebnisgrundierung« – so das Fazit von Sandra Loohs.

Im Plädoyer auf eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren mit vierjähriger Bewährungszeit und mit einer Geldauflage von 3000 Euro an eine gemeinnützige Fraueneinrichtung betonte Staatsanwalt Bernd Magiera den Wert des Geständnisses. Für die 28-Jährige verzichtete Nebenklagevertreterin Manuela Denneborg auf einen Schlussantrag. Der Grund: »Meine Mandantin möchte damit dokumentieren, wie sprachlos sie über die zu erwartende Strafe ist.« Verteidiger Harald Baumgärtl hob heraus, das Geständnis sei hoch zu bewerten, ebenso, dass der Angeklagte die Taten von sich aus beendet habe. Ein Jahr und neun Monate Freiheitsstrafe mit zwei- bis dreijähriger Bewährung seien ausreichend, dazu 1000 Euro Geldauflage.

Im Urteil nannte Richter Erich Fuchs »die ganz erschreckende Zahl der Fälle« als strafschärfend. Um eigene Befriedigung zu finden, habe er sich an seiner Stieftochter vergriffen. Erich Fuchs sagte: »Ganz gravierende Schäden und Beeinträchtigungen bis hin zu Suizidgedanken – das ist dem Angeklagten zuzurechnen. Das ist seine Schuld.« Andererseits habe die 28-Jährige nicht nochmals vernommen werden müssen. Ohne Geständnis wäre vielleicht die Beweisaufnahme sehr umfangreich und belastend verlaufen. Die Sozialprognose des Angeklagten sei günstig, er sei nicht vorbestraft und habe seit den Taten straffrei gelebt. kd