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Freispruch nach tödlichem Radlersturz

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Laufen – Was war die Ursache des Sturzes mit tödlichen Folgen an diesem 18. April 2012? War es wirklich die Kiesaufschüttung auf dem Feldweg bei Steinbrünning? Ein Gutachter konnte das weder bestätigen noch ausschließen. Eine 69-jährige Radfahrerin war an dieser Stelle gestürzt und einen Monat später an den Folgen des Unfalls verstorben. Eine 27-jährige Landwirtin musste sich vor dem Laufener Amtsgericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Sie hatte am Unglückstag den Kies dort abgeladen. Richter Dr. Karl Bösenecker entschied nach mehrstündiger Verhandlung mit sieben Zeugen auf Freispruch.


Seit 30 Jahren gibt es in Saaldorf-Surheim den sogenannten Kiestag. Die Gemeinde stellt dabei kostenlos Kies zur Verfügung, mit dem die Bauern in Gemeinschaftsarbeit Feld- und Waldwege reparieren und Schlaglöscher füllen. So auch am 18. April 2012. Dem Wunsch nach Mithilfe wollte sie sich nicht verweigern, berichtete die Bäuerin, denn auch sie nutze den Weg von Steinbrünning Richtung Berchtolding.

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Gegen 11 Uhr hatte sie eine Fuhre Kies an der Stelle abgekippt, wie man ihr gesagt hatte. Ein anderer Landwirt sollte den Kies dort einebnen, tat das aber nicht. Der Grund für den 49-Jährigen: »Als ich kam, war an der Nordseite von Steinbrünning der Kies bereits angeglichen. Deshalb bin ich davon ausgegangen, dass hier alles erledigt ist.«

Ein verhängnisvoller Irrtum. Denn die 69-jährige Radlerin stürzte kurz nach 18 Uhr an genau dieser Stelle. Eine 76-jährige Rentnerin hatte den Unfall bemerkt und auf Wunsch der Radlerin nicht die Rettung, sondern deren Mann in Saaldorf verständigt. Erst von zu Hause aus war die Verunglückte mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht worden. Eine konkrete Lebensgefahr bestehe nicht, hatte man dem ermittelnden Polizeibeamten aus Freilassing mitgeteilt. Die Frau war entlassen worden, musste jedoch wenig später erneut eingeliefert werden. Schließlich starb sie an einer Blutung in der rechten Gehirnhälfte.

Zum Unfallzeitpunkt herrschte Tageslicht, erklärte Sachverständiger Franz Schmiedinger, »für einen normalsichtigen Menschen waren die Kieshaufen erkennbar«. Insgesamt sah er »Schilderungen mit Unschärfe«. Ob die Kieshaufen ursächlich für den Sturz waren, lasse sich nicht sagen und nicht ausschließen.

Man wäre ohne Gutachten am Ende genau so schlau, so Staatsanwalt Florian Walter. Egal wie der Hergang war, »ohne Kieshaufen, kein Sturz«. Das Leben als höchstes Rechtsgut müsse gegen jede Form von Fahrlässigkeit geschützt werden. Die Bäuerin habe gegen die Sorgfaltspflicht verstoßen, wenngleich ihre Schuld gering sei. Walter hielt 90 Tagessätze zu je 30 Euro für angemessen.

»Meine Mandantin war erstmals freiwillig bei dem Kiestag mit dabei«, so Rechtsanwalt Reinhard Roloff, »sie wusste, dass der seit Jahrzehnten so gemacht wird, und durfte davon ausgehen, dass es wie beschrieben abläuft.« Dagegen habe der Landwirt, der einebnen sollte, fälschlicherweise angenommen, es sei alles erledigt. »Wenn die Sache wie abgesprochen gemacht worden wäre, wäre es nicht zu diesem Vorfall gekommen«, war Roloff überzeugt. Sein Fazit: Freispruch.

Richter Karl Bösenecker gab dem Ankläger insoweit Recht, dass es ohne Kies nicht zu dem Unfall gekommen wäre. »Aber ist die Angeklagte dafür verantwortlich zu machen?« Bösenecker meinte nein, denn sie habe lediglich den Kies an dieser Stelle abladen sollen. Weitere Pflichten habe man ihr nicht auferlegt, auf die Organisation durfte sie vertrauen. Bösenecker würdigte die Gründe der Staatsanwaltschaft, sah jedoch ebenso gute Gründe für sein Urteil: Freispruch. höf

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