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Frauen auf der Flucht – gestern und heute

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Beim Internationalen Frauentag in Traunstein sprachen Samira Achmed-Zehtner (von links), Moderatorin  Margret Winnichner,  Stefanie Tschunko  und  ihre  Schwester Erna Wendlinger über ihre Erfahrungen zum Thema »Frauen auf der Flucht«. (Foto: Giesen)

Traunstein – »Wir hatten höllische Angst«, bringt es Stefanie Tschunko (86) bei einem Podiumsgespräch zum Thema »Frauen auf der Flucht« auf den Punkt. Zum 22. Internationalen Frauentag in Traunstein sprachen sie und ihre Schwester Erna Wendlinger (84) im Casino des Landratsamts vor knapp 100 Besuchern über ihre Erlebnisse vor rund 70 Jahren.


Beide mussten mit zwei weiteren Schwestern, Mutter und der 76-jährigen Großmutter ihre Heimat im südlichen Böhmen nahe Krumau im Mai 1946 Hals über Kopf verlassen. Über Nacht galt es, alles zusammenzupacken. Jeder durfte nur 50 Kilo Gepäck mitnehmen, das danach noch von Aufsichtsposten gefilzt und von Wertgegenständen »befreit« wurde.

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Somalierin flüchtete vor 26 Jahren aus ihrer Heimat

Auf dem Podium sprach außerdem die gebürtige Somalierin, Samira Achmed-Zehntner, die vor 26 Jahren als Kind mit ihrer Familie aus ihrer Heimat fliehen musste und heute, verheiratet mit einem Deutschen, zwei Kinder hat und bei der Flüchtlingshilfe der Stadt München arbeitet. Margret Winnichner, Initiatorin und Mitorganisatorin des Internationalen Frauentags in Traunstein, die als Geschäftsführerin des Diakonischen Werks in Traunstein viel mit Asylsuchenden zu tun hat, moderierte das Gespräch. Wie sie erklärte, wollte das Organisationskomitee absichtlich keine erst vor kurzem geflohenen Asylbewerberinnen aus Traunstein auf dem Podium, weil die oft traumatische Flucht erst zu kurz zurückliegt.

Samira Achmed-Zehntner berichtete von typischen Fluchtschicksalen zweier Frauen, von denen eine nicht überlebte und die andere von Schleusern vielfach vergewaltigt wurde. Als die Frau die Schutzbehauptung aufstellte, sie sei HIV positiv, wurde ihr mitgeteilt, dass dann ebenso mit der Krankheit infizierte Männer zu ihr kämen. Die Somalierin erklärte, dass die Familien häufig ihr ganzes Hab und Gut verkaufen, um einem aus der Familie, meistens einen Sohn, die Flucht zu ermöglichen und die Schleuser zu bezahlen. Die Familien hoffen, dass der Sohn sie dann später von Europa aus unterstützt. Nur wenige junge Frauen wagen es, heimlich aus Somalia zu fliehen, wo seit 25 Jahren Bürgerkrieg herrscht. Häufig würden dann die wenigen Frauen, die die Flucht schaffen eher die Familien unterstützen als die Männer.

Unter Polizeischutz zurück zur Unterkunft gebracht

Viele angeregte Fragen aus dem Publikum zeigten, wie die Zuhörerinnen, von denen viele selbst Fluchterfahrungen hatten, das Thema bewegte. Auf die Frage an alle drei, wie die Frauen in ihrer neuen Heimat aufgenommen worden seien, sagte Stefanie Tschunko, dass sie im Landkreis Traunstein, wo sie und ihre Schwester seit der Flucht wohnen, von den Einheimischen meist freundlich empfangen worden seien. Anfangs hätten sie allerdings im nördlichen Landkreis mit Polizeischutz zu ihrer Unterkunft gebracht werden müssen, weil die Hauseigentümer sie nicht haben wollten, diese aber auch kein Mitspracherecht in der Unterbringung von Flüchtlingen hatte.

Auch Samira Achmed-Zehntner lobte das hohe Engagement vieler Ehrenamtlicher in Oberbayern – oft Frauen – für die Flüchtlinge. Diese Hilfe sei auch dringend notwendig, weil die Behörden oft »komplett überfordert« seien. Dringend forderte sie, dass für die wenigen weiblichen Asylsuchenden mit Kleinkindern (die teilweise aus Vergewaltigungen während der Flucht stammen) Unterkünfte abseits von denen der Männer geschaffen werden sollten. Das »Aggressionspotential in den Sammelunterkünften« sei oft erheblich. Häufig dauere es sehr lange, bis die Frauen über ihre Erlebnisse auf der Flucht sprechen könnten.

Auf die Frage, wie die Situation in Somalia verändert werden könne, antwortete Samira Achmed-Zehntner, dass die internationalen Kräfte bemüht seien, die Situation dort zu stabilisieren. Solange die Diktatur aber von der westlichen Welt noch unterstützt werde, könne es keine wirkliche Änderung geben.

Frauentag geht bis ins 19. Jahrhundert zurück

Obwohl die drei Frauen von völlig unterschiedlichen Schicksalen sprachen, zeigten ihre Berichte, dass häufig ganz besondere Belastungen bei Flucht und Vertreibung auf den Frauen liegen. Monika Stockinger vom Organisationsteam berichtete einleitend von den Anfängen des weltweit begangenen Frauentags, der auf Streiks der Textilarbeiterinnen Mitte des 19. Jahrhunderts in den USA zurückgeht.

Musikalisch wurde die Veranstaltung von den beiden Sängerinnen Dagmar Warweg und Birgit Detsch umrahmt. Das Organisationsteam des Internationalen Frauentags besteht aus Frauen aus elf Organisationen. Im Anschluss hatten alle Frauentag-Besucher bei einem vom Team zubereiteten kalten Büffet die Möglichkeit, die hochaktuellen Themen weiter zu diskutieren. gi

Blattl Sonntag Traunstein